Foto: Rica Rosa

Nachgefragt 06.02.2026

Man sieht, wie stark die Energiewende politisch aufgeladen ist

Die Deutschen schauen derzeit weniger positiv auf die Energiewende als noch vor wenigen Jahren. Sie sorgen sich vor allem vor finanzieller Belastung. Wie stark sich der Einzelne betroffen fühlt, hängt auch von der politischen Orientierung ab.

Janina Mütze ist Gründerin und Geschäftsführerin von Civey, einem Online-Meinungsforschungsunternehmen


Nachgefragt 06.02.2026

Man sieht, wie stark die Energiewende politisch aufgeladen ist

Die Deutschen schauen derzeit weniger positiv auf die Energiewende als noch vor wenigen Jahren. Sie sorgen sich vor allem vor finanzieller Belastung. Wie stark sich der Einzelne betroffen fühlt, hängt auch von der politischen Orientierung ab.

Foto: Rica Rosa

Janina Mütze ist Gründerin und Geschäftsführerin von Civey, einem Online-Meinungsforschungsunternehmen



Frau Mütze, wie blicken die Menschen in Deutschland auf Umwelt- und Klimapolitik?

Janina Mütze: Den Menschen ist Umwelt- und Klimapolitik nicht egal. Sie verstehen auch die Relevanz und die Sinnhaftigkeit der Energiewende. Allerdings konkurrieren so viele andere Themen um die Aufmerksamkeit. Die Menschen haben Sorgen in Bezug auf die Zukunft. Mittlerweile denkt rund jeder Zweite, dass es ihm in den nächsten fünf Jahren finanziell schlechter gehen wird. Der Druck vor finanzieller Überlastung ist sehr, sehr hoch. Da wird die Energiewende schnell als weitere Bedrohung auf der Kostenebene wahrgenommen. Das Narrativ für ein besseres grünes Morgen reicht als Argumentation nicht mehr aus. Man muss jetzt wieder stärker über die Kosten argumentieren.

Sie treffen auch Aussagen dazu, wie stark sich die Menschen von der Energiewende betroffen fühlen…

Ja. 60 Prozent der Menschen fühlen sich sehr stark oder eher stark persönlich von den Auswirkungen der Energiewende betroffen. Diese Betroffenheit ist in den Ost-Bundesländern stärker ausgeprägt als im Westen. Aber auch an den politischen Rändern nimmt die Betroffenheit zu. 87 Prozent der AfD-Wählenden fühlen sich stark betroffen, aber nur etwas mehr als 25 Prozent der Grünen-Wählerinnen und Wähler. Daran sieht man, wie sehr die Energiewende politisch aufgeladen ist.

Was steckt konkret hinter dieser Betroffenheit?

Das sind vor allem die Kosten. 66 Prozent der Befragten sorgen sich, dass sie die Maßnahmen zum Klimaschutz finanziell überlasten könnten. Aber auch ein Gefühl der Überforderung steckt in dieser Betroffenheit. Das zeigt eine Kundenstudie, die aufzeigt, was Menschen mit der Energiewende assoziieren. Die Antworten waren ernüchternd. 40 Prozent sprachen von Überforderung, 32 Prozent von Unsicherheit. Modernisierung ist für ein Viertel der Bevölkerung mit der Energiewende verbunden. Planbarkeit und Struktur verbindet dagegen nur ein sehr kleiner Teil damit.

Hier könnte man ansetzen, um die Akzeptanz der Energiewende wieder ein Stück weit zu erhöhen. Wir sehen, dass immer dann, wenn die Menschen vor Ort von einem Projekt profitieren, die Zustimmung steigt. Als Beispiel kann ich die Lausitz nennen, nicht gerade bekannt als der grünste Wahlkreis. Aber dennoch sehen wir dort höhere Zustimmungswerte in Bezug auf die Transformation Richtung Erneuerbare, weil das mit einem Zukunftsversprechen für die Region konnotiert wird.

Wie könnte man das Gefühl der Überforderung auflösen?

Ich glaube, es beginnt mit Ehrlichkeit. Der Kostenaspekt wurde lange nicht ehrlich aufgegriffen. Die Energiewende kostet Geld, für manche Unternehmen ist das ein Geschäftsmodell, für die Gesellschaft als Ganzes sind es Kosten. Dann gilt es, sich dem „Warum“ zu widmen, warum wir diese Transformation als Gesellschaft auf uns nehmen wollen. Hier hat der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine einen tiefen Eindruck hinterlassen. Drei Viertel der Deutschen machen sich wirklich Sorgen, dass ein Infrastrukturangriff unser Land in Teilen lahmlegen könnte. In der Konsequenz verstehen die Menschen, das Dezentralität in der Energieversorgung weniger verwundbar macht. Den Menschen die Möglichkeit zu geben, in eigener Verantwortung einen Beitrag zu leisten, ist ein möglicher Hebel.

Die einzelnen Energieträger erfreuen sich recht unterschiedlicher Beliebtheit…

Bei der Frage, welche Energiequellen oder Energieträger für die Sicherung der Energieversorgung in Deutschland unverzichtbar sind, landet die Solarenergie mit 60 Prozent auf Platz eins, gefolgt von der Windkraft mit 56 Prozent. Aber auch fast 52 Prozent der Deutschen und damit mehr als die Hälfte, betrachtet die Atomenergie für die Energieversorgung als unverzichtbar. Das wurde politisch stark gespielt in den letzten Jahren – das ist eine Begründung für diesen Wert. Aber es gibt eben auch den Wunsch nach Sicherheit durch Atomkraft. Der Prozess des Atomausstiegs ging aus Sicht einiger doch sehr schnell. Darüber hinaus wird – gerade aus Teilen der CSU – die Atomkraft in Form der Minireaktoren stark mit einem Innovationsnarrativ verbunden. Auch das fällt auf fruchtbaren Boden. Was wir aber auch an den Verteilungen sehen: die Menschen wollen einen Energiemix, sie wollen keine Abhängigkeit, sondern die Kombination. Wie stark sie einzelne Energieträger favorisieren, hängt allerdings wieder auch mit ihrer politischen Einstellung zusammen.

Was für Chancen bestehen, dass die Energiewende wieder positiver wahrgenommen wird?

Der Blick auf die Energiewende wurde in den letzten Jahren sorgenvoller, aber vielleicht haben wir jetzt die Talsohle überschritten. Manche Zustimmungskurven gehen wieder nach oben. Jetzt gilt es – vor allem wenn das Thema gerade nicht im politischen Fokus steht – eine faktenbasierte Kommunikation nah am Verbraucher und Konsumenten ins Zentrum zu stellen. Jeder, der als Unternehmensvertreter zu Eigentümern oder Mietern ins Haus kommt und ein Gespräch führen kann, hinterlässt einen anderen Eindruck als jemand aus Berlin, dem unterstellt wird, in erster Linie eine politische Agenda zu verfolgen. Genau diesen Kontakt gilt es zu nutzen, um möglichst entpolitisiert aufzuklären – über die bestehenden Chancen und die Kosten, die zu tragen sind.

Wie arbeitet Civey, was verbirgt sich hinter der Aussage, dass Sie Live-Umfragen durchführen?

Seit 11 Jahren erhebt Civey als Markt- und Meinungsforschungsunternehmen Daten zu ausgewählten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen. Zu den Auftraggebern gehören Unternehmen, einzelne Parteien, Medien oder Verbände. Das Thema Energiewende und -politik beschäftigt uns immer wieder, weil da einfach vieles in Bewegung ist. Unsere Stärke liegt in der schnellen und durchgehenden Live-Erhebung in unserem onlinebasierten Civey Panel. Grundsätzlich dürfen erst einmal alle mitmachen und die Fragen beantworten, doch dahinter liegt ein automatisierter Prozess, der für repräsentative Ergebnisse sorgt. So findet eine Verifizierung der Teilnehmenden statt. Nur wer als verifiziert gilt, ist Teil des Civey Panels. Wir ziehen aus den Antworten dann jeweils quotierte Stichproben. Anschließend findet eine Gewichtung beispielsweise nach Alter und Geschlecht vollautomatisiert statt, so dass unsere Kunden auf repräsentative Live-Daten zugreifen können.

Das Gespräch führte Petra Franke.

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