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BlockchainIn Wien tauschen Nachbarn ihren Strom

Ein viereckiger Wohnungsbau, der über einen kleinen künstlich angelegten See ragt.
Im zweiten Wiener Gemeindebezirk, in der Wiener Krienau, unweit des Praters, entsteht seit 2007 ein neues Stadtviertel, das „Viertel Zwei“. (Foto: Gugerell / Wikimedia Commons, CC0 Public Domain)

Ein Wiener Quartier testet die Zukunft der Stromversorgung. Ihre Werkzeuge: Eine Solaranlage, ein Stromspeicher und die Blockchain-Technologie. Auf dem Dach erzeugter Ökostrom wird so je nach Bedarf gemeinschaftlich genutzt und verkauft.

11.07.2019 – Energiegemeinschaften können ein zentrales Mittel sein, um Wien langfristig CO2-frei zu machen, so sieht es Michael Strebl, Geschäftsführer von Wien Energie, dem größten Energieversorger Österreichs und Teil der Wiener Stadtwerke. Und dafür testet das Energieunternehmen in einem neuen Stadtquartier namens „Viertel Zwei“ – in der Wiener Krieau gelegen – eine neue innovative Form der Energiegemeinschaft: Nachbarn erzeugen, teilen und verkaufen künftig gemeinschaftlich Strom Mithilfe der Blockchaintechnologie.

Dafür erzeugt eine eigene Photovoltaik-Anlage regenerativen Strom, der je nach Bedarf über ein intelligentes Blockchain-System unter den Nachbarn aufgeteilt wird. Ein sogenanntes Blockchain – bekannt aus der Kryptowährung – ermöglicht direkte Transaktionen jeglicher Art in einem bestimmten Netzwerk. Im Viertel Zwei etwa machen Blockchain-Anwendungen direkte und automatisierte Interaktionen bezüglich des Stromvertriebs möglich. Das vereinfacht den Nachbarschaftsstromhandel und macht reine Konsumenten zu Prosumern, die unabhängiger von großen Energiekonzernen und Netzbetreibern agieren können.

Überschüssiger Strom wird derweil in einen sogenannten Quartierspeicher weitergeleitet oder an der Strombörse verkauft. Der Gewinn geht vor allem an die Bewohner des Quartiers. Auch besteht die Möglichkeit, die Energie an Stromtankstellen für Elektroautos freizugeben. Bei diesen Schritten soll Blockchain ebenfalls helfen, das Energiemanagement vollautomatisch nach ökonomischen und ökologischen Kriterien zu bewerkstelligen. Für das Projekt investiert Wien Energie insgesamt mehr als zwei Millionen Euro.

Hyperlokale Energiemärkte sind auch für Stadtwerke eine Chance

Zwar zählt gerade das Energieunternehmen zu den großen Konzernen, von denen sich die Bewohner des Wiener Quartiers unabhängig machen könnten, doch gerade für Stadtwerke – wozu auch Wien Energie gehört – bestehen laut Experten, wie Jens Strüker vom Institut für Energiewirtschaft (INEWI) an der Hochschule Fresenius, große Chancen. „Anstatt Ansätze wie Nachbarschaftsstromhandel zu verhindern oder zu ignorieren, sollten vor allem Stadtwerke mit Ihrer großen Kundennähe versuchen, Treiber der Entwicklung zu werden. Lokaler Stromhandel kann letztlich den Verbleib von Geld und Arbeit vor Ort bedeuten“, so Strüker gegenüber dem Handelsblatt.

Und mit dem Quartier in der Wiener Krieau hat das Energieunternehmen scheinbar das perfekte Reallabor gefunden. Im zweiten Wiener Gemeindebezirk gelegen, wurde das Quartier und die Umgebung erst seit 2007 aus dem Boden gestampft und dabei auf nachhaltige Bauweise und Möglichkeiten für Erneuerbare Energien Konzepte geachtet. Mit der neuen Photovoltaik-Anlage etwa spart das gesamte Viertel 60 Prozent an CO2-Emissionen gegenüber herkömmlicher Energieversorgung.

Der Energiehandel mittels Blockchain befindet sich hingegen noch in der Testphase. Aber schon im Herbst soll die Plattform offiziell in Betrieb gehen und einen realen Mehrwert für die Bewohner erzeugen. Und in Deutschland wird ebenfalls an entsprechenden Konzepten geforscht. So untersuchen auch Stücker und sein Team vom INEWI unter Realbedingungen die Möglichkeiten von Blockchain auf dem Energiemarkt. Dafür haben sich die Wissenschaftler im Pfaff-Quartier in Kaiserslautern eingerichtet – einem ehemaligen Fabrikgelände, das als Reallabor für Planung und Umsetzung eines klimaneutralen Stadtquartiers entwickelt wurde. mf