Thüringen: Folgenreiche Erdverkabelung

Der erste Abschnitt der 189 Kilometer langen Freileitung Thüringer Strombrücke ist bereits seit Dezember 2008 in Betrieb. (Foto: Störfix, Creative Commons by-sa 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Th%C3%BCringer-Strombr%C3%BCcke-Altenfeld.jpg)
Der erste Abschnitt der 189 Kilometer langen Freileitung Thüringer Strombrücke ist bereits seit Dezember 2008 in Betrieb. (Foto: Störfix, Creative Commons by-sa 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Th%C3%BCringer-Strombr%C3%BCcke-Altenfeld.jpg)

Eine weitere Stromtrasse durch den sensiblen Thüringer Wald ist unwahrscheinlich, sagt Ralph Lenkert, umweltpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag. Auch hier zeigen sich die massiven Konsequenzen von Horst Seehofers Widerstand gegen oberirdische Höchstspannungsleitungen.

26.02.2016 – In Thüringen gibt es seit Jahren Streit um den Bau großer Stromtrassen. Im Januar 2015 hat die damals neue Landesregierung aber auf weiteren Widerstand gegen die sogenannte „Thüringer Strombrücke“ verzichtet, die durch den Thüringer Wald nach Nordbayern führt. Nun geht es noch um die sogenannte Süd-Ost-Trasse, die Sachsen-Anhalt mit dem Südosten Bayerns verbinden soll.

Petra Enders ist die Landrätin des Ilm-Kreises, der von der nun im Bau befindlichen erstgenannten Trasse betroffen ist. Sie wirft ihrer Landesregierung immer noch vor, dass die nicht alle juristischen Möglichkeiten ausgeschöpft habe, um den Bau zu verhindern. Die Linke-Politikerin hofft nun, dass sie nicht auch von der anderen Leitung betroffen sein wird. Da stehen derzeit zwei Korridore zur Auswahl: wieder durch das Naturschutz- und Erholungsgebiet Thüringer Wald, oder weiter östlich entlang der Autobahn 9 (Berlin/Nürnberg). Weder der Netzbetreiber 50Hertz noch die Bundesnetzagentur hätten ihr in den letzten Monaten gesagt, welcher Korridor wahrscheinlicher ist, sagt Enders.

Ralph Lenkert geht davon aus, „dass der Thüringer Wald da raus ist.“ Der umweltpolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag und Stadtrat in Jena weist darauf hin, dass das Energierechtsänderungsgesetz, das der Bundestag Anfang Dezember beschlossen hat, für Gleichstromtrassen die Erdverkabelung vorsieht. Diese Vorgabe hat der bayerische Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) bei der Bundesregierung bewirkt, weil in Bayern viel gegen die „Monstertrassen“ protestiert wurde. Zum einen sei Erdverkabelung im Thüringer Wald aber nur schwer zu bewerkstelligen, meint Lenkert, und zum anderen würden bei Erdverkabelung geradlinige Streckenverläufe angepeilt, was ebenfalls für den Osten Thüringens und die Autobahn spricht.

Der Bundestagsabgeordnete weist zudem darauf hin, dass dieses Gesetz von Dezember überraschend den Bundesbedarfsplan für solche großen Trassen enthielt. Mehr noch: „Am Dienstagabend wurde der Gesetzentwurf verschickt, am Mittwoch hat ihn der zuständige Ausschuss angenommen und am Donnerstag das Plenum“, berichtet Lenkert. Viele Abgeordnete hätten erst spät gemerkt, dass damit auch Trassenverläufe festgelegt wurden.

Nun ist die Süd-Ost-Trasse also per Gesetz vorgesehen, doch Lenkert hält es für möglich, dass sie trotzdem gar nicht kommt: „50Hertz ist durch den Zwang zur Erdverkabelung um anderthalb Jahre in den Planungen zurückgeworfen worden“, ist seine Einschätzung. Erst in drei Jahren werde der Netzbauer seine Pläne fertig haben, und dann stehe die Neuauflage des Bundesbedarfsplans an. Lenkert rechnet damit, dass es bis dahin zu einer veränderten Verteilung der Kosten des Trassenbaus kommt. Derzeit würden die Kosten nachträglich auf die Rechnungen der Verbraucher umgelegt, außerdem wegen des unvermeidlichen Transportverlustes von Strom auch auf die Menschen, die entlang der Leitungen wohnen. Wenn sie auch auf die Erzeugerfirmen und somit von Beginn an auf den Strompreis direkt umgelegt würden, wäre der weite Transport eventuell teurer als die dezentrale Erzeugung. Die große Trasse würde sich dann vielleicht nicht lohnen.

Entscheiden muss so etwas der Bundestag. Deshalb nimmt Lenkert auch die Linke-geführte Landesregierung gegen Enders' Kritik in Schutz: Sie habe die „Thüringer Strombrücke“ nur um den Preis hoher Schadenersatzzahlungen eine Zeit lang blockieren können.

Die Linke ist generell gegen die beiden Trassen, weil sie sie, wie viele Fachleute, als Kohlestromtrassen ansieht, die dem Stromexport dienen sollen. Auch Landrätin Enders setzt sich für eine dezentrale Energiewende ein, mit Wertschöpfung in der Region und Bürgerbeteiligung, gesteuert von Kommunen und Landkreisen. Der Ilm-Kreis habe bereits ein Klimaschutzkonzept. „Wir müssen die Energiefrage in die eigenen Hände nehmen, das ist eine Frage der öffentlichen Daseinsfürsorge“, sagt Enders. „Ich werde oft dafür belächelt, aber unser Ziel hier ist der energieautarke Landkreis.“ Ralf Hutter

   

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