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EnergiewendeWasserstoff ist gut fürs Geschäft – und das Klima?

Stahlproduktion von Thyssenkrupp in Duisburg
Stahlproduktion von Thyssenkrupp in Duisburg. (Foto: Felix Montino / flickr.com, CC BY 2.0)

Die Industrie braucht Wasserstoff zur Erreichung der Klimaziele – aber auch grünen? RWE und Uniper bringen sich als Produzenten in Position, sie wittern das große Geschäft. Ihr Fokus liegt jedoch nicht unbedingt auf klimafreundlichen Lösungen.

07.07.2020 – Erst kürzlich verabschiedete die Bundesregierung ihre Nationale Wasserstoffstrategie, bis 2030 sollen Anlagen mit einer Gesamtleistung von fünf Gigawatt entstehen. Da der Wasserstoffbedarf jedoch weitaus größer sein wird, müssen große Teile wohl importiert werden. Der Fokus soll trotzdem auf umweltfreundlichen, grünen Wasserstoff liegen. Dafür bräuchte es einen deutlichen Ausbau der Erneuerbaren Energien.

Die Stromkonzerne RWE und Uniper wittern bereits ihre Chance, große Industrieunternehmen mit Wasserstoff zu versorgen, so ein Bericht des Handelsblatt. Das Potenzial dieses Geschäfts sei riesig, man rechne sich große Chancen aus. Schließlich muss auch das produzierende Gewerbe früher oder später Klimaziele einhalten und ihre gewaltigen CO2-Emissionen senken.

Erst kürzlich gab RWE Details zu seinen Plänen bekannt. Das Unternehmen will zukünftig Deutschlands größten Stahlhersteller Thyssenkrupp mit Wasserstoff versorgen – und dadurch die CO2-Emissionen der Stahlproduktion deutlich senken. Ein 100 MW-Elektrolyseur könnte demnach 70 Prozent des Wasserstoffbedarfs eines Hochofens abdecken und pro Stunde rund 1,7 Tonnen gasförmiger Wasserstoff erzeugen. Auf das Jahr hochgerechnet könnten mit dieser Menge rund 50.000 Tonnen Stahl produziert werden.

Grüner Wasserstoff für Thyssenkrupp

Die Unternehmen seien sich dabei einig, „dass für den Betrieb der Elektrolyseure ausschließlich Strom aus Erneuerbaren Energien verwendet werden soll“, heißt es in einer Pressemitteilung. RWE plane bereits in Lingen den Bau von Elektrolysekapazitäten, mit denen grüner Wasserstoff für den Duisburger Stahlersteller bereitgestellt werden könnte.

Noch ist vor allem grüner Wasserstoff zu teuerAllerdings scheint diese Strategie noch nicht in Stein gemeißelt zu sein. „Noch ist vor allem grüner Wasserstoff zu teuer“, sagt RWE-Chef Rolf Martin Schmitz gegenüber dem Handelsblatt. Dieser koste derzeit etwa doppelt so viel wie blauer Wasserstoff, der aus Erdgas gewonnen wird. Was heißt also zu teuer? Dass RWE „vorerst“ doch keinen grünen Wasserstoff produzieren will?

„Wasserstoff hat viele Farben“

Gegenüber dem Handelsblatt konkretisiert Schmitz seine Vorstellung einer „klimafreundlichen“ Wasserstoffproduktion: „Wasserstoff hat viele Farben, und wir sollten alle nutzen.“ In Deutschland gebe es nicht das Potenzial für ausreichend Erneuerbare-Energien-Anlagen, um die gesamte Industrie mit grünem Wasserstoff zu versorgen.

Dass es derzeit nicht ausreichend erneuerbaren Strom gibt, um den hohen zukünftigen Wasserstoffbedarf zu decken, ist nicht umstritten. Dass das Potenzial für den Ausbau jedoch auch zukünftig nicht groß genug ist, kann sehr wohl angezweifelt werden. Genau aus diesem Grund setzt sich unter anderem der Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. für eine Nachbesserung der Bundesregierung bei ihrer Nationalen Wasserstoffstrategie ein. Die Ausbauziele für Deutschlands Elektrolyseleistung und die dafür benötigten Erneuerbaren-Kapazitäten müssten dem echten Bedarf entsprechen.

Die Bundesregierung erwartet im Jahr 2030 einen Bedarf von 90 bis 110 Terrawattstunden (TWh), plant jedoch nur eine nationale Produktion von bis zu 14 TWh. Laut Berechnungen des BEE braucht es zusätzliche 206 TWh Ökostrom im Kontext der Sektorenkopplung, wovon 105 TWh allein für die Produktion von Wasserstoff anfallen. Dafür müssen die Ausbauziele und das EEG entsprechend angepasst, Flächen ausgeweitet sowie Genehmigungen erteilt werden.

„Nur CO2-freier Wasserstoff ist grün und sauber“

„Nur CO2-freier Wasserstoff ist grün und sauber“, sagt BEE-Präsidentin Simone Peter im Interview mit Meinungsbarometer.info. „Blauer Wasserstoff auf Erdgasbasis ist ein mit falschem Etikett verkauftes Produkt der fossilen Welt und stellt lediglich eine Scheinlösung dar.“ Mit der Förderung, Verarbeitung und den Transport des Erdgases gehen schließlich schon hohe Treibhausgasemissionen einher.

Peter spricht sich auch gegen übermäßige Wasserstoffimporte aus. Auch wenn diese zukünftig in jedem Fall eine Rolle spielen werden – vor allem aus wind- und sonnenreichen Ländern – müssen zunächst die heimischen Potenziale komplett ausgeschöpft werden. jk


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Kommentare

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Albert Augustin 08.07.2020, 10:54:44

"Pro Stunde würden rund 1,7 Tonnen gasförmiger Wasserstoff erzeugt, womit rein rechnerisch etwa 50.000 Tonnen Stahl erzeugt werden können....."

Guten Tag,

ich bin immer erstaunt, wenn solche Zahlen nicht überprüft werden.

Unter der idealtypischen Voraussetzung, dass die chemische Umsetzung unter der Gleichung Fe3O4 + 4 H2 -> 3 Fe + 4 H2O erfolgt sind mit 1,7 t H2 35,6 t Fe zu erzeugen.

Übers Jahr (24/365-Betrieb) könnten dann etwas mehr als 300.000 t Eisen erzeugt werden.

Bei einer Jahresproduktion von 27,3 Mio t Eisen (2018) bräuchte man 91 solcher Anlagen (wie gesagt unter idealen Randbedingungen)

 

Liebe Grüße

 

Albert Augustin

Joschua Katz / Redaktion 08.07.2020, 11:16:38

+9 Gut

Hallo Herr Augustin,

 

vielen Dank für Ihre Anmerkung, wir haben den Text entsprechend angepasst. In der Pressemitteilung von RWE (https://www.group.rwe/presse/rwe-generation/2020-06-10-gruener-wasserstoff-fuer-die-stahlproduktion) war vermutlich die jährliche Produktionsmenge gemeint. Das würde laut Ihrer Rechnung ja auch Sinn machen, wenn man davon ausgeht, dass kein (24/7) Betrieb stattfindet.

 

Liebe Grüße

Joschua Katz


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