Kernenergie: EU-Subventionen für nukleare Fata Morgana

Die EU hat ihre Strategie zur Förderung von kleinen modularen Reaktoren – SMRs – veröffentlicht. Deutschland und die Wissenschaft widersprechen: Atomkraft bleibt unwirtschaftlich, risikoreich und schafft mehr Probleme, als sie löst.
13.03.2026 – 15 Jahre nach Fukushima legt die EU ein neues Förderprogramm für Atomkraft auf. Die Europäische Kommission forciert mit einer neuen Förderstrategie Entwicklung und Einsatz von kleinen modularen Reaktoren (SMRs) und fortschrittlichen modularen Reaktoren (AMRs) in Europa. Aus Deutschland kommt Kritik.
Abkehr von der Kernenergie
"Es spricht Bände, dass der Kern dieser rückwärtsgewandten Strategie aus neuen Subventionen für Atomkraftwerke besteht“, sagt Bundesumweltminister Carsten Schneider. „Wenn eine Risiko-Technologie nach einem dreiviertel Jahrhundert noch immer am staatlichen Tropf hängt und es längst bessere Alternativen gibt, sollte man daraus Konsequenzen ziehen. Stattdessen noch mehr Steuergeld für neue Risikoreaktoren auszugeben, lehne ich ab.“
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte die Kernenergie beim gleichnamigen Gipfel diese Woche in Paris gepriesen, und als bezahlbare und emissionsarme Stromquelle neben den Erneuerbaren bezeichnet. Den Rückgang der Kernenergie in Europa seit den 1990ern nannte sie einen strategischen Fehler.
Global verliert Atomenergie für die Stromerzeugung weiter an Bedeutung, zeigt der World Nuclear Industry Status Report 2025. Selbst im Kernenergieland Frankreich regen sich Zweifel. Für den derzeitigen Kernkraftausbau sind vor allem China und Russland verantwortlich, die es wohl mehr auf kernwaffenfähiges Tritium abgesehen haben als auf Strom. Die zivile Nutzung der Kernenergie ist untrennbar mit nuklearer Aufrüstung verflochten, und ihr Ausbau befeuert immer auch ein neues globales Wettrüsten. Gleichzeitig zementiert die Verfügbarkeit des Brennmaterials Uran geopolitische Abhängigkeiten, besonders von Russland. Solar- und Windenergie erreichten hingegen im vergangenen Jahr einen Anteil von 30 Prozent am EU-Strommix und überholten damit fossile Energieträger.
„Um nennenswert neue Reaktoren zu errichten, müsste sehr viel Geld in die Hand genommen werden, das dann anderer Stelle fehlen würde“, widerspricht Schneider. „Dazu kommt: Diese kleinen Atomkraftwerke werden schon seit Jahrzehnten angekündigt, schaffen aber den Durchbruch nicht und ringen stattdessen um Subventionen.“
Neue Subventionen für rückwärtsgewandte Strategie
Die EU-Strategie forciert, erste europäische SMR-Projekte bis Anfang der 2030er Jahre zu realisieren. Ein einheitlicher Ansatz von EU-Ländern, Industrie, Regulierungsbehörden und Investoren soll die Kommerzialisierung beschleunigen. Dabei soll eine wettbewerbsfähige europäische Lieferkette inklusive des Brennstoffkreislaufs aufgebaut werden. Neben interessierten EU-Ländern soll die Europäische Industrieallianz für SMRs eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung spielen.
Die Kommission prognostiziert, dass die gesamte SMR-Kapazität in der EU bis 2050 zwischen 17 GW und 53 GW erreichen und Erneuerbare Energien sinnvoll ergänzen könnte. Für die nuklearen Ambitionen der EU-Länder – inklusive Laufzeitverlängerung bestehender Reaktoren, dem Bau neuer Großanlagen sowie zusätzliche Investitionen für SMRs, AMRs und Fusionstechnologien – werden bis 2050 Investitionen in Höhe von rund 241 Milliarden Euro erforderlich.
Kleinere Anlagen, größere Probleme
SMRs werden seit einigen Jahren als Zukunft der Atomindustrie gehypt. Sie gelten vielen als Lösung für die Probleme herkömmlicher AKW wie hoher Baukosten, langer Konstruktionszeiten und großer Mengen hochradioaktivem Atommüll. Von kleinen Reaktoren seien im Allgemeinen eine einfachere Konstruktion, eine kostengünstige – modulare – Herstellung in Fabriken, kürzere Bauzeiten und geringere Standortkosten zu erwarten, behauptet die World Nuclear Association.
Ein Gutachten des Okö-Instituts im Auftrag des Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) zeigte bereits vor einigen Jahren, dass die Annahmen über die Vorteile kleiner Reaktoren kaum haltbar sind. Bei bisherigen Projekten konnte etwa die Senkung der Bauzeiten und -kosten nicht bestätigt werden. Ebenso wie nahezu alle anderen Reaktorprojekte verzögerten oder verzögern sie sich um ein Vielfaches der geplanten Bauzeit. Weiterhin legen Erfahrungen aus der Atomindustrie nahe, dass etwa 3000 SMRs produziert werden müssten, bevor sich der Einstieg in die Produktion lohnen würde. Es sei nicht zu erwarten, dass die Kostennachteile durch Lern- oder Masseneffekte kompensiert werden können, so die Autoren der Studie. Komplikationen und sicherheitstechnische Risiken, die sich aus der deutlich höheren Anzahl der benötigten SMRs ergeben, seien bei der Planung zudem weitgehend vernachlässigt worden. Besonders Transport und Rückbau wurden bisher nicht näher untersucht.
SMRs produzieren mehr Atommüll
Eine Stanford-Studie hat zudem gezeigt, dass bei SMRs bis zu 30-mal mehr radioaktive Abfälle anfallen könnten als bei herkömmlichen Reaktoren. Als Abfälle werden genutzte Brennelemente sowie schwach- und mittelaktive Abfälle gezählt.
Die radioaktiv verseuchten Abfälle nehmen deshalb zu, weil in kleinen Reaktoren mehr Neutronenleckagen entstehen als in größeren. Neutronenleckagen sind Teil jeder Kernspaltung. Für die Reaktion in SMRs muss allerdings Brennmaterial genutzt werden, dass stärker angereichert ist und einen kleineren Kern hat. Ein kleiner Kern verliere zwangsläufig einen größeren Teil der erzeugten Neutronen, erklärt die Hauptautorin der Studie, Lindsay Krall. Die kritische Kettenreaktion aufrecht zu erhalten, und die Reaktion zu kontrollieren, sei bei SMRs deshalb schwieriger.
Um die Neutronenleckage abzufangen, wird mehr Material zur Abschirmung radioaktiv verstrahlt, das irgendwann endgelagert werden muss. So entstehe an mehreren Stellen mehr hochradioaktiver Atommüll, der besonders schwer zu lagern ist, und mehr Platz benötigt, resümieren die Autoren der Studie.
Nukleare Fata Morgana
Statt einer sicheren, kostengünstigen und emissionsarmen Ergänzung zu Erneuerbaren sind von den kleinen Reaktoren folglich noch mehr Probleme zu erwarten als von herkömmlichen AKW.
„Auch wenn die Anlagen kleiner werden, werden die Probleme in der Summe größer“, fasst Schneider treffend zusammen. „Sauberer, ungefährlicher Strom aus Wind und Sonne ist günstiger, treibt längst die Energiewende an und produziert keinen strahlenden Müll. Für Deutschland gilt nach wie vor: Statt auf eine nukleare Fata Morgana setzen wir auf bessere, sicherere und günstigere Alternativen.“ Julia Broich



















































