Trend gestoppt: Stagnierende CO2-Emissionen in China

Chinas CO2-Emissionen stagnieren trotz steigendem Energieverbrauch. Ermöglicht wird diese Entwicklung durch den rasanten Zubau von Wind- und Photovoltaikkraftwerken. Die Ölnachfrage im Verkehrssektor sinkt, aber in der Chemieindustrie steigt sie.
14.11.2025 – Noch steht die endgültige Bilanz für 2025 nicht, doch der Trend hat besondere Symbolkraft. Seit März 2024 sind Chinas Kohlendioxidemissionen nicht weiter gestiegen. Das Analyse-Unternehmen Carbon Brief hat die Daten aus den ersten neun Monaten dieses Jahres ausgewertet und hält sogar einen leichten Rückgang für möglich. Doch auch wenn dieser nicht eintritt, ist die Entwicklung bemerkenswert, denn die Stromnachfrage stieg um rund sechs Prozent.
Trotz dieses positiven Meilensteins wird China seine selbstgesteckten Ziele nicht erreichen, die Kohlenstoffintensität (CO2-Emissionen pro BIP-Einheit) bis Ende 2025 zu senken. Das bedeutet, dass das Land in den nächsten Jahren noch stärkere Reduzierungen erreichen muss.
Rückgänge im Verkehr, bei Zement und Stahl, Zuwächse in der Chemieindustrie
Die in Summe unveränderten Emissionen beinhalten gegensätzliche Trends in verschiedenen Wirtschaftssektoren. So fielen aufgrund des gebremsten Immobilienmarktes die Emissionen aus der Herstellung von Zement und Baustoffen um sieben Prozent. Die Stahlproduktion hingegen insgesamt fiel stärker als ihre Emissionen – was heißt, dass kohlebasierte Stahlprodukte stärker nachgefragt wurden als kohlenstoffärmere.
Die Emissionen aus dem Verkehr gingen um fünf Prozent zurück. Der Grund: der steigende Anteil elektrischer Fahrzeugantriebe. Hingegen stieg der Ölverbrauch in der chemischen Industrie um zehn Prozent – verbunden mit mehr Emissionen.
Ausbau von Solar- und Windenergie bremst Emissionen des Stromsektors
Die Emissionen im Stromsektor, Chinas Haupt-CO2-Quelle, sind im bisherigen Jahresverlauf um zwei Prozent gesunken, und das, wie bereits erwähnt, trotz steigendem Stromverbrauch. Die Stromerzeugung aus Sonne und Wind stieg um 30 Prozent, wobei die Solarenergie daran den Löwenanteil trägt. Zusammen mit geringen Zuwächsen bei Kern- und Wasserkraft wurden so fast 90 Prozent der gestiegenen Nachfrage gedeckt. Der restliche Mehrbedarf wurde fossil erzeugt, mit Kohle und Gas. Dass dennoch nicht mehr Emissionen zu verbuchen sind, hat zwei Gründe. Zum einen wurde mehr Strom aus Gas erzeugt, zum anderen hat sich der thermische Wirkungsgrad bei der Kohleverstromung verbessert.
Die Größenordnungen beim Neubau von Solar- und Windkraftwerken sind weltweit einzigartig. Im ersten Halbjahr baute China doppelt so viel Solarleistung wie Deutschland in 25 Jahren. In den ersten neun Monaten 2025 wurden 240 Gigawatt Solar- und 61 Gigawatt Windkraft gebaut. Der Weg zu neuen Rekorden für das gesamte Jahr ist vorgezeichnet.
Allerdings ist aufgrund der Umstellung des Fördersystems der Boom gerade nicht ganz so groß. Entwickler neuer Solar- und Windkraftwerke erhalten nicht mehr automatisch den Referenzpreis für Kohlestrom, was bis Mai 2025 der Fall war. Doch diese momentanen Effekte werden nach Meinung der Experten nur vorübergehend sein.
Lauri Myllyvirta, Analyst bei Carbon Brief, betont, dass jede Verlangsamung des Ausbaus von Solar- und Windenergie bedeuten würde, dass die Emissionen des Stromsektors wieder ansteigen, denn auch die Stromnachfrage wird laut Prognosen jährlich um etwa 5 bis 6 Prozent steigen.
Die China Wind Energy Association strebt in den nächsten fünf Jahren einen Zubau von mindestens 120 Gigawatt Windkraftkapazität pro Jahr an, während die China Photovoltaic Industry Association für 2026 einen Zubau von 235 bis 270 Gigawatt an Solarenergie vorhersagt, der bis 2030 auf 280 bis 340 Gigawatt ansteigen soll.
Neue Kohle- und Gaskraftwerke
Auch das gehört zum Bild: Der Zubau neuer Kohle- und Gaskraftwerke hat sich beschleunigt. Allerdings ist die Trendwende absehbar. Projekte, die im Zuge erleichterter Genehmigungen und Förderungen seit 2020 begonnen wurden, sind zumeist fertiggestellt.
Infolge des Zubaus von fossilen Kraftwerken und der gleichzeitig sinkenden Stromerzeugung aus Kohle ist die Auslastung der Kohlemeiler gesunken. Sie erreichte in den 12 Monaten bis Februar 2024 mit 54 Prozent einen Höchststand und sank in den 12 Monaten bis September 2025 auf 51 Prozent.
Weitere 230 Gigawatt an Kohlekraftwerken befinden sich im Bau. Wenn die Stromerzeugung aus Kohle weiter stagniert und all diese neuen Kapazitäten in das System eingespeist werden, würde die Auslastung auf 43 Prozent sinken. Dies könnte laut Carbon Brief dazu führen, dass die Regierung die Förderung von Kohlekraftwerken überdenkt.
Wachsende Chemieindustrie treibt Ölnachfrage
Der gesunkene Ölverbrauch im Verkehrssektor aufgrund der vielen Elektrofahrzeuge wird von einem gegenläufigen Trend überlagert. Der Gesamtölverbrauch steigt, weil die Chemieindustrie und damit die Ölnachfrage wächst. Die Produktion von Primärkunststoffen wuchs in den ersten drei Quartalen im Vergleich zum Vorjahr um 12 Prozent, die Produktion von Chemiefasern um 11 Prozent und die Produktion von Ethylen um 7 Prozent.
Zum einen will auch China unabhängiger werden von Importen. Die USA sind seit 2023 Chinas größte Importquelle für Polyethylen, den am häufigsten verwendeten Kunststoff der Welt. China hat seine inländische Produktion als Reaktion auf den Handelsstreit mit den USA ausgeweitet. Aber auch ohne den Handelsstreit wäre die Chemieproduktion gewachsen. Die Regierung hat die Ölraffinerien dazu ermutigt, von der Produktion von Kraftstoffen auf Chemikalien umzusteigen, um sich an die sinkende Nachfrage aus dem Verkehr anzupassen.
Darüber hinaus ist die wachsende Inlandsnachfrage ein wesentlicher Treiber für das rasante Wachstum der Kunststoffproduktion. Verpackungen sind dabei die häufigste Verwendungsart, basierend auf dem boomenden Online-Einzelhandel und der Lebensmittelbranche, die in der Lieferkette viele Verpackungen benötigt.
Es sind also viele Einflüsse, die das Niveau der Kohlendioxidemissionen bestimmen. China, das fast ein Drittel der globalen CO2-Emissionen ausstößt, müsste noch mehr tun, um die selbstgesteckten Ziele zu erreichen – noch mehr Wind- und Solar ausbauen, den Kohleverbrauch senken. Dennoch sollte anerkannt werden, dass China nicht tatenlos ist, auch wenn die Maßnahmen stark industriepolitisch motiviert sind. pf



















































