TOP-THEMA
Europawahl




StrompreiseWerden Stromnetze die Kostentreiber der Energiewende?

Wartungsarbeiten an einem Strommast
Wartungsarbeiten an einem Strommast. (Foto: pixabay.com, CC0 Public Domain)

Damit die Netzkosten in den nächsten Jahren nicht immer weiter steigen, fordern Experten eine grundlegende Neuordnung des Systems der Netzentgelte. Gleichzeitig sollen die Betreiber der Stromnetze für eine vollständige Transparenz sorgen.

17.04.2019 – Schon bald könnten die Netzkosten zum größten Einzelposten auf der Stromrechnung werden. Davor warnt Agora Energiewende in seiner Studie „Netzentgelte 2019: Zeit für Reformen“, die zusammen mit dem Regulatory Assistance Project – einem internationalen Zusammenschluss ehemaliger Stromnetzregulierer – erarbeitet wurde. Trotz hoher Kosten für die Verbraucher werde der für die Energiewende nötige Umbau des Stromsystems durch aktuelle Netzentgelt- Regeln behindert.

Jedes Jahr kommen deutschlandweit etwa 24 Milliarden Euro an Netzentgelten zusammen. Weder die Politik, noch die Wissenschaft können nachvollziehen, wofür diese Gelder ausgegeben werden. Auch ist unklar, wie die Mittel auf die unterschiedlichen Verbrauchergruppen umgelegt werden. Die Experten der Denkfabrik sprechen deshalb auch von einer Steuerung der Netzausgaben „im Blindflug“. Eine umfassende Reform der Netzentgelte sei dringend erforderlich.

2019 steigen die Netzkosten um 1,5 bis 2 Mrd. Euro

Allein in diesem Jahr werden die Netzkosten voraussichtlich um 1,5 bis 2 Milliarden Euro steigen. Aufgrund „mangelnder Datentransparenz“ sei keine exakte Angabe möglich. Darin seien noch nicht einmal die Netzausbaukosten für Offshore-Windparks in Höhe von 1,7 Milliarden Euro enthalten. Diese werden nicht mehr über Netzentgelte, sondern die neu geschaffene Wind-Offshore-Umlage erhoben. Lag sie 2018 noch bei 0,037 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh), stieg die Umlage in diesem Jahr auf 0,416 ct/kWh. Für die Verbraucher sind die Netzkosten damit insgesamt um sechs bis acht Prozent gestiegen.

Es ist de facto unmöglich, Netzausbau und Netzkosten effizient zu regulieren„Wir brauchen neue Netze“, schlussfolgert Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende und einer der Autoren der Studie. „Aber die Netzkosten und die Netzentgelt-Struktur sind derzeit so intransparent, dass es de facto unmöglich ist, Netzausbau und Netzkosten effizient zu regulieren. Dabei wird das bald der größte Kostenpunkt des Stromsystems werden.“   

Zunächst fordern die Experten in ihrem Bericht eine Problemanalyse der Netzentgelte, anschließend eine systematische Bearbeitung und Auflösung. Damit könne der Beschluss der Bundesregierung konkretisiert werden, die eine Reform der Netzentgelte vereinbart hatte.  

In den letzten zwei Jahrzehnten seien die Netzentgelt-Regeln immer verworrener geworden, bemängelt Thorsten Lenck, Projektleiter von Agora Energiewende und einer der Autoren der Studie. „Wir sehen zahlreiche Ausnahmen, uneinheitliche Regelungen und große Transparenzdefizite, die aktuell sogar verhindern, dass Wissenschaft und Forschung ein durchdachtes Modell erarbeiten können“, sagt Lenck.

Dabei nehmen gerade aktuell die Strommengen aus Erneuerbaren Energien immer weiter zu und sollten zu möglichst geringen Kosten ins Netz integriert werden. „Es ist daher notwendig, die Kriterien entlang derer die Netzentgelte erhoben werden, von Grund auf neu zu definieren“, so Lenck.

Welchem Ziel sollen die Netzentgelte in erster Linie dienen?

Zunächst müsse die Frage beantwortet werden, welchem Ziel die Netzentgelte prioritär dienen sollen, fordern die Experten von Agora Energiewende:

  1. Soll die Effizienz des Stromsystems gesteigert werden?
  2. Sollen die Netzkosten möglichst gerecht auf die Nutzer verteilt werden?
  3. Sollen die Verursacher von neuen Netzausbaumaßnahmen möglichst gerecht für die Netzkosten aufkommen?

Gleichzeitig sei es wichtig, Transparenz über die Kosten der Stromnetze bei den deutschlandweit rund 900 unterschiedlichen Netzbetreibern und ihren Netzentgelten herzustellen. Dadurch könnten in der öffentlichen Debatte die Kosten für den Netzbetrieb von den Investitionen in den Netzausbau getrennt werden.

„Klar ist: Die Netzentgeltreform muss die Finanzierung der Netzkosten bei gleichzeitig volkwirtschaftlicher und klimaökonomischer Effizienz gewährleisten“, betont Andreas Jahn, Senior Associate beim Regulatory Assistance Project und dritter Autor der Studie. „Dabei sind Verteilungsgerechtigkeit sowie Umsetzbarkeit, Transparenz, Verlässlichkeit und Nachhaltigkeit der Maßnahmen zu gewährleisten.“

Reihe von Erste-Hilfe-Maßnahmen notwendig

Da mögliche Reformen ihre Wirkung erst in einigen Jahren entfalten können, schlagen die Experten eine Reihe von schnell umsetzbaren Erste-Hilfe-Maßnahmen vor:

  1. Die Herstellung vollständiger Transparenz über Verwendung und Aufkommen der Netzentgelte.
  2. Anreize für die Glättung des Stromverbrauchs müssen abgeschafft werden. Zukünftig sollten große Stromverbraucher ihre Nachfrage an das Angebot der Strombörse anpassen.
  3. Kleinverbraucher sollten zukünftig wieder vermehrt von niedrigen Grundpreisen profitieren können. Derzeit geht der Trend eher zu immer höheren Grundpreisen für die Netznutzung.
  4. Für neue Verbraucher wie Elektroautos oder Wärmepumpen sollten flexible Netzentgelte eingeführt werden, sodass diese ihren Verbrauch an die aktuelle Belastung der Stromnetze anpassen können.

„Es ist dringend geboten, bei den Netzentgelten aufzuräumen – das lässt sich nicht oft genug betonen“, so Graichen. So seien etwa die für 2019 festgesetzten Netzentgelte bislang immer noch alle vorläufig, da eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes ausstehe. Wie sich das Urteil auf die Entgelte auswirkt, werden die Verbraucher allerdings nie erfahren, da die Netzbestreiber erst 2020 entsprechende Verrechnungen vornehmen wird. Diese müssen nicht offengelegt werden. jk