EU-Beitrittskandidat: Wie Montenegro die Energiewende mit Umwelt und Tourismus in Einklang bringen will

Montenegro ist EU-Beitrittskandidat und muss die Energiewende forcieren. Um den Tourismus als wichtigsten Wirtschaftszweig nicht zu gefährden, steht das Balkanland vor der Herausforderung, den Erneuerbaren Ausbau umweltverträglich zu entwickeln.
27.05.2026 – Das landschaftlich reizvoll an der Adria gelegene Montenegro ist mit gut sechshunderttausend Einwohnern eines der kleinen Länder in Europa. Es ist in seinem EU-Beitrittsprozess am weitesten fortgeschritten von allen südosteuropäischen EU-Beitrittskandidaten und will im Jahr 2028 EU-Mitglied werden. Derzeit verhandelt seine Regierung in der Hauptstadt Podgorica mit der EU-Kommission das Energie-Kapitel des Acquis Communautaire, das die Erhöhung des Anteils Erneuerbarer Energien und der Energieeffizienz vorschreibt.
Entsprechend sieht Montenegros Nationaler Energie- und Klimaplan (NEKP) vom Dezember 2025 vor, bis zum kommenden Jahr neue Kapazitäten regenerativer Energieträger in Höhe von mindestens 400 Megawatt zu schaffen. In vier Jahren sollen die regenerativen Energieträger dann die Hälfte des Gesamtenergieverbrauchs decken und bis 2040 die Dekarbonisierung des Energiesektors abgeschlossen sein.
Energiewirtschaft und Tourismus in Einklang bringen
Mit seinen malerischen Küstenstädten Budva und Kotor und der bis zu 1.300 Meter tiefen und 78 Kilometer langen Tara-Schlucht ist Montenegro ein beliebtes Reiseziel. Um den Tourismus als wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes nicht zu gefährden, steht das Balkanland vor der Herausforderung, seine Kraftwerke Erneuerbarer Energien umweltverträglich zu entwickeln. Dafür bedient es sich der Expertise der Umweltorganisationen The Nature Conservancy (TNC) und Eco Team. Sie haben in ihrer Studie „Montenegro Energy Growth and Acceleration“ (MEGA) konfliktarme Standorte für die Entwicklung von Solar- und Windenergie kartiert.
„Unsere Studie hilft, durch datenbasierte Entscheidungen Projekte zu beschleunigen und dabei soziale und ökologische Konflikte zu mininieren“, erklärt Tijana Simonović, TNC-Projektmanagerin Südosteuropa auf journalistische Anfrage. Der große Flächenbedarf von Solarparks und Windkraftanlagen konfligiere potenziell „mit dem Schutz der Biodiversität und der natürlichen Ressourcen sowie kulturellen Werten und ökonomischen Branchen wie Landwirtschaft und Tourismus“. Intelligente Planung mit hochwertigen Daten könne aber dazu beitragen, „dass die Energiewende nicht auf Kosten dieser Werte gehen“, ist Simonović überzeugt.
Ihr Kollege Andrija Krivokapić von Eco Team ergänzt, im Rahmen der Umsetzung der überarbeiteten Richtlinie zu Erneuerbaren Energien (RED III) seien in der Raumplanung sogenannte beschleunigte Ausbaugebiete für erneuerbare Energien (RAAs) auszuweisen. „Für solche konfliktarme Gebiete können die Genehmigungsverfahren für Ökostrom-Projekte vereinfacht und beschleunigt werden“, so Krivokapić. Indem die MEGA-Studie Investitionen in erneuerbare Energien zu optimalen Standorte lenke, „mindert sie zudem das Risiko von Widerstand in der Bevölkerung und erhöht die Planungssicherheit für die Projektrealisierung“.
Großes Potenzial für Ökostrom weckt Interesse internationaler Investoren
In ihrer Studie bescheinigen die TNC- und Eco Team-Experten Montenegros Gebieten mit minimalem ökologischen und sozialen Risiko ein nutzbares Solar- und Windenergiepotenzial in Höhe von über 16 Gigawatt. Dies entspricht etwa dem Siebzehnfachen der momentan installierten Elektrizitätserzeugungskapazität. 15,63 Gigawatt davon entfallen MEGA zufolge auf Photovoltaik und 650 Megawatt auf Windkraft. Allein für wenig konfliktträchtige Brachflächen wie Steinbrüche, ehemalige Industriegebiete und Deponien hat MEGA ein Solarpotenzial von rund 346 MW bestimmt. Bereits damit könnte ein Drittel der aktuellen Stromerzeugung des Kohlekraftwerks Pljevlja ersetzt werden.
Bisher hat Montenegro seinen Strombedarf aus Kohle, Wasserkraft und den Windkraftanlagen Možura und Krnovo mit zusammen 128 Megawatt gedeckt. Mitte Mai hat Montenegros staatlicher Stromversorger Elektroprivreda Crne Gore (EPCG) den Probebetrieb seines Windparks Gvozd mit einer Kapazität von 55 Megawatt aufgenommen. Und mit dem EU-Beitritt am Horizont wächst das Interesse internationaler Projektentwickler an Investitionen in die montenegrinische Energiewende.
So ist EPCG im April mit dem in Abu Dhabi ansässigen Unternehmen Masdar ein Joint-Venture zur Projektierung von Photovoltaikanlagen, Windparks, Pumpspeicherkraftwerken und Hybridanlagen eingegangen. Und Mitte Mai unterzeichnete EPCG eine Absichtserklärung (MoU) mit dem Tokioter Unternehmen PowerX zum Aufbau von Batteriespeichersystemen (BESS) mit einer Kapazität von rund 500 Megawattstunden in den kommenden drei Jahren. Sie sollen zur Stabilität des nationalen Stromnetzes beitragen. PowerX-CEO Masahiro Ito zufolge will sein Unternehmen in Montenegro auch BESS-Montageanlagen errichten. Seinen Markteintritt in Montenegro betrachte es „als ersten Schritt unserer Expansion auf dem europäischen Markt“.
In Montenegros früherer Hauptstadt Centije errichtet das auf Südosteuropa fokussierte Unternehmen CWP Europe die PV-BESS-Hybridanlage Montečevo mit einer Kapazität von 400 Megawatt. Und in der Küstenstadt Bjela baut die Luxemburger Alcazar Energy Partners für zweihundert Millionen US-Dollar einen Windpark mit knapp 119 Megawatt.
Dem Onlinemedium Balkan Green Energy News zufolge kündigte Alcazars CEO Daniel Calderon im Oktober 2025 an, sein Unternehmen werde seine Investitionen im Land auf 500 Millionen US-Dollar ausweiten. Er schätze, dass sich die Investitionen in erneuerbare Energien in Montenegro insgesamt bis 2040 auf bis zu fünf Milliarden US-Dollar summieren könnten.
Auch Qair Group aus Paris kooperiert inzwischen mit EPCG bei Ökostromprojekten. „Wir haben Genehmigungen für drei Solaranlagen und eine Windkraftanlage mit einer Gesamtkapazität von 250 Megwatt erhalten und erwarten weitere für ein Solarprojekt mit 70 Megawatt“, informierte Qair Group-Presseprecherin Maeri Meusnier dazu.
Submarines Stromkabel soll Montenegro mit Italien verbinden
Montenegro sei zwar ein kleiner Markt, ihr Unternehmen sehe in ihm dennoch erhebliches Investitionspotenzial. Als Grund dafür nennt Meusnier neben der EU-Beitrittsperspektive das geplante submarine Stromkabel nach Italien sowie potenzielle Netzverknüpfungen zu seinen Nachbarländern. Als größte Herausforderung in Montenegro erachtet sie “das unterentwickelte Stromnetz”, auch wenn in den vergangenen Jahren bedeutende Modernisierungen durchgeführt worden seien. Die Qair Group will ihr zufolge ihr Portfolio ausbauen und „zu einem führenden Erzeuger erneuerbarer Energien in Montenegro werden“.
Im Januar gehörte Qair Group zusammen mit Alcazar Energy zu den Gründern von Montenegros Verband für erneuerbare Energien (RES Montenegro). Er soll „Investitionen und die Zusammenarbeit im wachsenden grünen Energiesektor des Landes fördern und den Übergang zu sauberer und nachhaltiger Energie beschleunigen“. RES-Verbandspräsident, Marko Radulović, zugleich Technischer Direktor von Alcazar Energy, sagte bei der Verbandsgründung, es sei „keine Frage mehr, ob Montenegro auf saubere Energie umsteigen wird, sondern wie schnell“. Frank Stier























































