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World Energy Outlook 2020Wie Corona den Energiemarkt neu ordnet

Photovoltaik-Anlage
Die Solarenergie wird zum neuen König der Strommärkte (Foto: Nazar Magellan auf Unsplash)

Inmitten größter Verunsicherung durch die Corona-Krise fordert die Internationale Energieagentur eine Neuordnung des Energiesystems. Fossile Energieträger hätten ausgedient, Solarstrom werde zur günstigsten Energiequelle. Dennoch hagelt es Kritik.

22.10.2020 – Für das globale Energiesystem sei es ein turbulentes Jahr gewesen, konstatiert die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem diesjährigen World Energy Outlook (WEO). Nun liege es bei den Regierungen, eine Beschleunigung der Energiewende anzustoßen und die Erreichung internationaler Klimaziele zu unterstützen. Dafür werden in dem Bericht unterschiedliche Wege aus der Krise für den Zeitraum der nächsten zehn Jahre vorgestellt.

Aufgrund der COVID-19 Pandemie gehe der weltweite Energiebedarf in diesem Jahr um rund fünf Prozent zurück, die im Energiesektor ausgestoßenen CO2-Emissionen um sieben Prozent und die Energieinvestitionen um 18 Prozent. In vier unterschiedlichen Szenarien untersucht der WEO nun mögliche Entwicklungsszenarien. Dabei spielen Erneuerbare Energien immer eine Hauptrolle. Die Solarenergie sei in fast allen Ländern deutlich günstiger als der Bau neuer Kohle- und Gaskraftwerke – und könne inzwischen zu rekordverdächtig niedrigen Preisen Strom produzieren.

„König der Strommärkte“

Der Solarstrom sei der „neue König der Strommärkte“, sagt der Exekutivdirektor der IEA Fatih Birol. Ab 2022 könnte diese Erzeugungsform jedes Jahr neue Entwicklungsrekorde aufstellen. Wenn die Corona-Krise im kommenden Jahr schrittweise unter Kontrolle gebracht wird und die Weltwirtschaft wieder auf das Vorkrisenniveau zurückkehrt (Stated Policies Scenario), decken die Erneuerbaren Energien in der kommenden Dekade bereits 80 Prozent des weltweiten Wachstums der Stromnachfrage. Die Treibende Kraft sei hierbei die Solarenergie, gefolgt von der Onshore- und Offshore-Windkraft.

Im gleichen Szenario kehrt zwar die Nachfrage nach Kohleenergie nie mehr auf das weltweite Vorkrisenniveau zurück, die nach Erdgas wächst jedoch erheblich. „Die Ära des globalen Wachstums der Ölnachfrage wird im nächsten Jahrzehnt zu Ende gehen“, sagt Fatih Birol. Dafür brauche es aber deutliche politische Veränderungen.

„Pfad in den Untergang der menschlichen Zivilisation“

Heftige Kritik gibt es vom deutschen Umweltnetzwerk Energy Watch Group (EWG), die in dem diesjährigen WEO einen klaren „Pfad in den Untergang der menschlichen Zivilisation“ sehen. Der Bericht sei weiterhin unvereinbar mit dem 1,5-Grad-Ziel – trotz kleinen Verbesserungen zu den letzten Jahren. „Auch mit dem WEO 2020 bleibt die IEA ihrer Verantwortungslosigkeit für den Klimaschutz treu und ermuntert zur weiteren langfristigen Nutzung von fossilen Energieträgern“, heißt es in einer Kurzanalyse der EWG.

Kritisiert wird am diesjährigen Bericht vor allem die Einschätzung zum Klimaschutz im Sustainable Development Szenario. Demnach sei es mit einer 50-Prozentigen Wahrscheinlichkeit möglich, dass eine globale Erwärmung von 1,65 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau nicht überschritten wird, wenn erst bis zum Jahr 2070 die Emissionen auf Netto-Null gesenkt werden. Angesichts der vom EU-Klimaforschungsinstitut Kopernikus „gerade gemessenen globalen Temperaturerhöhung von 1,3 Grad Celsius ist dies völlig absurd“, so die EWG. Bis spätestens 2040 sei davon auszugehen, dass eine Temperaturerhöhung von 1,7 Grad Celsius erreicht werde. Und zu diesem Zeitpunkt erwartet die Internationale Energieagentur beim „nachhaltigen“ Entwicklungsszenario noch immer rund 45 Prozent der heutigen Emissionen.

Starker PV-Zubau erwartet

Immerhin wird im diesjährigen World Energy Outlook bei der Photovoltaik ein Zuwachs von 600 Gigawatt (GW) auf 5.900 GW bis zum Jahr 2040 prognostiziert. Das entspricht einer jährlichen Steigerung von 11,5 Prozent. Die Windkraft legt demnach immerhin von 620 GW auf 3.000 GW zu. Der Energy Watch Group gehen diese Prognosen noch nicht weit genug. Da die Solarenergie schon heute als die kostengünstigste Form der Stromerzeugung gilt, werde sich das Energiesystem wohl wesentlich schneller umstrukturieren.

Außerdem erntet der erwartete Zuwachs bei der Kernkraft Kritik: Laut IEA soll die Stromerzeugung aus AKWs von 2.800 Terrawattstunden (TWh) auf rund 4.300 TWh anwachsen. „Dies erscheint geradezu lächerlich, angesichts der Tatsache, dass sie die teuerste Form der Stromerzeugung ist und zudem technologisch, ökonomisch und sicherheitspolitisch größte Probleme mit der Atomenergie verbunden sind“, urteilt die EWG. Damit bleibt die Internationale Energieagentur „ihrer Verantwortungslosigkeit treu und ermuntert zur weiteren langfristigen Nutzung von fossilen und atomaren Energieträgern“.

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) bemängelt am diesjährigen World Energy Outlook, dass dieser die Klima- und Artenkrise nicht ausreichend berücksichtigt. Die Prognose steigender Treibhausgasemissionen sei ein „Schock“ und „erschreckend“ – zumal bis 2040 vor einem höheren Verbrauch von Erdgas ausgegangen wird. jk


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Kommentare

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Andreas V. 25.10.2020, 20:24:55

Tja, es ist halt schon 5 nach 12. Hat wohl nur keiner gemerkt (oder wissen wollen) ...


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