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Lausitzer RevierWenn Kohleblöcke nur noch Reserve spielen – aber Milliarden fließen

Nächtliche Aufnahme eines Kraftwerks mit mehreren Kühltürmen, aus denen beleuchteter Dampf aufsteigt. Die Anlage liegt am Ufer eines Gewässers, in dem sich die Lichter des Kraftwerks spiegeln. Der Himmel ist dunkel, die Szene wirkt industriell und kontrastreich.
Das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde (Bild: Tobias Scheck, flickr, CC BY 2.0)

Lausitzer Braunkohleblöcke stehen selbst im Winter still, obwohl die LEAG für deren Laufzeit bis 2038 entschädigt wird. Umweltverbände sehen einen politisch inszenierten Kohleausstieg und Rekultivierungsrechnung, die am Ende beim Staat landen könnte.

07.01.2026 – Die endgültige Stilllegung wird zwar erst Ende 2028 erfolgen, doch mit der Überführung in die „zeitlich gestreckte Stilllegung“ Ende 2025, ist das Ende von Kraftwerksblock A in Jänschwalde schon jetzt möglich. So sieht es etwa die Grüne Liga. Praktisch sei mit einer Reaktivierung des Kraftwerksblocks aus der nun bestehenden Sicherheitsreserve nicht mehr zu rechnen, erklärt die Umweltgruppe Cottbus, die Teil des ostdeutschen Umweltnetzwerks Grüne Liga ist. Durch die festgelegte Vorwarnzeit von elf Tagen würden etwaige kurzfristig im Stromnetz auftretenden Probleme in jedem Fall anders gelöst werden.

Zudem verweist die Grüne Liga auf die ohnehin geringe Auslastung von Kraftwerksblöcken in der Lausitz, deren Betreiber der Energiekonzern Leag ist. „Die Realität hat den Kohle-Ausstiegsfahrplan längst überholt: Nachdem im Kraftwerk Jänschwalde zwei Blöcke bereits den gesamten Sommer abgeschaltet waren, stehen selbst im Winter mehrere Kohleblöcke der LEAG schon seit Wochen still.“ sagt René Schuster, Braunkohleexperte des Umweltnetzwerks.

Einem Bericht des MDR zufolge, produzierten mehrere Blöcke der Braunkohlekraftwerke Boxberg und Jänschwalde im Dezember an mehreren Tagen hintereinander keine Energie. Das zeigen Daten des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme ISE und ihrem Portal energy-charts.info. Wie die Leag dem MDR mitteilte, handelte es sich um technische Störungen aufgrund von Verschleißerscheinungen. Diese seien – zum Zeitpunkt der Anfrage Mitte Dezember – teilweise behoben und würden teilweise noch andauern. Den Energy Charts zufolge liefen Anfang Januar lediglich drei von insgesamt acht Kraftwerksblöcken der Leag in der Lausitz.

Insgesamt ging die Netto-Stromerzeugung – also der Anteil der in Deutschland in das öffentliche Stromnetz eingespeisten Energie – aus Braunkohlekraftwerken 2025 gegenüber dem Vorjahr um 3,9 Terrawattstunden (TWh) auf 67,2 TWh zurück. Die Bruttostromerzeugung fiel auf das Niveau von 1961. Der Anteil Erneuerbaren Energien am Strommix lag 2025 wie im Vorjahr bei 55,9 Prozent. Der stärkste Nettostromerzeuger war die Windkraft, gefolgt von der Photovoltaik, die ihre Produktion um 21 Prozent steigerte und somit erstmals die Braunkohle überholte. Der Anteil der Stromerzeugung aus fossilen Quellen stagnierte 2025, wobei die rückläufige Braunkohlestromerzeugung durch eine steigende Erdgasnutzung ausgeglichen wurde.

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Der Anteil der in das öffentliche Stromnetz eingespeisten Erneuerbaren Energien lag 2025 wie im Vorjahr bei 55,9 Prozent. Der stärkste Nettostromerzeuger war die Windkraft, gefolgt von der Photovoltaik, die erstmals die Braunkohle überholte.

Gegenüber der Lausitzer Rundschau hatte Leag-Vorstand Adolf Rösch noch im Sommer erklärt, das Geschäft mit den Kohlekraftwerken werde „zunehmend zum Saisongeschäft“. Heißt: im Winter, wenn wenig Sonnenenergie zur Verfügung steht und auch noch Windflaute herrscht, müssten die Lausitzer Kraftwerke auf Hochtouren laufen. Das ist in diesem Winter bislang nicht der Fall.

„Dass die zu DDR-Zeiten gebauten Kraftwerksblöcke im Jahr 2025 marode sein werden, war schon beim Schreiben des Kohleausstiegsgesetzes kein Geheimnis. Es wurde aber ignoriert und das Abschaltdatum lieber als politischer Eingriff in eine funktionierende Wirtschaft inszeniert.“ sagt Schuster.

Fragliche Entschädigungen

Im Rahmen des Kohleausstiegsgesetzes wurden der Leag bis zu 1,75 Milliarden Euro staatlicher Entschädigungen zugesprochen. Diese sollen vermeintliche künftige Gewinne ersetzen, die der Leag durch die Stilllegung ihrer Kraftwerksblöcke bis 2038 entgehen würden. Die Summe setzt sich dabei wie folgt zusammen: einem Umfang von 1,2 Milliarden Euro für Renaturierungskosten und Abfederung sozialer Folgen, plus einer halben Milliarde Euro, die daran gebunden sind, inwieweit der Leag tatsächlich künftig Gewinne entgehen.

Diese Zahlungen mussten nach dem europäischen Beihilferecht von der EU-Kommission genehmigt werden. Hatte die Kommission bereits Mitte 2024 grundsätzlich Zustimmung nach dem Beihilferecht signalisiert, machte die EU-Behörde es im November 2025 auch offiziell. Die 1,75 Milliarden Euro seien nach EU-recht wettbewerbskonform, würden also keine Wettbewerbsverzerrung in der Energiewirtschaft zugunsten der Leag darstellen. Umweltverbände hatten wiederholt Zweifel an deren Rechtmäßigkeit angemeldet.

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Sie standen lange auf der Kippe, doch nun genehmigte die EU-Kommission sogenannte Entschädigungen für den Kohleausstieg des Braunkohlekonzerns Leag. Umweltverbände äußern weiter erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit.

Zudem steht im Raum, dass das Geschäftsgebaren der Leag den Staat auf lange Sicht Milliarden kosten könnte. Bis Ende 2024 hatte, Berechnungen der Umweltorganisation Greenpeace zufolge, die Leag bislang weniger als 10 Prozent der 5,4 Milliarden Euro zurückgelegt, die der Energiekonzern, eigenen Angaben nach für die nötige Rekultivierung der Tagebaugebiete in Brandenburg und Sachsen braucht. Zwar können dazu inzwischen Gelder aus den staatlichen Entschädigungszahlungen hinzugerechnet werden, sowie weitere künftige Gewinne des Konzerns. Aber ob sich daraus die benötigten 5,4 Milliarden Euro ergeben, erscheint unter anderem aufgrund steigender CO2-Preise fraglich.

Dabei könnten schon die 5,4 Milliarden Euro einer sehr konservativen Schätzung unterliegen. Unter anderem der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) kommt in einer Kostenschätzung auf mindestens 10 Milliarden Euro für die Rekultivierung und verweist unter anderem auf die Rekultivierung der ehemaligen DDR-Tagebaue, die bis heute 13 Milliarden Euro verschlungen haben und weiter steigen. Auch wenn heute, im Gegensatz zu früher, Rekultivierungsmaßnahmen schon während des Tagebaubetriebs laufen, sind zugleich die allgemeinen Kosten gestiegen.

Anfang 2025 hatte die Leag auch noch eine von langer Hand geplante Umstrukturierung ihres Geschäftsmodells beschlossen. Das zukunftsträchtige Geschäft mit Erneuerbaren Energien und die Kohlesparte wurden in zwei verschiedene Bereiche aufgeteilt. Zwar unter dem Dach einer Holding zusammengefasst, befürchten Umweltorganisationen und Politiker:innen, die Kohlesparte werde de facto in eine Art „Bad Bank“ ausgelagert, was erhebliche Risiken für die langfristige finanzielle Absicherung der Rekultivierungskosten mit sich bringe. So kann die Bergbausparte der Leag nach dem Kohleausstieg gar keine Gelder für die Sanierung der Tagebaue mehr erwirtschaften. Es gibt zudem die Sorge, bei einer Insolvenz der Kohlesparte könne die Erneuerbaren-Sparte der Leag nicht haftbar gemacht werden. mg

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