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MaßnahmenpaketWie die europäische Industrie klimaneutral werden kann

Industriegebiet bei Sonnenuntergang
Die Industrie ist für rund 20 Prozent der europäischen Treibhausgasemissionen verantwortlich. (Foto: Free-Photos auf Pixabay)

Für ein klimaneutrales Europa wird die Industrie eine entscheidende Rolle spielen. Die Produktion europäischer Stahl-, Zement- und Chemiefabriken muss künftig CO2-frei werden. Agora Energiewende zeigt mit einem Maßnahmenpaket wie das geht.

02.11.2020 – Bis zum Jahr 2050 will die Europäische Union Klimaneutralität erreichen – über alle Sektoren hinweg. Das ist im European Green Deal festgeschrieben. Ein wirksames Konzept, wie auch die Grundstoffindustrie komplett auf klimafreundliche Technologien umstellen kann, ist bisher jedoch nicht erkennbar. Denn auch in den europäischen Stahl-, Zement- und Chemiefabriken müssen die Emissionen dauerhaft gesenkt werden.

Insgesamt ist die europäische Industrie für etwa ein Fünftel der europäischen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Davon werden rund 60 Prozent in den Stahl-, Zement- und Chemiebetrieben verursacht. In den nächsten zehn Jahren sind bei etwa der Hälfte aller europäischen Hochöfen zur Stahlproduktion und Chemieanlagen größere Nachrüstungen nötig, bei den Zementöfen sind es mehr als ein Drittel.

Grundsätzlich stehen zwar jetzt schon die entsprechenden Technologien für klimaneutrale Produktionsprozesse bereit – bisher fehlt allerdings der Anreiz sie auch umzusetzen. So könnte die energieintensive Industrie bereits in den nächsten fünf Jahren damit beginnen, Investitionen in klimafreundliche Technik vorzunehmen. Dafür bräuchte es jedoch einen deutlich höheren CO2-Preis. Dieser ist im europäischen Emissionshandel noch immer viel zu niedrig, wodurch ein Umstieg auf eine CO2-neutrale Produktion für die meisten Industriebetriebe unwirtschaftlich ist. Dies ändere sich laut dem Thinktank Agora Energiewende auch nicht mit dem von der Kommission diskutierten CO₂-Aufschlag auf importierte Produkte wie Plastik oder Stahl, die im Ausland CO₂-intensiv hergestellt werden.

Klimaneutrale Industrie entlang der gesamten Wertschöpfungskette

Daher hat die Denkfabrik in der vergangenen Woche ein Maßnahmenpaket mit Politikinstrumenten für eine erfolgreiche europäische Industriewende vorgestellt. Dadurch sollen die Voraussetzungen für eine klimaneutrale Industrie in der EU geschaffen werden – und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Enthalten sind darin neben der erforderlichen Infrastruktur auch klimaneutrale Produktionstechnologien sowie die Abnahme CO2-freier Endprodukte und ein verbessertes Recycling.

Für die europäische Grundstoffindustrie besteht dringender Handlungsbedarf„Für die europäische Grundstoffindustrie besteht dringender Handlungsbedarf“, sagt Frank Peter, stellvertretender Direktor bei Agora Energiewende. Bei zahlreichen europäischen Zement-, Stahl- und Chemieanlagen stünden jetzt Reinvestitionen an. „Ohne einen wirksamen politischen Rahmen für klimaneutrale Technologien müssen sich die Standorte zwischen Schließung oder der Investition in konventionelle Anlagen entscheiden, die womöglich vorzeitig abgeschaltet werden müssen.“ Deshalb müsse die EU jetzt den politischen Rahmen für grüne Investitionen schaffen, ansonsten stünden zahlreiche Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Mit drei Maßnahmen zur klimaneutralen Industrie

  1. Mit der Einführung von Förderinstrumenten kann auf Produktionsebene der Wettbewerbsnachteil der klimafreundlichen Technologie gegenüber der konventionellen Alternative ausgeglichen werden. Sogenannte Carbon Contracts for Difference (Differenzverträge) geben den Unternehmen dabei Investitionssicherheit und sichert sie gegen niedrige und schwankende CO₂-Preise ab. Dadurch könnten Industriekonzerne einen Ausgleich für die Mehrkosten durch klimafreundliche Technologien bekommen.
  2. Neben bezahlbarem Strom aus Erneuerbaren Energien ist außerdem der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur für eine klimaneutrale Industrie erforderlich. Denn zukünftig wird grüner Wasserstoff ein zentrales Element für eine fossilfreie Industrie sein. Dafür muss die EU insbesondere für Stahl- und Chemieunternehmen ökonomische Anreize schaffen, klimaneutralen Wasserstoff zu kaufen. Dadurch wird gleichzeitig die Produktion angekurbelt.
  3. Grundsätzlich muss die Abnahme klimaneutraler Produkte gefördert werden – etwa mit der Entwicklung grüner Produktstandards und -kennzeichnungen. Bei öffentlichen Bauvorhaben muss zum Beispiel die Verwendung von grünem Stahl oder klimaneutralem Zement vorausgesetzt werden. Dadurch wird außerdem ein Markt für klimaneutrale Produkte gefördert. Zusätzlich kann die EU den Bedarf an neuen Rohstoffen durch höhere Recyclingstandards minimieren.

Über diese Maßnahmen hinaus warnt Agora Energiewende davor, die Diskussion auf einen möglichen CO₂-Aufschlag für importierte Produkte – sogenannte Carbon Border Adjustments – zu beschränken. „Gegenwärtig konzentriert sich die politische Debatte in Brüssel und vielen Mitgliedsstaaten hauptsächlich auf die Frage nach einer CO₂-Grenzsteuer“, so Peter. Zwar seien gute Regelungen für einen fairen Wettbewerb in der europäischen Industrie wichtig – aber das sei nur ein Teil der Lösung. „Eine Grenzsteuer allein wird nicht die notwendigen Voraussetzungen schaffen, dass die Betriebe in klimaneutrale Produktion und Produkte investieren.“

Die von Agora Energiewende vorgeschlagenen Politikinstrumente könnten fast alle in den bestehenden europäischen Rechtsrahmen integriert werden, man müsse nicht bei null anfangen. „Angesichts des European Green Deal und der geplanten Erhöhung der europäischen Klimaziele 2030, steht im kommenden Jahr ohnehin eine Überarbeitung der Gesetzgebung an. Damit bietet sich der EU die günstige Gelegenheit, das Paket für den klimaneutralen Umbau der energieintensiven Industrie zu schnüren“, so Peter. jk


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