Erneuerbare Energien: Politischer Kurs könnte Jobwachstum bremsen

Der Erneuerbare-Energien-Sektor könnte bis 2035 gut 700.000 Menschen beschäftigen. Neue Regeln zu Netzanschluss, Redispatch und Heizungstausch könnten dieses Wachstum jedoch deutlich bremsen, so eine Szenarioanalyse der GWS.
01.10.2026 – Wie sich die Beschäftigung im Erneuerbare-Energien-Sektor entwickelt, hängt stark von den politischen Rahmenbedingungen ab. Das legt eine Szenarioanalyse der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung nahe. Demnach könnte der Ausbau der Erneuerbaren die Bruttobeschäftigung in Deutschland von 436.300 im Jahr 2025 bis 2035 auf 706.100 Beschäftigte steigern. Unter dem aktuellen politischen Kurs fiele das Wachstum nach den Annahmen der Studie aber deutlich geringer aus. Die Beschäftigung stiege dann nur auf 519.500 Personen, das wäre zwar noch ein Plus von 83.200 gegenüber 2025, aber 186.600 Beschäftigte weniger als im Zielpfad.
Zwei Szenarien im Vergleich
Die Studie stellt einen Pfad, auf dem die Ausbauziele erreicht werden, einem Szenario gegenüber, das die zu erwartenden Investitionswirkungen des aktuellen politischen Kurses abbildet. Darin fließen neben den Gesetzesänderungen auch weitere Faktoren wie geopolitische Entwicklungen und höhere Zinsen ein. Gezählt werden direkte Arbeitsplätze und indirekte Jobs in vorgelagerten Wertschöpfungsketten. Abgebildet wird die sogenannte Bruttobeschäftigung, d.h. es wird nicht gegengerechnet, ob dafür etwa Arbeitsplätze in anderen Branchen – wie der fossilen – verschwinden.
Im Zielpfad wären 2035 rund 62 Prozent mehr Menschen in der Branche tätig als 2025. Am stärksten würde die Beschäftigung in der Wärmeerzeugung wachsen, um 146.000 Personen beziehungsweise 157 Prozent, vor allem durch Herstellung und Installation von Wärmepumpen. Das liegt daran, dass sie überwiegend im Inland hergestellt werden und ihre Installation arbeitsintensiv ist. Ein Teil des Zuwachses geht deshalb darauf zurück, dass bestehende Arbeitsplätze – etwa in der Sanitärbranche – neu dem Wärmepumpenbereich zugerechnet werden.
Investitionslücke von 28,6 Milliarden Euro
Als wichtigste Gesetzesänderungen, die den Ausbau bremsen dürften, werden die EEG-Novelle 2027, die derzeit im Bundestag beraten wird, das ebenfalls geplante Netzanschlusspaket und das bereits geltende Gebäudemodernisierungsgesetz genannt. Die Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes wurde erst nach Entwicklung des Szenarios verabschiedet und nur nachträglich eingeordnet.
Vor allem bei Wind an Land und Freiflächen-PV verschlechtern mehrere Neuregelungen die Bedingungen. In Gebieten mit knappen Netzkapazitäten sollen Netzbetreiber den Anschluss künftig an die Auflage knüpfen können, dass Betreiber bei Netzengpässen für einen Teil des abgeregelten Stroms auf Entschädigung verzichten. Im Wärmebereich hat das Gebäudemodernisierungsgesetz die Pflicht abgeschafft, dass neu eingebaute Heizungen mindestens 65 Prozent erneuerbare Energie oder unvermeidbare Abwärme nutzen, während sich zugleich die Förderbedingungen für Wärmepumpen verschlechtern.
Um die Ausbauziele zu erreichen, müssten die Investitionen von 37,6 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 79 Milliarden Euro im Jahr 2035 steigen. Im Szenario des aktuellen politischen Kurses erwartet die Studie dagegen nur 50,4 Milliarden Euro, also gut ein Drittel weniger. Am stärksten träfe das die Wärmepumpen mit einem Minus von 52 Prozent und die Windenergie an Land mit minus 41 Prozent. Auch auf See läge das Volumen gut ein Viertel unter dem Zielpfad.
Wie stark die neuen Regeln Investitionen tatsächlich bremsen, berechnet die Studie nicht direkt. Den langsameren Ausbau leitet sie aus der unteren Variante der EEG-Mittelfristprognose und aus Szenarien des Bundesverbands Wärmepumpe ab. Die Autor:innen ordnen ihre Schätzungen allerdings als eher konservativ ein.
Frühere Einbrüche bei Solar und Wind
Dass die Beschäftigung empfindlich auf politische Kurswechsel reagiert, zeigen frühere Einbrüche, etwa nach dem PV-Deckel und Förderkürzungen bei der Photovoltaik. Die Einführung der Ausschreibungen für Windenergie ließ die Beschäftigung in der Windindustrie 2017 von 167.700 auf 130.500 sinken. Auch das Gebäudemodernisierungsgesetz sorgte laut Studie durch die verschobene Verabschiedung zunächst für Unsicherheit bei Investoren.
Fachkräftemangel voraus?
Alle für den Ausbau besonders wichtigen Berufe zählen zu den Berufen mit bestehenden oder erwarteten Engpässen. Sieben davon, darunter Elektrotechnik, Energietechnik sowie Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, führt die Bundesagentur für Arbeit bereits als Engpassberufe. Die großen Unterschiede zwischen den Szenarien schaffen laut den Autor:innen auch Unsicherheit bei Herstellern sowie Installation, Betrieb und Wartung. Aus- und Weiterbildung müssten langfristig planbar werden, statt dem auf und ab bei den Aufträgen zu folgen. jb






















































