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Foto: NATURSTROM AG

Nachgefragt 30.09.2021

Weshalb sind die Energiepreise so stark gestiegen?

Die Preissteigerungen für Gas und Strom sind enorm. Gerade die Entwicklung der letzten Wochen ist schwer nachvollziehbar, sagt Oliver Hummel. Er erläutert im Interview Hintergründe und Ursachen für die Kapriolen am Energiemarkt.

Oliver Hummel ist Vorstand der NATURSTROM AG und für die Belieferung der Endkunden und den Handel mit Strom und Gas zuständig.


Nachgefragt 30.09.2021

Weshalb sind die Energiepreise so stark gestiegen?

Die Preissteigerungen für Gas und Strom sind enorm. Gerade die Entwicklung der letzten Wochen ist schwer nachvollziehbar, sagt Oliver Hummel. Er erläutert im Interview Hintergründe und Ursachen für die Kapriolen am Energiemarkt.

Foto: NATURSTROM AG

Oliver Hummel ist Vorstand der NATURSTROM AG und für die Belieferung der Endkunden und den Handel mit Strom und Gas zuständig.



Herr Hummel, die steigenden Energiepreise haben viele überrascht, wie kam es dazu?

Eine Ursache, besonders zu Anfang des Jahres, waren die gestiegenen Preise des europäischen  CO2-Emissionshandels. Diese Kosten verteuern u.a. die konventionelle Stromerzeugung in Kohle- und Gaskraftwerken.  Das Preisniveau lag lange zwischen 20 und 30 Euro pro Tonne CO2 und stieg nun erstmals auf über 55 Euro an, eine Verdoppelung in einem Jahr. Das ist an sich eine erfreuliche Entwicklung, denn dieser CO2-Zertifikate-Markt hat über viele Jahre nicht funktioniert und keine relevante Steuerungswirkung erzielt, da es ein Überangebot von Zertifikaten gab. Schrittweise wurde diese Zahl der Zertifikate durch die EU reduziert und nun gibt es eine Knappheit und damit steigen die Preise. Diese Entwicklung ist gewollt – durch die Verteuerung fossiler Energie werden Anreize für den Ausbau Erneuerbarer Energien gesetzt.

Die Zertifikatspreise haben sich aber seit Jahreshälfte stabilisiert, was passierte seitdem?

Die Preisentwicklung der letzten Monate kann man tatsächlich nicht mehr mit den Zertifikatspreisen erklären. Grund sind vielmehr die extrem gestiegenen Rohstoffpreise, vor allem von Gas. Gas kostete im letzten Jahr an den Großhandelsmärkten ungefähr 1,5 Cent pro Kilowattstunde. Diese Preise sind in diesem Jahr, insbesondere im August und September, exponentiell gewachsen. Wir bewegen uns jetzt bei knapp unter 4,5 Cent, was einer Verdreifachung entspricht.

Ist denn Gas an sich knapp?

Der letzte Winter war relativ kalt, es wurde mehr Gas für Heizungswärme genutzt. Dazu kam eine über mehrere Monate unterdurchschnittliche Windkraft-Einspeisung in Europa, so dass mehr konventionelle Kraftwerke Strom produzierten – und dies ebenfalls teilweise mit Gas. Die Gaslagerbestände sanken daher. Normalerweise werden diese Bestände dann in den Sommermonaten zu günstigen Preisen wieder aufgefüllt. Dieses Jahr geschah dies jedoch nicht in gewohnter Weise. Gründe dafür gibt es viele, unter anderem der große Energiehunger Chinas und Asiens. Dort gab es einen sehr heißen Sommer und eine starke wirtschaftliche Erholung nach Corona. Da aufgrund der Hitzewelle auch die Wasserkraftwerke nicht in gewohnter Weise Strom produzieren konnten, was auch in anderen Ländern, z.B. Brasilien und USA ein Problem war, stieg deren Nachfrage nach Flüssiggas massiv an. Allein China verbrauchte etwa 25 Prozent mehr Gas als im Vorjahr. Hinzu kamen diverse Wartungsarbeiten bei den Europäischen Gasförderländern wie Norwegen. Alles zusammen führte zu stark gestiegen Preisen und dazu, das die Gaslager in Europa immer noch verhältnismäßig leer sind. Derzeit sind die Gaslagerstände in Deutschland zu etwa 70 Prozent gefüllt, normalerweise wären das zu dieser Jahreszeit eher 90 Prozent.

Auch Russland wird unterstellt, die Preisspirale nach oben zu treiben…

Die ausstehende Betriebsgenehmigung für die fertiggestellte Ostseepipeline NordStream 2 könnte einen Sondereffekt auf die Preise haben.  Es hat den Anschein, dass Russland es nicht so eilig hat, Europa mit Gas zu beliefern. Es könnte sein, dass der Kreml auf der Bremse steht, damit Europa die Betriebserlaubnis für NordStream 2 erteilt. Andererseits kommt Russland allen seinen Lieferverpflichtungen nach, weshalb diese Auslegung spekulativ ist. Russland ist nicht vertragsbrüchig, hält sich aber mit zusätzlichen Lieferungen zurück.

War die Preisentwicklung vorherzusehen?

Man hätte ahnen können, dass die Preise steigen, weil sie ja im vergangenen Jahr so extrem niedrig waren. Aber dass sie so stark ansteigen, damit hat wohl niemand gerechnet. Bei exponentiellen Preisentwicklungen kommt auch immer ein bisschen Panik und Spekulation an der Börse hinzu, die dann ab einem gewissen Punkt rational nicht mehr zu erklären ist.

Warum wirken sich die Gaspreise auf die Strompreise aus?

Die Gaskraftwerke sind in der Regel die preissetzenden Kraftwerke an der Börse. Wenn das Gas teurer wird, wird logischerweise auch die Stromerzeugung mit Gas teurer. Dazu kommt, dass auch Kohlekraftwerke derzeit teurer produzieren, einerseits aufgrund der bereits erwähnten höheren CO2-Preise, aber auch die Kohlepreise sind auf Rekordniveau. Diese beiden fossilen Technologien setzen den Preis an der Börse, nicht die erneuerbaren Energien. Beim Strom ist es übrigens ähnlich wie beim Gas, da gab es in den letzten Monaten ebenfalls einen deutlichen Preisanstieg. Strommengen, die jetzt für das nächste Jahr eingekauft werden, liegen aktuell bei fast 12 Cent pro Kilowattstunde (Base 22) gegenüber nur 4 bis 5 Cent im Vorjahr. Der bisherige Rekord stammt aus dem Jahr 2008 mit etwa 8,5 Cent. Am kurzfristigen Markt für den Folgetag liegen die Preise noch höher, hier ist das Preisniveau etwa das Vierfache der zu dieser Jahreszeit üblichen Preise in den letzten Jahren.  

Warum trifft es Großbritannien besonders hart?

Dort gibt es sehr viel weniger Gasspeicherkapazitäten als in Deutschland oder Frankreich. Die Kapazitäten liegen bei rund 8,5 Terawattstunden, in Deutschland sind es deutlich über 100 Terawattstunden. Jede Kurzfristentwicklung der Preise schlägt dort voll durch. Wenn dann die Preissteigerungen nicht an die Kunden weitergegeben werden können, wie es teilweise in Großbritannien der Fall ist, wird es für die Energieversorger brenzlig. Einige Insolvenzen gab es schon.

Gibt es solche Preisdeckel auch in Deutschland?

Für diejenigen, die nur Gas oder Strom liefern, gibt es solche Einschränkungen nicht. Beim Verkauf von Wärme, z.B. in Nahwärmenetzen gibt es hingegen gewisse Einschränkungen und steigende Rohstoffpreise können nicht einfach 1:1 an Verbraucher weitergegeben werden.

Wie sieht die Situation der deutschen Energieversorger aus?

Die Unternehmen kaufen einen größeren Teil ihrer Energiemengen sehr langfristig ein, ein großes Kontingent für das Folgejahr, weitere kleinere Kontingente für die folgenden zwei oder drei Jahre. Nur ein Teil wird kurzfristig zugekauft, so können Preisausschläge abgefedert werden. Das macht zwar jeder ein bisschen anders, aber im Großen und Ganzen ist das ähnlich. Alles andere würde ein sehr hohes Risiko bedeuten. Wir hatten 2019 schon einmal eine Phase mit stark gestiegenen Preisen. Einige Versorger, meist junge Unternehmen, die ihren Kunden niedrige Preise garantiert hatten, aber die Mengen noch gar nicht eingekauft hatten, sind damals in die Insolvenz gerutscht. Da wir von solchen Fällen bisher nichts wissen, scheint der Markt aus diesen Erfahrungen gelernt zu haben.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Die Markterwartung ist, dass sich die Situation in den nächsten zwei Jahren wieder normalisieren wird. Die Frage ist nur wie schnell – das weiß derzeit niemand. Die gestiegenen Preise werden die Versorger auch an die Verbraucher weitergeben müssen. Beim Strom wird dieser Anstieg für die Verbraucher zum großen Teil abgefedert durch die vermutlich stark sinkende EEG-Umlage. Die Preiserhöhung beim Gas wird für Verbraucher deutlich höher ausfallen. Dies wird Haushalte mit niedrigem Einkommen besonders treffen. Die Regierung sollte dafür einen finanziellen Ausgleich schaffen.

Das Gespräch führte Petra Franke.

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