Görlitz: Konsequent und grenzüberschreitend auf dem Klimaschutz-Pfad

In Europa und Berlin drohen Klimaschutzbestrebungen wieder eingerissen zu werden. Nicht so in der Stadt Görlitz. Dort wird seit 2019 konsequent der Weg der Energie- und Wärmewende verfolgt – und das grenzüberschreitend.
15.07.2026 – Im Jahr 2019 war Klimaschutz das Thema schlechthin in Europa. Millionen folgten Fridays for Future und Co. auf die Straße und mit dem Thema ließen sich Wahlen gewinnen. Deutsche Wähler:innen votierten bei der Europawahl klar für Parteien, denen Klimaschutz ein Anliegen war. Auch in der Stadt Görlitz, an der deutsch-polnischen Grenze, wurde Klimaschutz im Bürgermeisterwahlkampf 2019 zu einem wichtigen Thema. Nach der Wahl des heutigen Oberbürgermeisters Octavian Ursu machten sich die Verantwortlichen dran, Versprechungen mit Leben zu füllen.
Blickt man heute auf Deutschland und Europa, verkommt Klimaschutz politisch zum Randthema und wird teilweise sogar von den Verantwortlichen ins Kreuzfeuer genommen. Rechte Narrative befeuern Anti-Klimaschutz-Stimmung in Europa und Konservative springen auf den Zug auf.
In Deutschland drohen mühsam von der Ampel-Regierung aufgebaute Energiewende-Bestrebungen wieder eingerissen zu werden. Nicht so in Görlitz. Dort wird der 2019 eingeschlagene Weg konsequent weiterverfolgt.
Das Forschungsprojekt TRUST („Transformation auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt“), das vom Interdisziplinären Zentrum für transformativen Stadtumbau (IZS) des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung begleitet wurde, entwickelte in vier Jahren umfassende Transformationspfade für die Bereiche Energie, Mobilität, Bauen, Bildung und Stadtentwicklung.
Rund 40 Akteur:innen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft kamen regelmäßig zusammen, analysierten den Status quo, entwickelten Zukunftsbilder und erprobten konkrete Maßnahmen. Wie in vielen mittelgroßen Städten, bewegen sich die Beteiligten gleichzeitig in unterschiedlichen Rollen – als Unternehmer, Stadträte, Vereinsvorstände oder Verwaltungsmitarbeitende. Laut Projektleiter Robert Knippschild – Professor am IZS – wurden vorhandene Netzwerke erstmals systematisch auf Klimafragen ausgerichtet. Darin habe ein großer Mehrwert des Projekts gelegen.
Das größte Infrastrukturvorhaben, dass aus diesem Prozess hervorging, heißt „United Heat“ – ein Wärmewende-Projekt, das zugleich den europäischen Gedanken in sich trägt. Hinter dem Projektnamen steht das Ziel, die Fernwärmenetze von Görlitz und der polnischen Stadt Zgorzelec zu verbinden und zu dekarbonisieren. Zgorzelec liegt auf der anderen Seite des Grenzflusses, der Neiße. Durch vielfältige kulturelle Verbindungen tragen Görlitz und Zgorzelec seit 1998 bereits den gemeinsamen Titel „Europastadt“. Künftig soll auch die Wärmeversorgung verbinden.
Noch versorgen die Stadtwerke die Bewohner von Görlitz mit fossiler Fernwärme. Dafür sorgen vier Erdgas betriebene Blockheizkraftwerke (BHKWs). Auf polnischer Seite ist es das mit Kohle und Erdgas betriebene Heizwerk Groszowa der SEC Zgorzelec, das die Bürger versorgt. 50.000 Tonnen CO2 jährlich verursacht die Wärmeversorgung der beiden Städte aktuell. Der Bau von 12 Kilometern neuen Fernwärmeleitungen, davon 2,4 km zwischen Görlitz und Zgorzelec, sowie mehrere neue Erzeugungsanlagen sollen bis 2030 das fossile Zeitalter beenden.
Die Verbindung der aktuell fünf Fernwärmegebiete auf beiden Seiten der Neiße soll eine effizientere und flexible Nutzung der Wärme ermöglichen. Biomasse – mit 48 Prozent – soll den größten Anteil der künftigen Wärmeversorgung meistern. Mit rund einem Drittel, werden einen gewichtigen Anteil auch Wärmepumpen decken. Dafür bauen die Stadtwerke auf Görlitzer Seite mehrere Großwärmepumpen, die Wärme aus dem Berzdorfer See und dem gereinigten Abwasser der Kläranlage „Nord“ in Görlitz nutzen. 17 Prozent der Fernwärme soll mit Solarthermie in Kombination mit saisonalen Wärmespeichern erzeugt werden. Für jeweils ein Prozent sorgen Abwärmenutzung und Power-to-Heat. 12 Kilometer neue Netzinfrastruktur sind geplant. Kostenpunkt: 195 Millionen Euro – davon etwa 158 Millionen Euro auf deutscher und 37 Millionen Euro auf polnischer Seite.
„Die finanzielle Unterstützung durch EU und Bund macht den Unterschied zwischen Vision und Wirklichkeit aus", zitiert die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) Matthias Block, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Görlitz AG. „Ohne diese Förderung wäre das Projekt in der geplanten Form nicht realisierbar. Zumindest nicht, wenn wir weiterhin wettbewerbsfähige Preise für unsere Kunden anbieten wollen.“ Die AEE hat Görlitz im Juli zur Energiekommune des Monats ausgezeichnet.
„Energizing Borders"
Neben „UNITED HEAT" engagieren sich Görlitz und Zgorzelec auch beim Aufbau grenzüberschreitender Energiegemeinschaften. Das Vorhaben trägt den Namen „Energizing Borders". Ausgangspunkt ist ein konkretes Problem: Netzengpässe blockieren auf beiden Seiten der Neiße den Anschluss neuer Erneuerbarer-Energien-Projekte – gemeinsam lassen sich Förderanträge und Lösungsansätze wirkungsvoller entwickeln als im nationalen Alleingang.
Wie die AEE berichtet, zeigte sich beim ersten binationalen Workshop im Juni 2026 in Zgorzelec wo die eigentliche Hürde liegt: nicht im fehlenden technischen Know-how, sondern in den unterschiedlichen Rechtsrahmen beiderseits der Grenze. Während das EU-Recht gemeinsame Energiegemeinschaften grundsätzlich vorsieht, fehlen auf nationaler Ebene noch die passenden Umsetzungsregeln. Als Zwischenlösung wird geprüft, ob bestehende Strukturen auf beiden Seiten so miteinander verknüpft werden können, dass sie in Datenverwaltung, Bilanzierung und Investitionsplanung bereits gemeinsam agieren, ohne dass dafür sofort Strom physisch über die Grenze fließen muss.
Auch bei der Klimaanpassung kooperieren die Städte. Im Projekt „CRossWATER" entwickeln die TU Dresden, die Schlesische Universität Katowice, die Städte Görlitz und Zgorzelec sowie die lokalen Wasserversorger gemeinsam ein modernes Grundwassermanagementsystem. Bis 2027 sollen ein erweitertes Messnetz mit modernen Sensoren und eine digitale Plattform zur Echtzeit-Analyse der Wasserressourcen aufgebaut werden – damit beide Städte schneller auf Dürren oder Verschmutzungen reagieren können.
Als nächstes soll der Wohnungsbestand in den Blick genommen werden. Görlitz verfügt über rund 5.000 leerstehende Wohnungen, gleichzeitig wird mit dem Aufbau des Deutschen Zentrums für Astrophysik ein deutlicher Zuzug von Fachkräften erwartet. Es stellt sich die Frage, wie bestehende Gebäude aktiviert und saniert werden können, anstatt zusätzlichen Flächenverbrauch durch Neubauten zu erzeugen. mg/ AEE


















































