Energiewende in Ungarn: Wind folgt in Post-Orbans Ungarn auf Sonne

Der Machtwechsel in Ungarn eröffnet den Erneuerbaren Energien neue Perspektiven; insbesondere der Windkraft. Demnächst soll die erste Ausschreibung seit 2010 stattfinden. Aber auch Atomstrom ist Teil der Energie-Strategie.
22.07.2026 – Ein Gefühl der Erleichterung ging durch Europa, als Ungarns Parlamentswahlen im April das Ende der sechzehnjährigen Ära Viktor Orbán einläuteten. Als Ministerpräsident hatte er das Land zunehmend autokratisch regiert, auf Kosten von Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit. In Energiefragen profilierte er sich als schärfster Kritiker der EU-Klimapolitik und beharrte auf russischen Öl- und Gaslieferungen für sein Land.
Vor diesem Hintergrund mag es paradox erscheinen, dass das Magyarenland unter seiner Ägide zum europäischen Spitzenreiter bei Solarenergie zur Stromerzeugung geworden ist. Es verfügt inzwischen über eine installierte Kapazität an Photovoltaik von über acht Gigawatt. Daten des Energieforschungsinstituts EMBER zufolge kam die Solarenergie im vergangenen Jahr auf einen Anteil von neunundzwanzig Prozent an der nationalen Stromerzeugung. Mit diesem Wert lag Ungarn noch vor Griechenland und Spanien. So offen das Kabinett Orbán aber für die Entwicklung der Sonnenenergie war, so strikt lehnte es die Windkraft ab. Kein einziges Windrad wurde während seiner Amtszeit installiert.
Außer auf die Erneuerbaren setzt Ungarn auch auf Atomkraft
Gemäß Ungarns aktualisiertem Nationalen Energie- und Klimaplan (NEKP) soll die PV-Kapazität in den kommenden vier Jahren auf zwölf Gigawatt gesteigert werden. Parallel dazu läuft die Kohleverstromung aus. Im Jahr 2029 soll Ungarns letztes Braunkohlekraftwerk Mátra stillgelegt werden. Bis 2030 sieht der NEKP eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen um mindestens fünfzig Prozent gegenüber 1990 vor und bis 2050 soll Klimaneutralität erreicht werden.
„Dabei spielen aber nicht nur die Erneuerbaren eine zentrale Rolle, sondern auch die Kernenergie“, informiert Frau Nelli Dankó von der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Budapest auf journalistische Anfrage. Die Atomkraft trägt ihr zufolge bis zu zweiundvierzig Prozent zur Elektrizitätserzeugung bei und soll durch den Bau des AKW Paks II weiter ausgebaut werden.
Als einen Faktor für den Solarboom der vergangenen Jahre nennt Frau Dankó die Pflicht zur Einhaltung der EU-Klimaziele, als zweiten erachtet sie den aus Erlösen des EU-Emissionshandelssystems (ETS) gespeisten EU-Modernisierungsfonds. Aus ihm erhält Ungarn wie zahlreiche weitere, vor allem osteuropäische EU-Staaten Zahlungen. Diese hat Orbáns Regierung unter anderem für Förderprogramme für Solarenergie verwendet.
So gibt es Daten der Budapester Rechtsanwaltskanzlei Wolf Theiss zufolge außer den zahlreichen Solarkraftwerken im industriellen Maßstab nun über 280.000 Photovoltaikanlagen privater Haushalte. Sie stellen ein gutes Viertel der installierten Solarkraftkapazität.
Solarverband will neue Regierung unterstützen
Ernő Kiss, Geschäftsführer des Solarprojektentwicklers Greentechnic Group, sitzt dem Ungarischen Verband für Solarzellen und Solarkollektoren (MNNSZ) mit rund dreihundert Mitgliedsunternehmen vor. Er erhofft sich von der Regierung des neuen Ministerpräsidenten Péter Magyar, „dass die Energiepolitik transparent und im öffentlichen Interesse gestaltet wird und nicht den Interessen einer kleinen Gruppe dient“.
Die 21. Solarkonferenz seines Verbands in Budapest habe der Regierung ein Maßnahmenpaket zur Entwicklung des Solarsektors und zur Reform der Stromwirtschaft bis 2030 vorgeschlagen, so Kiss. „Unser Leitgedanke ist ein Solarmarkt, der von realer Marktnachfrage und fairem Wettbewerb getragen wird und nicht von Unsicherheit und zentralen Subventionen.“ Der MNNSZ-Chef wünschte sich „mehr Investitionen, mehr Arbeitsplätze und niedrigere, besser planbare Energiekosten“.
Erste Windkraftausschreibung seit 2010 in diesem Jahr
Als eine erste konkrete und wichtige Weichenstellung der neuen Regierung für die Erneuerbaren erachtet Kiss die bevorstehende erste Ausschreibung für den Netzanschluss von Windkraftanlagen. „Bereits im August werden Anschlusskapazitäten für Windkraftanlagen in Höhe von 650 Megawatt ausgeschrieben. So etwas hat es seit 2010 nicht mehr gegeben“, freut sich Ernő Kiss. Von der neuen Regierung erwartet er, dass sie „die Möglichkeiten für einen Netzanschluss jährlich transparent und für alle zugänglich veröffentlicht, sowohl für Erzeuger erneuerbarer Energien als auch für Speicherbetreiber“.
Frischer Wind für die ungarische Energiewirtschaft
Die Revitalisierung des ungarischen Windenergiesektors nach über einem Jahrzehnt faktischer Flaute hält auch Virág Lőcsei, Associate der Wiener Rechtsanwaltskanzlei Wolf Theiss in Budapest, für „die wohl bedeutendste regulatorische Änderung der neuen Regierung“. Sie verdiene besondere Beachtung, „da sie die Investitionslandschaft und die langfristige Struktur des ungarischen Energiemixes für erneuerbare Energien grundlegend verändert“. Frau Lőcsei hält einen Ausbau der installierten Windkraftkapazität von derzeit gerade mal 330 Megawatt auf vier Gigawatt bis 2030 für möglich
Die Regierung habe beträchtliche Investitionsförderungen zugesagt; eine Milliarde Euro für neue Windprojekte und weitere eineinhalb Milliarden Euro für den Ausbau des Stromnetzes zur Integration erneuerbarer Energien. Zu einer zentralen Säule der ungarischen Energiewende entwickle sich zudem die Energiespeicherung. Sie könne zur Ausbalancierung des Stromnetzes beitragen, das durch Überproduktion am Tag und Engpässe am Abend strapaziert werde.
Aus den öffentlichen Stellungnahmen des erklärtermaßen pro-europäisch orientierten Kabinetts Magyar glaubt Lőcsei herauszuhören, „dass Ungarn eine diversifizierte Energieversorgungsstrategie mit der Absicht verfolgt, die Abhängigkeit des Landes von russischen Energieimporten zu verringern und den heimischen Sektor für erneuerbare Energien zu stärken“.
Die neue Regierung hofft derzeit auf Freigabe von zehn Milliarden Euro aus dem post-pandemischen Wiederaufbau und Resilienzplan (DARP). Sie waren aufgrund Orbans konfrontativer Haltung gegenüber der EU-Kommission in Brüssel eingefroren worden. Lőcsei zufolge eröffne die Freigabe der Gelder „für die nahe Zukunft realistische Aussichten auf substanzielle öffentliche Kofinanzierung von Projekten in den Bereichen erneuerbare Energien, Netzmodernisierung und Energiespeicherung“.
Allerdings weist die Wolf und Theiss-Partnerin daraufhin, dass die neue Regierung „noch keine detaillierten Gesetzesvorschläge zur Energiemarktreform, zur Netzkapazitätsallokation oder zur Neugestaltung der Förderprogramme für erneuerbare Energien veröffentlicht hat“.
Westeuropäische Projektentwickler und Finanzinistitutionen mischen mit
Auf dem ungarischen Markt für Erneubare Energien sind laut Nelli Dankó von der AHK Budapest zahlreiche deutsche Unternehmen aktiv. Sie nennt die Saarbrückener Greencells Group „die zu den führenden Unternehmen in der Planung, Bau und Betrieb großer Photovoltaikanlagen im Land zählt“. Ungarns größtes Photovoltaikprojekt Renalfa IPP im nordostungarischen Szihalom ist aber österreichischer Provenienz.
Vor einigen Monaten gewährte die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) Renalfas in Bau befindlicher Hybridanlage mit 450 Megawatt und integriertem 250-Megawatt-Batteriespeichersystem (BESS) einen Finanzierungskredit in Höhe von 70 Millionen Euro. Wie ein EBRD-Sprecher auf Anfrage dazu mittteilte, will die in London ansässige Bank damit „die Evolution des Marktes hin zu Investitionen in Batteriespeicher unterstützen“.
Ihm zufolge sieht die EBRD das „Potenzial der Windenergie, Ungarns wachsenden Solarpark zu ergänzen, um zu einem ausgewogeneren Energiemix aus erneuerbaren Energien beizutragen, die Energieversorgungssicherheit zu stärken und weitere Fortschritte bei der Erreichung der Dekarbonisierungsziele des Landes zu ermöglichen“. Frank Stier





















































Kommentare
Juri Hertel vor 3 Wochen
Der Neubau Paks wurde durch Bestechung (Orbans Wahlkampf) moeglich,das ist in Ungarn bekannt.
Darum soll das Projekt noch mal geprueft werden.
https://oekonews.at/ungarn-prueft-umstrittenes-atomprojekt-paks-ii-neu+2400+1236456