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Autark mit PhotovoltaikDer Tüftler und sein Taku

Tüftler Sebastian Müllauer mit seiner faltbaren Solaranlage (Foto: Niels H. Petersen)
Tüftler Sebastian Müllauer mit seiner faltbaren Solaranlage (Foto: Niels H. Petersen)

Der Teufelsberg ist fast schon ein mythischer Ort vor den Toren Berlins: Ein Berg aus Trümmern, einst die größte Abhörstation in Europa, heute ein bizarres Freizeitgelände. Ein findiger Daniel Düsentrieb baut hier eine solare Selbstversorgung auf und konstruiert eine ferngesteuerte Ölsammeldrohne.

07.11.2019 – Am Bodensee aufgewachsen kam Sebastian Müllauer das erste Mal vor 25 Jahren, also wenige Jahre nach der Wende, auf den Berliner Teufelsberg. „Einfach durch einen Zaun, wie es damals üblich war“, beschreibt er. Heute arbeitet der studierte Industriedesigner etwa sechs Monate im Jahr in einer Werkstatt im Erdgeschoss einer der Gebäude, die als Radome weltbekannt sind. Sie sind seit über einem Jahr für Besucher geschlossen, weil die Statik des Gebäudes angezweifelt wurde. Das wird derzeit von den Behörden überprüft.

Das Leben in zwei Koffern

In der kalten Jahreshälfte ist Müllauer meist im Ausland unterwegs. Schon vor zehn Jahren besuchte und studierte er verschiede Ökogemeinschaften rund um den Globus. Nach einem Aufenthalt im Ökodorf Siebenlinden machte er sich daran eine mobile Forschungsstation zu kreieren, die in zwei Koffer passt. Eine faltbare Photovoltaikanlage und ein Zelt passen in den einen, alles andere kommt in den zweiten Koffer. Er nennt die Station kurz Taku. Damit bezieht er sich auf die Utopie bolo’ bolo des Schweizer Autors P.M. Er sieht sich selbst „als reisender Gestalter auf den Spuren regionaler Autarkie“, schreibt er in der Einleitung einer seiner Bücher. Die personalisierte Kiste ist demnach das eigene Heiligtum, der Rest der Erdkugel wird gemeinsam genutzt.

Im Tandem haben er und sein Taku 2010 die ganze Welt umreist. Vor allem war er in Indien und Nepal unterwegs. Seit einigen Jahren arbeitet er auch bei einer Firma in Indien, der Treehouse Community. Sie baut und vermietet Baumhäuser an Ökotouristen. Einige der Bauten haben vier Stockwerke.

Einfälle statt Abfälle 

Mit Photovoltaik hat er seit rund zehn Jahren zu tun. Der Grund liegt auf der Hand: Solarenergie plus Speicher eignen sich sehr gut für autarke Inselsysteme, wie er es auch dem Teufelsberg erschaffen hat. Die Kultbücher Einfälle statt Abfälle von Christian Kuhtz aus Kiel haben ihn früh inspiriert. In den sogenannten DIY-Heften gibt es Bauanleitungen, wie man Solarthermie-, Kleinwindanlagen und Steinöfen selbst konstruiert.

Der Weg zur Konstruktion einer Photovoltaikanlage ist da nicht weit. Die Dünnschichtfolien von einem Boot hat er selbst auf ein seitliches Dach geschraubt, das aussieht wie eine Marquise zum Innenhof. Touristen kommen hier nicht hin. 700 Watt leistet die Fassade. Den passenden Umrichter hat er im Internet gesucht und gefunden, als Speicher hat er günstige Bleibatterien in einen Schrank in der Werkhalle gebaut.

Eine faltbare Solaranlage

Mehrfach wurde schon eine Stromleitung bei der Stadt Berlin beantragt, bislang hat das nicht geklappt. Das Gelände ist ein Naturschutzgebiet und steht heute unter Denkmalschutz, was die Verlegung der Stromkabel verteuern würde. Auf dem Gelände gibt es nun bereits eine zweite Photovoltaikanlage des Betreibers Marvin Schütte. Sie besteht aus fünf Modulen und dürfte rund 1,2 Kilowatt Leistung haben.

Beide Solaranlagen sind nicht an das Stromnetz angeschlossen. Sie speisen also nicht ein, sondern sind auf den eigenen Verbrauch ausgerichtet. Auch Anschlüsse für Wasser und Heizung fehlen auf dem Teufelsberg. Das Wasser wird über einen Laster auf den Berg transportiert und in einen Behälter gefüllt. Zudem sammelt Müllauer natürlich auch das Regenwasser.

Die Ölsammeldrohne

Die faltbare Solaranlage und Solarstrom vom Dach sind aber bei weitem nicht ist einzigen Erfindungen in der Werkstatt. Direkt neben dem Taku steht ein Ölsammelroboter. Genauer handelt es sich um die sechste Version einer ferngesteuerten Segeldrohne, die 2011 in Amsterdam eingeweiht wurde. Ein 16 Meter langer Schweif aus einem Spezialmaterial kann die Ölmenge von 25 Mal seinem Eigengewicht aufnehmen, während das Meerwasser nicht absorbiert wird. Mit kommerziellen Auftragsarbeiten verdient der findige Daniel Düsentrieb seinen Lebensunterhalt. Er wohnt in Berlin und fährt mit seinem Fahrrad auf den Berg, der schon so viel Geschichte erlebte.

 

Schaurige Geschichte

Teufelsberg. Schon der Name lässt den Besucher erschaudern. Eigentlich war hier vor gar nicht langer Zeit kein Berg, sondern eine grüne Wiese neben dem gleichnamigen Teufelssee vor den Toren der Großstadt. Die 120 Meter ausgeschüttetes Geröll stammen aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Größenwahn präge diesen Ort. Hitler persönlich legte Ende 1937 den Grundstein für seine „Wehrtechnische Fakultät“, fertig wurde sie nicht.

Später im Kalten Krieg bauten Amerikaner und Briten hier die größte Abhörstation Europas. Mehr als 1.000 Mitarbeiter haben in mehreren Schichten rund um die Uhr gehorcht – angeblich reichten die Ohren bis nach Moskau. Überprüfen lässt sich das nicht. 2008 wollte David Lynch eine eigene Fakultät errichten, auch er legte einen symbolischen Grundstein, zusammen mit einem Guru – dabei blieb es am Ende.

Wie geht es weiter?

Die Betreiber und Investoren versuchen über den Eintritt der Tagesgäste und durch Eventvermietungen an Firmen Geld zu verdienen, während der Zustand der denkmalgeschützten Radome immer schlechter wird. Bei den stark steigenden Immobilienpreisen wird das Geländer auf einen Wert zwischen 24 und 30 Millionen Euro geschätzt. Das Land Berlin in Persona von Bürgermeister Michael Müller hatte zuletzt eine halbe Million Euro angeboten. Von einer Einigung ist man weit entfernt. Solange kann Sebastian Müllauer weiter die Welt mit seinen Erfindungen in den Werkstatthallen bereichern. Niels Hendrik Petersen


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