Gastbeitrag über Klimabewegung in Norwegen: Kein Konsens in Norwegen zum Ausstieg aus dem Öl

Der fossile Rohstoffsektor hat in Norwegen wenig Kritiker. Die CO2-Reduktion bei der Öl- und Gas-Förderung, die Eigentümerschaft des Staates und der innereuropäische Handel sorgen für Goodwill. Die norwegische Klimabewegung sieht das anders.
04.12.2025 – Am 2. und 3. Dezember 2025 wurden vor dem Obersten Gerichtshof in Oslo (Norges Højsterett) zwei Fälle aus dem Umfeld der norwegischen Klimabewegung verhandelt, die aus den Jahren 2022 und 2023 herrühren. Im November 2022 hatte die Gruppe Stopp Oljeletinga (Stoppt die Ölsuche) im Frognerpark in Oslo den zentralen Monolith – eine Menschensäule in Granit – mit orangener Farbe beworfen.
Im Jahr darauf bewarfen zwei andere Aktivist:innen der Gruppe den Eingangsbereich des Klima- und Umweltministeriums mit Farbe. Ihr Protest richtete sich gegen ein Statement der Regierung. Die Klimakommission hatte ein Ende der Suche nach fossilen Rohstoffen empfohlen. „Das norwegische Öl wird entwickelt, nicht abgewickelt!“, lautete die offizielle Reaktion. Stattdessen wurde eine Rekordzahl an Konzessionen vergeben. Die Urteile zu diesen Protesten werden erst in einigen Wochen erwartet.
Volk gegen die Fossilmacht
Inzwischen hat sich diese Protestbewegung gewandelt und heißt jetzt Folk mot Fossilmakta (Volk gegen die Fossilmacht). Folk mot Fossilmakta ist weniger konfrontativ, erläutert die aus Deutschland stammende Aktivistin Anne Klenge, die auch im Skulpturenpark dabei war: „Wir bezeichnen uns als Klima- und Demokratiekampagne. Die Klimakrise ist das wichtigste Zukunftsproblem, aber in Norwegen besteht auch viel Potenzial darin, die Demokratieebene anzusprechen.“ Klenge findet in Norwegen besonders die kurzen Wege der norwegischen Demokratie gut, aber: „Irgendwas ist in Norwegen komisch, so eine Art Klimademokratie, aber gleichzeitig wird weiter nach sehr viel Öl gesucht.“
Proteste eröffnen Dialoge
Eine Aktion bei der Ski-WM im Februar 2025 war gegen das Sponsoring des staatlichen Öl-und Gaskonzerns Equinor gerichtet: „Das ist extrem undemokratisch, es macht die Leute stumm und die Lobby erkauft sich den Status Quo durch Geld“, sagt Anne Klenge. Auf die Blockade der Strecken wurde verzichtet, als sich eine Gruppe von Sportler:innen bereit erklärte, langfristig in den Dialog zu treten: „Unser Protest ist natürlich auch störend, was immer auf Gegenwind stößt. Aber generell haben wir schon gemerkt, dass es eben auch eine Konversation eröffnet, das gab es vorher nicht, das ist für uns extrem wichtig.“
Petroganda oder Klimakultur
„Was wir tun, wird immer noch als radikal, aktivistisch und politisch angesehen. Die doch offensichtliche Verbindung zwischen Klima und Öl ist noch nicht wirklich in den Köpfen angekommen. Deshalb haben wir ein Petroganda-Festival gemacht.“ Das sagt Julie Forchhammer, Mitgründerin der norwegischen NGO Klimakultur, die sich der Beeinflussung der norwegischen Gesellschaft durch die fossile Lobby widmet.
Sie nennt es Petroganda, beispielsweise das vielfältige Engagement des Staatskonzerns Equinor als Sponsor in Bildung, Sport und Kultur. Die fossilen Logos seien allgegenwärtig, die Angebote der Öllobby reichen vom Sponsoring des Bergen-Festivals oder der Langlaufmeisterschaften bis zur Bereitstellung von Spielen für die Kleinsten.
Forchhammer meint, die Allgegenwärtigkeit der Erzählung vom guten Öl konditioniere die Norweger von Kindheit an. Es sei schwer, gegen diese Sprache anzugehen, die sie als „Equinorsk“ bezeichnet, also Equi-Norwegisch. Das von Klimakultur organsierte Petroganda-Festival schuf im Oktober 2025 einen offenen Raum für neue Gegenerzählungen.
Klimaschutz und Petrostaat
Die alte Erzählung hat zwei Stränge: Norwegen ist seit Gro Harlem Brundtland ein Vorreiter im Klimaschutz, und das Öl- und Gasgeschäft sichert den Wohlfahrtsstaat. Historisch gesehen gibt es in Norwegen immer wieder Einspruch gegen das Norwegische Modell, inzwischen besser bekannt als das Norwegische Paradox, aber die Schulstreiks mit der Forderung Stopp Öl blieben ergebnislos. Politisch fordern die Umweltpartei Die Roten (Røtt), die sozialistische Linkspartei (SV) und die Grünen (MPG) ein Ende der Suche nach neuen Vorkommen.
Effektiv ist der Klageweg. Greenpeace Nordic und der einflussreiche Verband Natur och Ungdom (Natur und Jugend) klagten 2020 gegen die Ausweitung der Ölsuche in arktischen Zonen (Klimaklage I). In der Folge verpflichtete der Oberste Gerichtshof die norwegische Regierung, bei zukünftigen Konzessionsvergaben die globalen Auswirkungen von neuen Förderprojekten darzulegen. Bisher hat die norwegische Klimabilanz die Emissionen beim Verbrauch des Öls im Ausland „vergessen“. Die geforderte Folgenabschätzung erfolgte bei drei neuen Projekten nicht korrekt, weshalb sie laut Berufungsurteil (Lagmannsretten) vom 14.11.2025 ungültig ist (Klimaklage II).
Es sind deutliche Winke, aber zwei der Projekte fördern schon und das dritte, das derzeit größte in Norwegen namens Yggdrasil, wird unbeirrt weiterentwickelt. Auch der staatliche Öl-und Gaskonzern Equinor erklärt offen, dass er auf dem jetzigen Stand bis 2034 weiter fördern will. Und dieser Stand hat sich aufgrund der erhöhten Nachfrage aus Europa durch den Ukraine-Krieg bereits erheblich erhöht.
Aktuell droht ein Scheitern des Haushaltsplans 2026, weil die Grünen einen Passus zum Öl- und Gas-Ausstieg verankert sehen wollen. Zudem hadert die Sozialistische Linkspartei damit, dass weiterhin Ölfondsinvestitionen in israelische Siedlerprojekte fließen.
Ein Gastbeitrag von Jane Tversted und Martin Zähringer
Jane Tversted, geboren in Kopenhagen, und Martin Zähringer, gebürtiger Schwarzwälder, leben und arbeiten in Berlin, schreiben oft über Klimathemen auch aus kultureller Perspektive und derzeit besonders mit dem Fokus Energie – Konflikte, Kämpfe, Geschichte und Transformation.

















































