SüdosteuropaVon Annäherung bis dynamischer Entwicklung, die Energiewende auf dem Balkan

Stadtverwaltung in Vranje, Serbien: Vorzeigeprojekt für die Energiewende (Bild: © Miloš Milenković, Omnibus Agency / GIZ.)

Im Rahmen ihrer EU-Beitrittsbemühungen sind die Westbalkanstaaten aufgefordert, ihre Energiewirtschaften zu reformieren und zu ökologisieren. In ihren EU-Nachbarstaaten boomen die Erneuerbaren Energien bereits.

20.05.2026 – Betrachtet man eine politische Karte des Südostens der Europäischen Union (EU), so sieht man die EU-Mitglieder Slowenien, Kroatien, Rumänien und Bulgarien angeordnet um den weißen Fleck des sogenannten Westbalkans. Zu ihm zählen Albanien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien sowie der Kosovo. Die meisten von ihnen verfügen seit vielen Jahren über den Status als EU-Beitrittskandidaten, lediglich der Kosovo, gilt als „potenzieller“ EU-Beitrittskandidat.

In ihrem EU-Beitrittsprozess sehen sich die auch als WB6 bezeichneten Länder energiewirtschaftlich vor dieselben Herausforderungen gestellt wie ihre südosteuropäischen EU-Nachbarn vor einigen Jahren. Sie haben den sogenannten gemeinsamen Besitzstand der EU in ihre nationale Gesetzgebung zu überführen und ihre Energiesysteme so zu reformieren, dass sie in den EU-Binnenmarkt für Strom und Gas integriert werden können.

Voraussetzungen dafür sind die Dekarbonisierung ihrer Volkswirtschaften durch Förderung erneuerbarer Energien und Erhöhung der Energieeffizienz, die Stärkung der Versorgungssicherheit durch Diversifikation ihrer Energiequellen und Verringerung ihrer Abhängigkeit von ausländischen Energieimporten sowie die Einführung des EU-Emissionshandels als Instrument der Klimapolitik. Dies sind keine leichten Aufgaben, so werden sie darin von der in Wien ansässigen Energy Community unterstützt.

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In seiner Eröffnungsrede auf dem vom Onlinemedium Balkan Green Energy News veranstalteten Belgrade Energy Forum 2026 (BEF) erklärte Artur Lorkowski, Direktor des Sekretariats der Energy Community, am 11. Mai 2026, der Westbalkan verfüge „über ein beträchtliches ungenutztes Potenzial an erneuerbarer Energie.“ Mit „ihrer Annäherung an die Integration in den EU-Energiemarkt“, könne sich die Region in ein „Zentrum für saubere Energie verwandeln und die Nachhaltigkeit des Stromsektors mit langfristigen finanziellen Vorteilen sichern“.

Welchen Effekt die EU-Mitgliedschaft auf die Energiewirtschaft eines Landes hat, zeigen die zwischen 2004 und 2013 beigetreten Balkanländer Slowenien, Kroatien, Bulgarien und Rumänien. Nehmen sie im EU-Ranking erneuerbarer Energien auch keine Spitzenpositionen ein, so können sie doch alle eine mehr oder weniger dynamische Entwicklung regenerativer Energieträger vorweisen. Bei installierten Photovoltaik- und Windkraftkapazitäten übertreffen sie ihre WB6-Nachbarn um ein Vielfaches.

Aktuellen Daten der in Sofia ansässigen Informationsagentur SeeNews zufolge hat Rumänien unter den südosteuropäischen EU-Staaten mit einer installierten Kapazität in Höhe von 16,51 Gigawatt die Spitzenposition inne vor Bulgarien mit 9,15 Gigawatt, Kroatien mit 4,98 Gigawatt und dem kleinen Slowenien mit 1,57 Gigawatt. Das in der Größe mit Bulgarien vergleichbare Serbien verfügt dagegen lediglich über eine installierte Kapazität erneuerbarer Energien von 4,35 Gigawatt. Vor allem Bulgarien, aber auch Rumänien verzeichnen zudem bereits einen Boom bei Batteriespeichersystemen (BESS).

Auf dem Westbalkan rauchen noch die Schlote

Die Westbalkanländer sind dagegen noch stark von Kohle abhängig und zählen zu ihren Projekten erneuerbarer Energien vor allem große Wasserkraftwerke. Photovoltaikparks und Windkraftanlagen sind bei ihnen noch selten und BESS-Anlagen kaum vorhanden.

Der Direktor des Zagreber Energieinstituts Hrvoje Požar, Dražen Jakšić, attestierte ihnen auf dem BEF 2026 aber, sie hätten „die Notwendigkeit der Dekarbonisierung und des beschleunigten Ausbaus von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien erkannt“ und hegten „die ambitionierten Ziele, den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix bis 2030 auf 40 bis 50 Prozent zu steigern“. Es bestehe in der Region der „politische Wille zur Energiewende, das Interesse von Investoren und eine zunehmende Anzahl an Mechanismen, grüne Projekte zu finanzieren“.

Der Anteil „unflexibler Kohlekraftwerke" ist ihm zufolge aber „hoch und die regionalen Stromsysteme sind nicht ausgelegt für großmaßstäbliche Integration erneuerbarer Energien“, Die wesentlichen Einschränkungen für die Entwicklung erneuerbarer Energien sieht er im Stromnetz, dies  sei aber „kein Westbalkanproblem, sondern in ganz Europa und weltweit in allen Ländern zu beobachten, die eine stärkere Energiewende anstreben“. Netzausbau, Batteriespeicher und Marktmechanismen seien „notwendig, um die Integration erneuerbarer Energien zu ermöglichen“, so Jakšić.

Europäische Union unterstützt Energiewende finanziell

Im Oktober 2023 gewährte die EU-Kommission auf dem EU-Westbalkangipfel in der albanischen Hauptstadt den WB6 ein sogenanntes Wachstumspaket in Höhe von sechs Milliarden Euro in Form von Krediten und Zuschüssen. Für Deutschland versprach ihnen Bundeskanzler Olaf Scholz weitere 1,5 Milliarden Euro als finanzielle Unterstützung für Projekte im Kampf gegen den Klimawandel.

Im Auftrag der Bundesregierung unterstützt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) die Länder des westlichen Balkans dabei, ihre Stromversorgung auf erneuerbare Energien umzustellen. „Im Rahmen von Solarinitiativen in Gemeinden in Albanien, Kosovo und Serbien statten wir beispielsweise Kindergärten und Schulen mit Solaranalagen aus“, teilte GIZ-Sprecherin Tanja Stumpff auf journalistische Anfrage mit. So profitierten die Menschen vor Ort „von sauberem, lokal erzeugtem Strom und einer robusteren öffentlichen Infrastruktur und die Energiewende kommt bei ihnen an“, so Stumpff. Gemeinsam mit ihren Partnern verbessere die GIZ zudem die Ausbildung für im Bereich der Erneuerbaren wichtige Berufe wie Solar- und Windtechnikerinnen und -techniker.

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Positiv bewertet Hanna Claeson, Sprecherin der Energy Community, die Aussichten für die Entwicklung erneuerbarer Energien auf dem Westbalkan. Ihr zufolge könnte die „Nutzung des erheblichen Potenzials von Solar- und Windenergie insbesondere durch Kopplung der Strommärkte beschleunigt werden“. Dies würde die „Marktliquidität verbessern, einen effizienteren grenzüberschreitenden Handel ermöglichen, das Risiko von Abregelungen verringern und Investitionssignale für neue Projekte stärken“.

„Die Mobilisierung und Risikominderung von privatem Kapital“ nennt Claeson als „Voraussetzung dafür, die Finanzierbarkeit von Projekten zu verbessern. Um langfristige Investitionen anzuziehen, seien zudem „regulatorische Vorhersehbarkeit, transparente Genehmigungs- und Netzanschlussverfahren sowie eine stärkere Marktintegration entscheidend".

Laut Frau Claeson stehen EU und WB6 vor der gemeinsamen Herausforderung, dass sich mit dem  „zunehmendem Ausbau erneuerbarer Energien der Fokus von der reinen Stromerzeugung hin zur Systemintegration verlagert. Begrenzte Netzkapazitäten erfordern Ausgleichsmaßnahmen, Speichermöglichkeiten, Flexibilität und erhebliche Investitionen in die Übertragungs- und Verteilungsinfrastruktur“. Frank Stier

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