Australiens Energiewende Teil3: Milliardenkosten und Bauverzögerungen bremsen die Euphorie

Die australischen Bundesstaaten setzen unterschiedliche Schwerpunkte auf ihrem Weg der Energiewende. In ländlichen Gebieten regt sich Widerstand gegen konkrete Projekte und Großprojekte verzögern sich.
26.06.2026 – So beeindruckend die Ausbauzahlen sind, bei einigen Großprojekten zeigt sich die Kehrseite der Medaille. Das gigantische Pumpspeicherkraftwerk Snowy 2.0 mit einer geplanten Leistung von 2.200 Megawatt ist in diesem Zusammenhang das prominenteste Beispiel. Künftig soll es als riesige Batterie fungieren und überschüssigen Solar- und Windstrom speichern, um ihn bei Bedarf wieder ins Netz einzuspeisen. Die Fertigstellung des Projektes jedoch ist massiv in Verzug geraten: Ursprünglich war geplant, die Anlage bereits 2025 in Betrieb zu nehmen, nun wird als Termin „frühestens Ende 2028“ genannt. Auch die Kosten sind auf mehr als 12 Milliarden australische Dollar explodiert – und damit auf ein Vielfaches früherer Kalkulationen.
Ähnliche Probleme zeigen sich bei wichtigen Netzausbauprojekten. Der Interkonnektor VNI West, der die Bundesstaaten Victoria und New South Wales verbinden soll, wird voraussichtlich erst 2030 fertig und könnte bis zu 11,4 Milliarden Dollar kosten. Project EnergyConnect, eine 900 Kilometer lange Übertragungsleitung zwischen South Australia, New South Wales und Victoria, soll bis Ende 2026 in Betrieb gehen. HumeLink, eine 360 Kilometer lange Trasse, die Snowy 2.0 mit dem Großraum Sydney verbinden wird, befindet sich im Bau. Der Bau des Marinus Link, ein 1.500-Megawatt-Unterseekabel zwischen Tasmanien und Victoria, soll 2026 beginnen. Nur die größten Optimisten in der australischen Fachwelt rechnen damit, dass die Zeitpläne eingehalten werden.
Dabei ist die Fertigstellung dieser Projekte kein Wunsch, sondern schiere Notwendigkeit. Der australische Netzbetreiber AEMO hat in seinem Integrated System Plan eine Verdreifachung der Netzkapazität bis 2050 gefordert. Die Warnung ist unmissverständlich: Ohne diesen massiven Ausbau würden Engpässe und Instabilitäten den gesamten Transformationsprozess der australischen Wirtschaft gefährden.
Mehrere Bundesstaaten treiben Australiens Energiewende voran
Die Energiewende in Australien wird nicht nur aus der Hauptstadt Canberra gesteuert – die Bundesstaaten spielen eine mindestens ebenso wichtige Rolle. South Australia ist dabei der unangefochtene Vorreiter. Bereits 2023 stammten rund 75 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen, bis 2027 will man die Marke von 100 Prozent erreichen. Das ist durchaus realistisch, denn der Bundesstaat hat früh auf große Batteriespeicher gesetzt und gilt als Testlabor für die Integration hoher Anteile erneuerbarer Energien in ein stabiles Stromnetz.
Victoria wiederum positioniert sich als Zentrum der Offshore-Windkraft und hat sechs sogenannte Renewable Energy Zones für den konzentrierten Ausbau ausgewiesen. Das Ziel: Bis 2035 möchte man bei der erneuerbaren Stromerzeugung einen Wert von 95 Prozent erreichen. Queensland indes hinkt noch hinterher: Zwar investiert der Bundesstaat 19 Milliarden Dollar in den Umbau seines Energiesystems und plant große Pumpspeicherprojekte, ringt aber noch mit dem Zeitplan für den Kohleausstieg. Und auch in New South Wales läuft die Energiewende derzeit noch mit angezogener Handbremse. Hier setzt die Regierung auf 12 Gigawatt neue erneuerbare Kapazität und 2 Gigawatt Speicher bis 2030, kämpft jedoch mit Widerständen in ländlichen Regionen.
Nicht alle Australier sind von der Energiewende begeistert
Denn die Energiewende hat auch Verlierer – oder zumindest Menschen, die sich als solche fühlen. In den ländlichen Gebieten Australiens wächst der Unmut über neue, durch Farmland gezogene Hochspannungsleitungen, über Windparks, die das Landschaftsbild verändern, und über Solarfelder, die wertvolles Ackerland beanspruchen. Landwirte fordern stärkere Schutzmaßnahmen und eine bessere Beteiligung an den Gewinnen. Die Genehmigungsverfahren sind langwierig, die Bürokratie komplex, und nicht selten scheitern Projekte am lokalen Widerstand.
Auch diese Probleme sind keineswegs ein australisches Phänomen, sondern klingen fast wie aus einer Reportage über die Schwierigkeiten der deutschen Energiewende. Doch es gibt clevere Ideen, wie sich Konflikte um Flächen und Ressourcen beilegen lassen.
Hinsichtlich der Dimensionen lässt sich Europa natürlich kaum mit Australien vergleichen. Wenn eine einzelne Übertragungsleitung 900 Kilometer lang ist und durch Dutzende Gemeinden führt, multiplizieren sich die Konflikte. Die australische Regierung hat darauf mit neuen Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung reagiert. Außerdem werden einzelne Projekte auf ihre soziale Verträglichkeit überprüft und bei Bedarf angepasst. Wird das aus Sicht der betroffenen Menschen ausreichen? Diese Frage lässt sich aus heutiger Sicht noch nicht vollumfänglich beantworten.
Erdgas bleibt ein unsicherer Puffer
Mittelfristig bleibt ein fossiler Energieträger eine wichtige Säule für die australische Energieversorgung. Zwar ist das Aus für die Kohle besiegelt und die ersten Kraftwerke wurden bereits abgeschaltet, doch Gas bleibt als flexibles Backup für Zeiten der Dunkelflaute vorerst unverzichtbar. Allerdings steht die Gasversorgung selbst unter Druck. Ab 2027 drohen Engpässe bei der heimischen Gasproduktion, die Preise sind volatil, und die Frage, wie lange Gas noch als Übergangstechnologie dienen soll, ist politisch hoch umstritten.
Unabhängige Forschungsinstitute wie das Grattan Institute und das Climateworks Centre mahnen daher, dass der Ausbau von Batteriespeichern und anderen Flexibilitätsoptionen schneller voranschreiten muss, um die Abhängigkeit von Gas zu reduzieren. Immerhin: Der Markt für Heimspeicher boomt. Im zweiten Halbjahr 2025 wurden über 183.000 Batteriespeicher an Privathaushalte verkauft. Und mit der Western Downs Battery, die mit 540 Megawatt Leistung und 1.080 Megawattstunden Kapazität beeindruckt, ist bereits eine der größten Netzbatterien der Welt am Netz.
Auch in Australien ist die Richtung klar
Australiens Energiewende ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Die alternden Kohlekraftwerke gehen schneller vom Netz als ursprünglich geplant, während der Strombedarf durch Elektrifizierung und Bevölkerungswachstum weiterhin steigt. Ferner erhöht der Klimawandel mit Hitzewellen, Dürren und Extremwetterereignissen den Druck auf das Energiesystem. Thinktanks, Universitäten und der Climate Council fordern daher eine bessere Koordination zwischen Bund und Bundesstaaten, schnellere Genehmigungsverfahren und eine stärkere Einbindung der Bevölkerung.
Die ab 2025 verpflichtende Klimaberichterstattung für Unternehmen und die von 85 Prozent der australischen Versicherungsunternehmen für 2050 angepeilten Netto-Null-Ziele zeigen, dass der Wandel auch in der Finanzwirtschaft angekommen ist. Die Frage ist nicht mehr, ob Australien seine Energieversorgung umbauen wird – sondern ob es schnell genug geht.
Die kommenden Jahre sind entscheidend. Wenn die großen Netz- und Speicherprojekte ihre Zeitpläne einhalten, die Investitionen weiter fließen und es gelingt, auch die ländliche Bevölkerung mitzunehmen, könnte Australien tatsächlich zu einem Modell für die Energiewende in rohstoffreichen Ländern werden. Scheitern die Großprojekte jedoch weiter an Kosten und Verzögerungen, droht eine gefährliche Lücke zwischen dem Abschalten der alten und dem Hochfahren der neuen Energiewelt. Folgen sind dann steigende Preise und instabile Netze - und neuer politischer Gegenwind ist dann ebenfalls vorprogrammiert. Anno Stock
Lesen Sie hier Teil1 der Serie zur Energiewende in Australien: Rekordverdächtige News aus Down Under
Und hier geht es zu Teil2: Weniger Ambitionen beim Wasserstoff
















































