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Klimafreundlich bauenNachhaltig Wohnen ist planbar

Autarke Wohnformen auf dem Land sind zunehmend gefragt: ReGen Villages ist ein Experiment im größeren Maßstab mit modernen, umweltfreundlichen Technologien, das Gewächshaus ist zentraler Treffpunkt in der Siedlung.
Autarke Wohnformen auf dem Land sind zunehmend gefragt: ReGen Villages ist ein Experiment im größeren Maßstab mit modernen, umweltfreundlichen Technologien, das Gewächshaus ist zentraler Treffpunkt in der Siedlung. (Visualisierung: © EFFEKT Architects / Denmark)

Nachhaltig ist das neue Normal, titelte die DGNB ihr Programm auf der BAU in diesem Jahr. Doch in der Praxis sieht es noch bescheiden aus. Angesichts zunehmender Verstädterung und teuren Wohnraums sowie übermäßigen Ressourcen- und Flächenverbrauchs sind nachhaltige Visionen jedoch zunehmend gefragt.

 

16.05.2019 – Energieeffizientes Bauen schreibt der Gesetzgeber im Gebäudeenergiegesetz vor. Möglichkeiten dazu gibt es viele – vom Minimalprogramm mit gerade mal ausreichend Dämmung und einer Gas-Brennwerttherme im Keller übers Passivhaus bis hin zum solarstromproduzierenden Plusenergiehaus, das Nachbarn und Elektroauto gleich mitversorgt. Wer heute nachhaltig plant, muss den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes berücksichtigen. Zum nachhaltigen Bauen gehört auch das frühzeitige Einbeziehen der zukünftigen Bewohner in die Planung. Denn nur Gebäude und Außenräume, in denen sich Menschen wohlfühlen, werden auch entsprechend nachhaltig genutzt.

Mit einer stetig wachsenden Bevölkerung drängt es immer mehr Menschen in die Metropolen, der Wohnraum wird in den Ballungsräumen knapper, das Wohnen teurer, während in manchen ländlichen Regionen ganze Häuserzeilen leer stehen und nicht mehr saniert werden – die Suche nach neuen Wohnmöglichkeiten und Lebensräumen wird zunehmend relevant. Ein Anreiz für immer mehr Menschen, sich mit alternativen Bau- und auch Wohnkonzepten zu beschäftigen. Auch hier wächst die Bandbreite: von der genossenschaftlich organisierten Baugruppe mit schlauem Energiekonzept fürs Quartier über Wohnwagons für nomadisierende Stadtbewohner bis hin zu autarken, selbstversorgenden Siedlungen.

Selbstbestimmt Bauen und Wohnen

So nachhaltig wie möglich zu bauen und zu wohnen, mit geringstmöglichem Energie- und Ressourcenverbrauch – das war bereits vor über 40 Jahren die Idee des US-Amerikaners Michael Reynolds. Daraus entwickelte er das Gebäudekonzept Earthship. Low Tech lautet seine Devise. Der Stil erinnert an die Hippie-Kultur. Ziel ist es, geschlossene Energie- und Versorgungskreisläufe zu schaffen, die Möglichkeiten zur Lebensmittelproduktion, Regenwasseraufbereitung, Strom- und Heizenergieerzeugung aus Wind- und Solaranlagen bieten. Ein externes Stromnetz, Wasserversorgung, Heizung und Klimaanlage werden dabei überflüssig. Ein Earthship besteht aus möglichst vor Ort verfügbaren, natürlichen, recycelten Baumaterialien. 1971 baute Reynolds in New Mexico sein erstes energieautarkes Haus aus dem, was andere entsorgt hatten. Natürlich galt er zunächst als Freak. Doch Reynolds verbreitet sein Konzept weltweit und hilft auch anderen beim Bau der Gebäude.

Selfmade Ökodorf im Ländle

Eine kleine Gruppe experimentierfreudiger Menschen im Nordosten Baden-Württembergs hat sich die Idee zu eigen gemacht und vor rund drei Jahren mit Hilfe Reynolds ein Earthship gebaut, in Schloss Tempelhof, im Landkreis Schwäbisch Hall. Ihr Earthship ist als zentrales Gemeinschaftshaus konzipiert. Einfach ausgebaute Bauwagen, die sich darum herum gruppieren, sind Rückzugsorte für die Bewohner. Mitmachen darf und soll hier jeder: An Planung und Bau haben sich alle beteiligt – Baufachleute, Freiwillige und die Bewohner. Das Earthship ist auch ein Prozess.

Baumaterial des Gemeinschaftshauses waren u. a. alte Autoreifen, Altglas sowie Bruchfliesen aus Abbruchhäusern, natürliche Materialien wie Holz und Lehm. Die Häuser sind so gebaut, dass sie die solare Einstrahlung optimal nutzen. Die alten Autoreifen sind in den Wänden verbaut. Aufgeschichtet und mit Erde gefüllt dienen sie als thermaler Speicher. Die südliche Fassade ist vollständig verglast und bildet ein Gewächshaus als Puffer zum Wohnbereich – hier wachsen das ganze Jahr über Obst und Gemüse. Abwasser vom Duschen oder Händewaschen wird gefiltert und zur Bewässerung des hausinternen Gartens eingesetzt. Eine klassische Heizung fehlt, die solaren Gewinne über die Glasfassaden bringen viel, zudem wird Frischluft durch Rohre im Erdwall geleitet und dabei vorgewärmt ins Haus geleitet. Im Earthship wird gekocht, gegessen, gewohnt, geplant, gespielt, gelernt und gelebt. In Workshops und Führungen wollen die Bewohner mehr Menschen von ihrer Idee des etwas anderen Wohnens begeistern. Das Ganze ist auch ein soziales Experiment.

Nachhaltige Welt im Siedlungsmaßstab

Eine Welt, in der Menschen in einer nachhaltigen und offenen Gemeinschaft ohne Stress zusammenleben, das war auch die Vision des US-Amerikaners James Ehrlich. Die Natur nicht ausbeuten, sondern in Wertschätzung gemeinsam daran partizipieren. Am Computer entwarf er eine hochmoderne Ökosiedlung – mit allen Annehmlichkeiten. 2050 werden laut Prognosen von den bis dahin erwarteten 10 Milliarden Erdbewohnern 75 Prozent in überfüllten Städten in Küstenregionen leben. Eine Horrorvorstellung, findet Ehrlich, auch die Smart City ist für ihn ein abschreckendes Beispiel. Dem will er begegnen: Die Lösung sieht er in autarken Wohnformen auf dem Land. ReGen Villages ist ein Experiment im größeren Maßstab mit modernen, umweltfreundlichen Technologien, das der Unternehmensgründer und Senior Technologe der Stanford Universität gemeinsam mit dem dänischen Architekturbüro EFFEKT in den Niederlanden realisiert: Ein regeneratives Dorf, das versorgungsunabhängig ist. Kreisläufe werden darin zu einem komplexen autarken System – Nahrungsmittel-, Wasser- und Energieversorgung sowie die Müllentsorgung.

Öko-Siedler gesucht

Die Niederlande hatten um das Projekt geworben. Das Land experimentiert bereits mit alternativen Bau- und Wohnformen, etwa Öko-Siedlungen auf dem Wasser, um dem drohenden Meeresspiegelanstieg infolge der Erderwärmung rechtzeitig zu begegnen. Das Grundstück bei Almere, nahe dem Großraum Amsterdam, schien Ehrlich als Standort für sein Projekt ideal. Nachhaltigkeit fängt in ReGen Villages bei der Flächennutzung an. Die einzelnen Parzellen werden nicht, wie im Siedlungsbau üblich, fein säuberlich eingeteilt, auch Zäune und Hecken sucht man hier vergebens. Die Wohnhäuser sind in Ringform angeordnet, Wohnfläche je nach Familiengröße. Im hauseigenen Gewächshaus kann hier, ähnlich wie beim Earthship, das ganze Jahr über Gemüse und Obst geerntet werden.

Flächenverbrauch gering halten

Lediglich 639 Quadratmeter Land sollten laut Konzept zur kompletten Versorgung einer dreiköpfigen Familie ausreichen. Ein großes Gewächshaus im Zentrum wird zudem gemeinschaftlich bewirtschaftet. Um Anbaufläche zu sparen, ist der hohe Glasbau auf einen vertikalen Anbau von Gemüse und Kräutern ausgelegt. Auch Nutztierhaltung und Aquaponik, ein Kreislaufsystem aus Fisch- und Pflanzenzucht, sind vorgesehen. Frischwasser für die Bewässerung der Pflanzen gewinnen die Bewohner durch Speichern und Aufbereiten des Regenwassers. Solarenergie und Geothermie versorgen das Dorf mit Strom und Wärme. Durch die Bauweise, die solare Gewinne kongenial nutzt, wird kaum Heizenergie benötigt.

Warteliste für zukünftige Bewohner online

Die Technologien sind nicht neu, aber intelligent kombiniert. Mit dem neuesten Stand der Agrartechnik wollen die Initiatoren einen zehnfachen Ernteertrag mit 90 Prozent weniger Wassereinsatz erzielen. Aktuell werde bei herkömmlicher Landwirtschaft ein Vielfaches davon benötigt. Wer hier Bewohner werden will, muss allerdings etwas tiefer in die Tasche greifen als beim Earthship. Visionär Ehrlich will das Angebot jedoch für jedermann erweitern und so die breite Masse für eine zukunftsweisende Alternative des Wohnens begeistern. Bewerber für das Dorf gibt es schon viele, auf der Website kann man sich auf eine Warteliste setzen lassen. Almere ist erst der Anfang, wenn es nach den Machern geht. Ziel ist es, das Konzept auch in Dänemark, Norwegen und Deutschland zu verbreiten. Nicole Allé


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