Menü öffnen

WärmewendeErneuerbare Fernwärmeversorgung hinkt noch hinterher

Rohrleitungen für Fernwärme
Der Umstieg auf eine erneuerbare Fernwärmeversorgung kommt bisher nur schleppend voran. (Foto: Pixabay)

Der Umstieg auf eine erneuerbare Fernwärmeversorgung kommt bisher nur schleppend voran. Auch das novellierte Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz greift hier zu kurz. Verbände, Forschungsinstitute und Bündnisgrüne fordern wirksamere Anreize und Pflichten, beispielsweise zur Einbindung von Solarthermie.

06.02.2019 – Die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugt, gilt als eine wichtige Klimaschutztechnologie. Rund 58 Millionen Tonnen CO2 werden jährlich in Deutschland auf diese Weise eingespart. 218 Milliarden Tonnen Kilowattstunden (kWh) Wärme und 110 Milliarden kWh Strom wurden 2016 per KWK erzeugt, weit mehr als die Hälfte davon für die öffentliche Fernwärmeversorgung.

Zum Großteil wird jedoch das 26.400 Kilometer lange Fernwärmenetz in Deutschland noch fossil gespeist: Erdgas hat mit 43 Prozent die Nase vorne, gefolgt von Kohlestrom mit 26 Prozent (2017). Der Anteil der Erneuerbaren an der Nettowärmeerzeugung über Wärmenetzsysteme legte zwar laut Angaben des Statistischen Bundesamtes von 13,6 Prozent im Jahr 2016 auf 14 Prozent in 2017 leicht zu, doch spielt immer noch eine Randrolle. Bei der grünen Fernwärme dominieren bisher Biomasse und biogene Siedlungsabfälle, der Anteil der Geo- und Solarthermie lag 2017 bei gerade einmal 0,4 Prozent.

Insgesamt sind die Anreize für einen Fuel-Switch mit dem Ziel einer erneuerbaren Fernwärmeversorgung – und dem Zwischenschritt über mehr Erdgas statt Kohle – aus Sicht des Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) noch zu schwach. Laut Einschätzung des Verbandes ist der so genannte „Kohleersatz-Bonus“ im jüngst novellierten Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (KWKG) zu niedrig angesetzt, um eine verstärkte Umstellung von Kohle- auf Erdgas betriebene KWK anzureizen. Hierzu müsse der Bonus von derzeit 0,6 Cent/kWh mindestens verdoppelt werden, fordert der Verband.

Erneuerbare Fernwärme wird benachteiligt

Der BDEW weist auch darauf hin, dass die Fernwärme bei der Förderung von Maßnahmen zur Erhöhung der Anteile an Wärme aus Erneuerbaren Energien im Gebäudebestand seit Jahren benachteiligt wird. Während beispielsweise der Gebäudeeigentümer für die Errichtung einer Solarthermieanlage eine Förderung aus dem Marktanreizprogramm „Wärme aus Erneuerbaren Energien" (MAP) in Anspruch nehmen kann, gibt es bislang keine ähnliche Förderung für Fernwärmeversorger, die Wärme aus Erneuerbaren Energien in die Wärmenetze bringen wollen.

Besserung soll das angekündigte so genannte „Basis-Programm“ der Förderstrategie des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) „Energieeffizienz und Wärme aus erneuerbaren Energien" bringen. Bislang sind die Förderrichtlinien für dieses Basis-Programm, das beispielsweise die Errichtung einer Freiflächensolarthermieanlage oder eines Biomasseheizwerks fördern soll, jedoch noch nicht vom BMWi erarbeitet worden. Das Programm sollte nach Auffassung des BDEW praxisgerecht ausgestaltet und rasch zur Anwendbarkeit gebracht werden, damit beispielsweise Stadtwerke die Förderung breiter in Anspruch nehmen können als dies mit der Forschungs- und Entwicklungsförderung durch das bereits existierende Programm „Wärmenetze 4.0" der Fall ist.

Kohleausstiegsgesetz und CO2-Bepreisung für Fuel-Switch

„Das KWKG bietet praktisch keinen Anreiz für den Fuel-Switch“, sagt der scheidende Geschäftsstellenleiter des Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung (B.KWK) Wulf Binde. Der Kohle-Ersatzbonus greife nur für Neuanlagen und reiche bei weitem nicht aus, um die Kostendifferenz von 3-4 Cent/kWh zwischen KWK-gestützten abgeschriebenen Kohlekraftwerken und KWK-Gaskraftwerken auszugleichen. Zudem sei die Kostendegression, vor allem bei größeren und mittleren KWK-Anlagen, nicht so hoch wie beispielsweise bei Wind oder Photovoltaik, weil die Stückzahlen vergleichsweise gering und die Technik schon seit längerem auf dem Markt und komplexer seien. „Wir brauchen ein Kohleausstiegsgesetz mit einem klaren Pfad oder eine wirksame CO2-Bepreisung, um beim Fuel-Switch bei der KWK wirklich weiterzukommen“, formuliert Binde seine Erwartungen. Die jüngst eingeführten KWK-Innovationsausschreibungen hält Binde für „einen ersten richtigen Schritt“. Gerade in der Kombination von KWK mit Erneuerbaren Energien wie Photovoltaik, Solarthermie und Großwärmepumpen oder Power-to-Gas sieht er ein großes Potential.

Pflichtanteil von Erneuerbaren in der Fernwärme umsetzen

„Der aktuelle Rechtsrahmen bietet weder eine Verpflichtung noch wirksame Anreize für die Wärmeversorger, Erneuerbare Energien einzusetzen“, kritisiert Thomas Pauschinger, Mitglied der Geschäftsleitung des Steinbeis Forschungsinstituts für solare und zukunftsfähige thermische Energiesysteme (Solites) in Stuttgart. Ein Pflichtanteil von Erneuerbaren in der Fernwärme, wie schon seit Jahren in der Erneuerbaren Energien Direktive der EU gefordert, sei bisher nicht in nationales Recht umgesetzt worden. Zudem könnten durch die hohen Stromgutschriften auch mit fossiler Wärmeerzeugung beste Primärenergiefaktoren erreicht werden.

Die Ausschreibung zur innovativen KWK hält er mit einem Zuschlagswert von 11,3 Cent/kWh gegenüber 4,7 Cent/kWh bei der konventionellen KWK für „ein interessantes Instrument“. Dennoch müsse das zugehörige Solarthermieprojekt schon weit entwickelt und abgesichert sein, um das Risiko der hohen Pönale zu minimieren. Als Herausforderung für die verstärkte Einbindung von Solarthermie in die KWK-gestützte Wärmeversorgung sieht er jedoch die Sicherung der nötigen Flächen. „Solche Flächen müssen zukünftig bei der Raum- und Stadtplanung berücksichtigt und die heute meist aufwändigen Verfahren effizienter gestaltet werden“, so Pauschinger.

Nur erneuerbare KWK fördern – Einspeisemöglichkeit verbessern

„Die Bundesregierung hat es versäumt, durch entsprechende Änderungen im KWKG den Umstieg auf Erneuerbare Energien in der Wärmeversorgung zu beschleunigen. Sinnvoll wäre es gewesen, die weitere Förderung der KWK an den Einsatz von Erneuerbaren Energien zu koppeln“, kritisiert Julia Verlinden, Energiepolitische Sprecherin der Bündnisgrünen im Bundestag. „Außerdem brauchen wir endlich eine verbindliche Regelung, damit Produzenten von erneuerbarer Wärme und Abwärme ihre Wärme in vorhandene Netze einspeisen und so zur Dekarbonisierung der Fernwärme beitragen können“, fordert sie. Auch hier hinke die Regierung weit hinterher. Hans-Christoph Neidlein


Mehr zum Thema


Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben


Name: *
E-Mail: *
(wird nicht veröffentlicht)
Nicht ausfüllen!


Kommentar: *

(wird nicht veröffentlicht)
max 2.000 Zeichen



energiezukunft