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Erneuerbare in BulgarienPhotovoltaik und Speicher boomen trotz politischer Turbulenzen

Wohnhäuser, dahinter kleiner Solarpark am Hang
Kleiner Solarpark in den Rhodopen im Süden Bulgariens. (Foto: Frank Stier)

Seit Jahresbeginn gehört Bulgarien zur Eurozone. Während die Regierung kurz vor Jahresende mit Protesten zum Rücktritt gezwungen wurden, erlebt der Photovoltaik-Zubau seit einigen Jahren ein kräftiges Wachstum, nun folgen Batteriespeicherprojekte.

07.01.2026 – Ende des Jahres 2025, drei Wochen vor Bulgariens Beitritt zur Eurozone, zwangen Massenproteste in der Hauptstadt Sofia und weiteren bulgarischen Städten die Rechts-Links-Koalition von Ministerpräsident Rossen Zheljaskov zum Rücktritt. Voraussichtlich Ende März 2026 werden die Bulgaren und Bulgarinnen damit ihr achtes Parlament in nur fünf Jahren wählen.

Politische Instabilität gilt als abschreckend für ausländische Investoren. Für den Sektor der Erneuerbaren Energien in Bulgarien scheint dies aber nicht zuzutreffen. Er erlebt seit einigen Jahren einen Boom vor allem der Photovoltaik. Dieser ist indes weniger eine Folge staatlicher Politik als privatwirtschaftlicher Initiative. Ausländische Projektentwickler auch aus Deutschland sind maßgeblich an ihm beteiligt.

Photovoltaik liefert beachtlichen Anteil am Strommix

Allein im Jahr 2023 wurden Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 1.300 Megawatt installiert und damit die bisherige Kapazität fast verdoppelt. Inzwischen verfügt Bulgarien nach Angaben des staatlichen Übertragungsnetzbetreibers Elektroenenergien Sistemen Operator (ESO) über eine PV-Kapazität von 4,5 Gigawatt und weitere 4,7 Gigawatt befinden sich in der Antragspipeline zur Einspeisung ins Netz.

Um die Mittagszeit des diesigen und windstillen Wintertags vom 16. Dezember 2025 steuerte die Photovoltaik ESO zufolge 30,15 Prozent zum bulgarischen Strommix bei. Damit lag die Solarenergie an zweiter Stelle hinter den vor allem mit Kohle befeuerten Heizkraftwerken mit 39,33 Prozent und deutlich vor dem Atomkraftwerk Kosloduj mit 23,51 Prozent. Der Rest verteilte sich auf kleine und große Wasserkraftwerke mit knapp 4,79Prozent, vernachlässigbar waren dagegen die Bioenergie mit 0,22 und die Windkraft mit 0,17 Prozent.

Großes Geothermie-Potenzial bisher ungenutzt

Die Geothermie fehlte völlig in diesem Energiemix. Dabei besitzt sie in Bulgarien großes Potenzial zur Erzeugung von Strom und Wärme. Nach Island verfügt das Balkanland über die zweitgrößte Anzahl an zum Teil warmen Mineralquellen in Europa.

Bisheriger Energieminister legte Fokus auf neue Reaktor-Blöcke und Gas-Infrastruktur

Regenerative Energieträger hatten für Energieminister Zhecho Stankov in den elf Monaten seiner Amtszeit keine Priorität. Dies zeigen seine Tätigkeitsberichte auf der Online-Präsenz seines Ministeriums. Sie referieren ausschließlich die ministeriellen Aktivitäten zur Errichtung zweier neuer Reaktorblöcke für das AKW Kosloduj, zur Erweiterung des sogenannten vertikalen Gaskorridors von Griechenland über Bulgarien nach Rumänien und zu den infolge des EU-Emissionshandelssystems II (EU-ETS II) immer unwirtschaftlicher werdenden Kohlekraftwerke im südostbulgarischen Maritsa-Becken.

Minister Stankov stand in der Tradition des Großteils der bulgarischen Politiker wie auch der während der sozialistischen Volksrepublik Bulgarien ausgebildeten Energieexperten. Sie präferieren große fossile und nukleare Kraftwerke gegenüber dezentralen regenerativen Energiequellen. Diese halten sie für „wenig verlässlich“ aufgrund von „Dunkelflauten“ und „schwer auszubalancierenden Ungleichgewichten im nationalen Stromnetz“.

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Die neu installierte Photovoltaik-Leistung in Europa ist erstmals seit 2016 zurückgegangen. Dies schürt Zweifel daran, ob der Kontinent seine Ausbauziele für 2030 erreichen kann. Das geht aus einem aktuellen Bericht von SolarPower Europe hervor.

Gegenüber der Europäischen Kommission hat sich Bulgarien aber verpflichtet, seinen Anteil der regenerativen Energien am Gesamtverbrauch auf 34,1 Prozent bis zum Jahr 2030 zu erhöhen. Vesselin Todorov, Gründer der Solarakademie Bulgarien in Sofia, hält dieses Ziel „auf dem Papier für erreichbar“. Als „praktische Voraussetzung dafür“, nennt er in seiner zum Jahresende 2025 erschienenen Bestandsaufnahme, „eine deutliche Beschleunigung in den Bereichen Strom, Wärme, Kälte und Verkehr“.

Bisher hat sich der bulgarische Staat schwergetan, die regulativen Hürden für den Bau kleiner Anlagen zur Erzeugung von Elektrizität und Wärme aus Sonnenenergie zu vereinfachen. Auf bulgarischen Dächern sind daher beträchtlich weniger PV- und Solarthermieanlagen zu sehen als etwa im benachbarten Griechenland.

Große Solarparks dominieren, große Batteriespeichersysteme entstehen

Die Energieexpertin Maria Trifonova von der Sofioter Universität Kliment Ohridski glaubt dennoch, eine „Solarrevolution“ in ihrem Land zu erkennen. Sie rekurriert damit auf die im ganzen Land entstandenen großen Solarparks. Um die Mittagszeit des 10. Juni 2025 sorgten sie dafür, dass Sonnenenergie erstmals Bulgariens Strombedarf für einige Stunden vollständig deckte.

Einige der entstandenen PV-Kraftwerke beanspruchen gar Superlative im internationalen Vergleich. So galt der im Juli 2024 in Betrieb genommene 400 Megawatt-PV-Park im zentralbulgarischen Apriltsi mit seinen 840.000 Heterojunction-Solarmodulen als bisher weltweit größte Anlage mit der Heterojunction-Technologie.

Und nach Angaben des Projektentwicklers Advance Green Energy verfügt sein im Mai 2025 in Lovech fertiggestellter 124 MW-PV-Park über das mit einer Kapazität von 496-MWh größte betriebsbereite Batteriespeichersystem (BESS) in der EU und das fünftgrößte der Welt.

In den vergangenen Monaten sind weitere Hybrid-Anlagen aus PV-Modulen und BESS-Containern hinzugekommen. „Dem Solarboom folgt der Batterieboom“, sagt Nikola Gazdov, Geschäftsführer der Assoziation für Produktion, Speicherung und Handel von Elektrizität (APSTE). Gegenüber dem Fachmagazin Facilities berichtete er, es seien bereits Verträge über BESS-Anlagen mit einer Speicherkapazität in Höhe von 20 Gigawattstunden unterzeichnet. Die Hälfte von ihnen solle in diesem Jahr in Betrieb gehen.

Negative Preise werden als Marktsignal für Speicherbedarf gesehen

Dass es in jüngster Vergangenheit bei starker Sonneneinstrahlung zuweilen zu negativen Strompreisen komme, hält der APSTE-Chef für ein „klassisches Marktsignal für Speicherbedarf“. Führten Spitzenwerte bei der Erzeugung von Solarenergie im Extremfall zu Negativpreisen, so ließen sich „Batteriespeicher aufladen, um die Elektrizität abends zu höheren Preise zu verkaufen“.

Gazdov hält Batteriespeichersysteme für die „ideale Lösung zum Ausgleich von Marktschwankungen“. In der Kombination mit Wind- und Solarkraftwerken könnten sie Bulgariens Grundbedarf an elektrischer Energie befriedigen und „höhere Energieautonomie und langfristige Preisstabilität“ sichern.

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Luftaufnahme eines im Bau befindlichen Solarparks auf freiem Feld. Reihen von bereits installierten Solarmodulen wechseln sich mit offenen Flächen ab, auf denen weitere Module montiert werden sollen. Baustellenfahrzeuge und Materiallager sind auf den Wegen zwischen den Modulreihen sichtbar. Im Hintergrund erstreckt sich eine ländliche Landschaft mit Feldern, Bäumen und einem Dorf.
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Windkraft stagniert seit zehn Jahren

Er hofft, dass zu der für Ende 2027 prognostizierten Solarkapazität von sieben Gigawatt auch zwei Gigawatt Windkraftkapazität hinzukommen. Denn die Windkraft stagniert in Bulgarien bei ihrer bereits vor rund zehn Jahren installieren Kapazität von gerade einmal 720 Megawatt. Grund dafür sind Gazdov zufolge die „komplexen und langwierigen Genehmigungsverfahren“. Sie führten dazu, „dass Entwicklungen großer Windparks bis zu acht Jahren dauern“.

Trotz der dynamischen Entwicklung der Erneuerbaren und vor allem der Solarenergie in Bulgarien beharren die maßgeblichen Politiker auf dem Ausbau der Atomkraft. Bis wann die geplanten neuen Reaktorblöcke für das AKE Kosloduj für wie viele Milliarden Euro fertiggestellt werden können, ist unklar. Ob sie bei ihrer Inbetriebnahme überhaupt noch gebraucht werden, ist zweifelhaft, scheint es doch durchaus möglich, dass regenerative Energieträger in Kombination mit Batteriespeichersystemen Atomkraft für Bulgarien überflüssig machen könnten. Frank Stier

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