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Pionier der EnergiewendeDer Ökostromer aus Süderbrarup

Der Pionier und sein Hof: Kay Thomsen zeigt gern, dass hier oben im Norden Deutschlands jeder so leben könnte wie er: Mit selbst erzeugtem Ökostrom und Bio-Landwirtschaft.
Der Pionier und sein Hof: Kay Thomsen zeigt gern, dass hier oben im Norden Deutschlands jeder so leben könnte wie er: Mit selbst erzeugtem Ökostrom und Bio-Landwirtschaft. (Foto: © Clemens Weiß)

Die Pioniere der Energiewende leben auf dem Land, Kay Thomsen ist einer von ihnen. Mit seiner Energie packt er überall dort an, wo es ihm sinnvoll erscheint – spontan, erfolgreich und mit Startup-Mentalität.

02.12.2019 – Eigentlich hatte Kay Thomsen das alles nicht vor, zumindest nicht geplant. „Trotzdem würde ich es genauso wieder machen“, sagt er und dann folgt ein typischer Thomsen-Satz: „Wenn sich Gelegenheiten bieten, muss man zugreifen.“ Was er meint: Wenn sich Gelegenheiten bieten, Heimat und Klimaschutz zu vereinen, packt er als erster mit an. In seiner Region war er der erste Windmüller und baute als erster eine Biogasanlage auf seinen Hof. Und es lässt ihn noch immer fassungslos zurück, wenn er an Bauernhöfen vorbeifährt und Dächer ohne Solaranlagen sieht. Auf seinem Hof, der mehr Energie- als Bauernhof ist, bleibt keine Fläche ungenutzt: Auf fünf Dächern Solaranlagen, dazu ein kleines Windrad und eine Biogasanlage, Batteriespeicher und Elektroautos.

Gerade hier im Norden herrschen ideale Bedingungen, findet Thomsen: Viel Wind, gute Sonneneinstrahlung, landwirtschaftliche Abfälle für Biogasanlagen. Und das Wichtigste: Fläche. Daran mangelt es rund um die kleine Stadt Süderbrarup mit knapp 4.000 Einwohnern nicht, auf halber Strecke zwischen Kiel und Flensburg. Thomsens Hof liegt zehn Autominuten entfernt. „Wir sind hier in Süddänemark“, sagt er und man ist sich nicht sicher, wie ernst er es meint. Wenn man sich an norddeutschen Klischees abarbeiten möchte, scheint Thomsen ein gutes Beispiel: Trocken im Humor, immer ein „Moin“ auf den Lippen, direkt und ehrlich. Aber: Alles anderes als wortkarg. Obwohl seine Statur schüchtern wirkt, steckt in dem 57-Jährigen jede Menge Energie. Er redet schnell und offen, mit seiner Meinung hält er sich nicht zurück. Seit zehn Jahren ist er nicht mehr in den Urlaub gefahren und es fällt schwer, sich vorzustellen, wie er einfach mal nichts macht.

Selbst gelernt ist besser gebaut

Er kann ausführlich über unterschiedliche Wirkungsgrade von Elektromotoren und Verbrennern referieren, über Windgestehungskosten und unter welchen Bedingungen eine Solarthermie-Anlage rentabel wird. Studiert hat er nichts dergleichen, er ist gelernter Gärtner. Obwohl das nicht ganz richtig ist. Gelernt hat er jede Menge, er bringt es sich nur selbst bei. „Learning by doing“ heißt das neudeutsch. Einfach anfangen und ausprobieren, nennt es Kay Thomsen. „Man lernt besonders viel, wenn etwas schiefgeht“, sagt er lachend und lebt damit genau die Mentalität, die in Start-up-Metropolen als neue Denkweise gefeiert wird. Nur ist hier oben weder Berlin, was allein am fehlenden Handyempfang leicht zu erkennen ist, noch ist diese Einstellung für Thomsen neu. Er arbeitet schon seit Jahrzehnen danach.

Stolz präsentiert er seine neueste Errungenschaft: Eine Kleinwindkraftanlage mit 30 Kilowatt Leistung hat eine Firma Ende Juli an den Rand seines Hofs hingestellt. Beim Aufbau geholfen hat Thomsen mit seinem Radlader, dem er vor wenigen Monaten einen Elektromotor eingebaut hat. Er ist kein Mann, der danebensteht und zuschaut. Er will mit anpacken, weiß meist wie und wenn nicht, dann schaut er sich Youtube-Videos an oder findet jemanden, der es ihm erklärt. So auch beim Radlader. Da der Hersteller kein Interesse und Thomsen wenig Ahnung hatte, fand er über Ebay einen Experten. Beide suchten einen gebrauchten Auto-Elektromotor, Thomsen schrieb ihn an. Am Ende bauten sie gemeinsam den Motor und einen Akku ein.

Mit dieser Lebenseinstellung ist er weit gekommen, aber immer in seiner Heimat geblieben. Fünf Mal zog er in seinem Leben um, immer innerhalb weniger Kilometer rund um Süderbrarup. Nur einmal, als Kind, wohnte die Familie woanders und obwohl es nur wenige Jahre waren, hat die Erfahrung sein Leben geprägt. Der Nachbar eher unangenehm: Das Atomkraftwerk Brokdorf an der Elbe.

50 Jahre später denkt er noch an diese Zeit. Damals starben reihenweise kleine Molkereien aus, Thomsens Vater versuchte sie zu retten. „Ständig schlossen kleine Betriebe, alles musste immer größer werden“, erinnert er sich. Er hält von dieser Wirtschaftsweise wenig, besonders, weil dünn besiedelte Regionen abgehängt werden. „Meinem Vater ist es damals nicht gelungen, die Werthaltigkeit vor Ort zu halten, das wollte ich anders machen.“ Als vor über 30 Jahren sein erster Sohn geboren wurde, fasste Thomsen einen Entschluss: Ich will meinen Kindern diesen Planeten und meine Region besser hinterlassen, ohne Atommeiler und ohne Kohlekraftwerke. „Konkret etwas verändern kann ich nur in meinem Umfeld und das habe ich einfach angepackt.“

Millionenkredit für die junge Familie

Als er 1990 eine Anzeige in einem „Käseblatt“ entdeckte, legte er los. Zwei Hamburger suchten geeignete Standorte für Windräder. Also schloss Thomsen mit dem Bauern nebenan einen Pachtvertrag ab, sprach mit den zuständigen Behörden und besorgte einen vorläufigen Bauantrag. Während er bei der Bundeswehr als Nachschubmeister in der Kaserne in Süderbrarup arbeitete. „Ich hab für die Truppe alles besorgt, vom Kugelschreiber bis zur Rakete.“

Finanziert haben Thomsen und seine Frau das 450-Kilowatt-Windrad dann gleich mit – und den ersten Kredit über viele Hunderttausend Mark aufgenommen. Von seinem Hof aus kann man zusehen, wie die Rotoren der Anlage noch immer rhythmisch ihre Runden drehen. Sie stammt aus einer Zeit, als nur ein paar Landwirte und „Öko-Spinner“ sich für Windräder und Solaranlagen interessierten. Es folgten drei Windräder mit 600 Kilowatt Leistung, eine finanzierte wieder Familie Thomsen. „Ich habe damals 2.000 Mark verdient, meine Frau war gerade fertig mit ihrem Studium und wir hatten ein Haus gekauft, also war es finanziell eigentlich recht knapp“, erzählt er. Es klingt naiv, hat sich aber nie gerächt: Die junge Familie nahm Kredite im Wert von über einer Million Mark auf und Thomsen stieg nun richtig in den Bau ein. „Ich habe den ganzen Prozess begleitet und am Ende mit dem Tiefbauer und den Entwicklungsteams dafür gesorgt, dass die Anlagen auch tatsächlich stehen.“ Nachmittags holte er den Sohn vom Kindergarten ab, während seine Frau als Ärztin im nächsten Krankenhaus arbeitete.

An insgesamt 14 Windrädern ist Thomsen beteiligt, aber erst seit der Jahrtausendwende lebt die Familie vollständig mit und von der Windkraft. Das letzte große Windrad hat er vor zwei Jahren errichtet, seitdem hält er sich zurück. Das neue System zur Förderung von Wind- und Solaranlagen mit Ausschreibungen und Zuschlägen scheint ihm zu riskant und unkalkulierbar.

Weniger Ökostrom als erhofft

Die Energie- und Klimapolitik der Bundesregierung hält er für eine Katastrophe. Obwohl die große Politik hier oben auf dem flachen Land weit weg erscheint, hat sie Auswirkungen auf ihn. „Unsere Windräder wurden in den letzten beiden Jahren zu 80 Prozent abgeregelt“, schimpft Thomsen. „Das ist so sinnlos. Ich hab die Mühlen doch nicht hingestellt, um Geld zu bekommen, sondern um Ökostrom zu produzieren.“

Weil die Netzbetreiber nicht mit dem Bau neuer Stromleitungen hinterherkommen, regeln sie Windräder in Norddeutschland regelmäßig ab, wie es im Branchenjargon heißt. Das bedeutet: Die Rotoren werden abgestellt, weil sonst zu viel Strom die Netze überlasten würde. Windpark-Betreiber erhalten Entschädigungen in voller Höhe, denn sie können für die fehlenden Netze nichts.

Trotzdem sind die meisten Windmüller wenig begeistert. Vor allem, weil aus ihrer Sicht das Atomkraftwerk Brokdorf und das Kohlekraftwerk Moorburg in Hamburg dafür verantwortlich sind. Sie verstopfen mit ihrem schmutzigen Strom die Netze Richtung Süddeutschland, zu Lasten der Umwelt. Eine Greenpeace-Studie gab ihnen vor drei Jahren recht. Damals wurden die Zahlungen allein in Schleswig-Holstein auf mindestens 160 Millionen Euro pro Jahr beziffert. Am Ende profitieren die Betreiber der Atom- und Kohlekraftwerke, finanziert von den Stromkunden.

Wenn Thomsen etwas ungerecht erscheint, schwingen seine großen Hände, die nach schwerer Arbeit aussehen, gestikulierend herum. Warum große Konzerne kaum Steuern zahlen und ihre Gewinne nach Luxemburg verschieben. Oder wieso die Humusschicht auf deutschen Äckern verschwindet und das für Natur und Klima eine Katastrophe ist. Er ist ein politischer Mensch, der sich viele Gedanken über unsere Gesellschaft macht.

Warum nicht einen Wald pflanzen?

Sein Herzensthema bleibt dennoch die Energiepolitik und deren Auswüchse. „Für die erste Windmühle hab ich noch mit den Buntstiften meiner Jungs für die Naturschutzbehörde aufgezeichnet, von wo man die Anlage aus überall sehen kann“, beschreibt er mit einem Lächeln die unregulierten Zeiten der Windbranche. „Heute braucht man für eine kleine Anlage auf seinem eigenen Hof einen dicken Ordner in achtfacher Ausführung. Dann ruft die Behörde nach eineinhalb Jahren an und sagt: „Wir können keinen Antrag genehmigen, weil wir die Ordner nicht mehr finden.“ Das Windrad mit Buntstift-Zeichnung war dagegen nach sechs Wochen genehmigt.

Bewundernd, fast andächtig spricht er über Greta Thunberg, die 16-jährige Schwedin, die seit einem Jahr den Mächtigen dieser Welt die Dringlichkeit beim Klimaschutz vorhält. Und erzählt anschließend von seinem nächsten Projekt, das er sich mit seinem Sohn vorgenommen hat und das Thunberg sicher gefallen würde: Einen Hektar Wald auf seinem Land pflanzen. Es folgt ein typischer Thomsen-Satz: „Wir haben uns gedacht, lass uns doch was für unsere CO2-Bilanz tun.“ Und so packt er überall da an, wo es ihm sinnvoll erscheint. Frei nach dem Motto: „Wenn sich Gelegenheiten bieten, muss man zugreifen.“ Clemens Weiß