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Rohstoffstrategie der EURohstoffsicherung wird Umwelt und Beteiligung übergeordnet

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Die europäischen Umwelt- und Sozialstandards für den Bergbau weisen erhebliche Lücken auf, zeigt eine Analyse von PowerShift und dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) (Bild: Getty Images / Unsplash+ Lizenz)

Die EU will unabhängiger von Rohstoffimporten werden. Beschleunigte Verfahren könnten jedoch Umweltschutz und Rechte der Bevölkerung vor Ort aushebeln. Eine nachhaltige Rohstoffstrategie muss Umwelt, Sicherheit und Suffizienz mitdenken.

23.03.2026 – Um die Versorgung mit den für die Energie- und Klimaziele notwendigen Rohstoffen bis 2030 sicherzustellen, will die EU die heimische Rohstoffproduktion stärken. Derzeit ist die EU bei kritischen Rohstoffen noch stark von Importen und teils einzelnen Zulieferländern abhängig.

In der Debatte wird häufig betont, dass die besonders hohen europäischen Umwelt- und Sozialstandards eine vergleichsweise umweltfreundliche und sozialverträgliche Förderung sicherstellen werden. In der Realität weisen die europäischen Regelungen jedoch erhebliche Lücken auf, zeigt eine Analyse von PowerShift und dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) in Zusammenarbeit mit Bergbau- und Beteiligungsexpert:innen. Der neue Fast-Track für strategische Projekte im Critical Raw Materials Act (CRMA) hebele teilweise Gewässerschutz sowie grundlegende demokratische Beteiligungsrechte aus.

„Der Mythos der EU als Vorreiterin bei Bergbaustandards hält einer genaueren Prüfung nicht stand“, sagt Maja Wilke, Rohstoffexpertin bei PowerShift. Europa verfüge zwar über hohe Umweltstandards. Im internationalen Vergleich, etwa mit Kanada, Australien oder Südafrika, seien die den Bergbausektor betreffenden Regeln jedoch kaum strenger.

Der Preis unseres Wohlstands

Bergbau belastet immer auch die Umwelt. Die ökologischen Folgen variieren je nach Abbaumethode und Region, doch die Grundprobleme bleiben weltweit ähnlich. Zum unmittelbaren Verlust von Lebensräumen wie Wäldern und fruchtbaren Böden und der Vertreibung der lokalen Bevölkerung kommt etwa der hohe Wasserverbrauch im laufenden Betrieb, der oft zu sinkenden Grundwasserspiegeln und Bodenerosion führt.

Die Boden- und Wasserverschmutzung durch giftigen Abhub wie Laugen, Schwermetalle oder unbehandelte Abwässer können ganze Ökosysteme kippen lassen. Hinzu kommt die Luftverschmutzung durch belasteten Staub und eine verheerende Klimabilanz. Der Bergbausektor ist für rund zehn Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

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Rohstoffversorgung sichern

Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent zu senken und mindestens 42,5 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen sowie bis 2050 klimaneutral zu werden. Für die grüne Wende werden große Mengen an Rohstoffen benötigt, um etwa Batterien, Windräder, und Solarzellen zu bauen. 34 Rohstoffe hat die EU als besonders kritisch eingestuft, die Hälfte von ihnen wird zusätzlich als strategisch besonders wichtig definiert. 26 von ihnen, darunter Lithium, Nickel, Kobalt, Kupfer und seltene Erden sind unabdingbar für die Energiewende.

Für viele Rohstoffe ist die EU in hohem Maße von einzelnen Ländern abhängig, etwa von China für Magnesium, der Türkei für Bor oder Südafrika für Platin. Der 2024 von der EU verabschiedete CRMA sieht vor, dass bis 2030 rund 10 Prozent dieser Rohstoffe für den europäischen Bedarf innerhalb der EU gefördert werden. Zudem sollen mindestens 40 Prozent der Rohstoffe innerhalb der EU aufbereitet werden, und mindestens 25 Prozent aus EU-Recycling stammen. Nicht mehr als 65 Prozent des jährlichen Bedarfs eines Rohstoffs soll aus einem einzigen Drittstaat bezogen werden. Genehmigungsverfahren sollen vereinfacht und beschleunigt werden. Besonders geförderte strategische Projekte sollen dafür die Grundlage schaffen.

Im Rahmen dieser Rohstoffstrategie hat die EU insgesamt 60 strategische Projekte ausgewählt, die die Bereiche Gewinnung, Verarbeitung, Recycling und Substitution von Rohstoffen abdecken und Mitte 2025 vorgestellt wurden. 47 strategische Projekte befinden sich innerhalb der EU, drei davon in Deutschland, und 13 weitere Projekte außerhalb der EU. Bisher kommen die Bergbauprojekte innerhalb der EU allerdings eher schleppend voran, kritisierte der Europäische Rechnungshof Anfang des Jahres. Bei der Rohstoffverarbeitung geht es sogar rückwärts: Bestehende Anlagen in der EU werden stillgelegt.

Schneller heißt nicht besser

Der CRMA setzt primär auf Tempo. Durch verkürzte Fristen und die Einstufung von Bergbauvorhaben als Projekte von überragendem öffentlichem Interesse sollen Genehmigungen deutlich beschleunigt werden. Die Studie identifiziert signifikante Mängel, die den gesamten Lebenszyklus eines Rohstoffprojekts betreffen – von der ersten Exploration bis hin zur abschließenden Stilllegung. Methodisch kombiniert die Studie dabei Rechtsanalyse und Länder-Gap-Analysen mit internationalem Benchmarking: Aarhus als EU-Baseline, Escazú als Norm-Weiterentwicklung und IRMA als „best-in-class“ Standard für Bergbaupraxis.

Ein zentraler Kritikpunkt ist die Schwächung der demokratischen Beteiligung. Die Untersuchung dokumentiert wiederkehrende Probleme wie verspätete Konsultationen, zu kurz bemessene Stellungnahmefristen und einen erschwerten Zugang zu relevanten Informationen. Dies erhöhe nicht nur das Risiko lokaler Konflikte, sondern mache auch nachträgliche Rechtsstreitigkeiten wahrscheinlicher. Die angestrebte Beschleunigung der Projekte könnte sich so ins Gegenteil verkehren. Ohne klare Schutzplanken drohten zudem sogenannte Sacrifice Zones zu entstehen – Regionen, deren ökologische und soziale Integrität kurzfristigen industriepolitischen Zielen geopfert wird.

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Ein weiterer kritischer Punkt sind die Wasserrahmenrichtlinien. Für Trinkwasser gelten EU-weit strenge Grenzwerte, für viele bergbaurelevante Schadstoffe in Oberflächengewässern fehlen jedoch harmonisierte Standards. Zudem könnte der CRMA Ausnahmen vom Verschlechterungsverbot der Wasserrahmenrichtlinie begünstigen. Auch EU-Regeln für Bergbauabfälle seien teilweise veraltet. Riskante Bauweisen für Absetzbecken wie Upstream-Tailingsdämme, die in anderen Ländern häufig bereits verboten seien, kommen in den EU-Regeln etwa nicht vor. Dies erhöhe die Gefahr von Dammbrüchen und falle hinter internationale Sicherheitsstandards zurück.

„Die Wasserrahmenrichtlinie ist ein zentraler Pfeiler des europäischen Gewässerschutzes und sichert unter anderem die Qualität unseres Trinkwassers. Wenn wir über eine Stärkung der heimischen Rohstoffgewinnung sprechen, darf das nicht zulasten dieses Schutzstandards gehen. Eine verantwortungsvolle Rohstoffpolitik muss Umwelt- und Wasserschutz von Anfang an mitdenken – nicht nachträglich relativieren“, erklärt Anna Schönwald, Referentin für Rohstoffpolitik beim NABU.

Wasser und Menschenrechte werden zunehmend den Rohstoffen untergeordnet

Beispiele aus Europa zeigen, dass die Rohstoffsicherung zunehmend anderen Schutzgütern wie Wasser und indigenen Rechten übergeordnet werde. In Spanien nutzten Betreiber beim Lithium-Projekt Mina Doade etwa das sogenannte Projekt-Splitting, um eine kumulative Prüfung der Umweltauswirkungen entlang eines 12 Kilometer langen Gürtels zu umgehen. In Portugal rügte der UN-Aarhus-Ausschuss 2025 die massiven Defizite bei der Beteiligung der Lithium-Mine Mina do Barroso. Betroffene sollten über 1.700 Fachdokumente in nur zehn Arbeitstagen prüfen – ein unmögliches Unterfangen.

In Schweden geraten wiederum die Rechte der indigenen Sámi für den Abbau Seltener Erden unter Druck. Vorgesehene Prüfungen der Effekte des Abbaus auf die Rentierhaltung und kulturelle Lebensgrundlagen werden durch die CRMA-Beschleunigung erschwert. Auch in Deutschland zeigen sich beim geplanten Lithiumabbau im Zinnwald erhebliche Beteiligungslücken.

Rohstoffkreisläufe schaffen

Wo Bergbau unvermeidlich ist, darf er nicht durch den Abbau von Rechten und Umweltschutz erkauft werden, fordern PowerShift und NABU. Erstens müssten Betroffene als echte Rechteinhaber mit fairen Konsultationsfristen anerkannt werden. Zweitens brauche es volle Transparenz durch offene, maschinenlesbare Daten. Drittens dürften Umweltverträglichkeitsprüfungen (ESIA) keine Abkürzungen nehmen, sondern müssten kumulative Effekte und Menschenrechtsfolgen strikt prüfen. Viertens müsse der Schutz der Gewässer oberste Priorität behalten, ohne Aufweichung von Grenzwerten. Fünftens müssen die Abfallregeln modernisiert werden.

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Letztlich kann eine nachhaltige Rohstoffstrategie zudem nur gelingen, wenn sie den Bedarf durch Kreislaufwirtschaft und Suffizienz reduziert. Produkte müssen langlebiger, reparierbar und am Ende ihres Lebenszyklus recycelbar sein. Dabei sind neue Technologien, die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 °C und der Schutz kritischer Ökosysteme und von Indigenem Land durchaus vereinbar, zeigte erst kürzlich die Studie Jenseits des Rohstoffabbaus von Greenpeace International. Mehr öffentlicher Verkehr, höhere Recyclingquoten und alternative Batterietechnologien könnten den Rohstoffbedarf in den kommenden Jahren deutlich senken.

Das Recycling der 26 für die Energiewende relevanten Rohstoffe steht in der EU allerdings noch ganz am Anfang. Zehn Rohstoffe werden derzeit noch gar nicht wieder aufbereitet, bei sieben liegen die Recyclingquoten zwischen einem und fünf Prozent. Recyclingquote zielen derzeit zudem nicht auf bestimmte Rohstoffe ab, um etwa die Wiederverwertung besonders schwer gewinnbarer oder verfügbarer Materialien – beispielsweise seltene Erden und Palladium – anzureizen. Auch für die Verwendung recycelter Rohstoffe wurden noch keine Anreize geschaffen. Diese wären jedoch dringend geboten, um die europäische Recyclingindustrie wettbewerbsfähiger zu machen, heißt es im Bericht des Europäische Rechnungshofs. Julia Broich

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