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FernwärmeLeipzig sagt Tschüss zur Braunkohle

Ortsschild von Lippendorf im Kreis Leipzig. Im Hintergrund die rauchenden Kühltürme des örtlichen Braunkohlekraftwerks.
Der Ort Lippendorf gehört zum Kreis Leipzig. Der Ausstieg der Stadt aus der Fernwärmeversorgung durch das Kraftwerk könnte zwar Arbeitsplätze gefährden, doch im Angesicht der Klimakrise ist ein Strukturwandel ohnehin nötig. (Foto: Cmuelle8 / Wikimedia Commons, CC0 Public Domain)

Leipziger Fernwärme aus Braunkohle wird ab 2022 Geschichte sein. Stattdessen investiert die Stadt viel Geld für den Aufbau dezentraler Strukturen. Neben Gas als Brückentechnologie sollen langfristig Erneuerbare Energien die Wärmeversorgung stemmen.

09.07.2019 – Was das Bündnis „Leipzig kohlefrei“ schon länger fordert, ist nun in greifbarer Nähe. Im September 2022 werden die Leipziger Stadtwerke den Fernwärmevertrag mit der LEAG  kündigen. Dies kündigte der Oberbürgermeister der Stadt Burkhard Jung von der SPD Ende vergangener Woche auf einer Pressekonferenz an. Bislang ist die LEAG über ihr Braunkohlekraftwerk Lippendorf für die Grundlast an Fernwärme in der Stadt verantwortlich. Nun die endgültige Kehrtwende? „Leipzig steigt definitiv aus der Braunkohle-Fernwärmeversorgung aus. Günstigster Zeitpunkt ist das Jahr 2022, das ist technisch machbar, wirtschaftlich vernünftig und ökologisch geboten“, so Jung.

Angedeutet hatte sich dieser Schritt schon länger. Seit 2016 engagiert sich das Bündnis „Leipzig kohlefrei“ – ein Zusammenschluss Leipziger Umweltschutzorganisationen – für einen Ausstieg der Stadt aus der Braunkohle für Fernwärme und Strom. Im November 2017 übergaben sie eine entsprechende Petition an Oberbürgermeister Jung. Und ein Jahr später, im Dezember 2018, stellte Jung gemeinsam mit den Stadtwerken Leipzig erste Pläne vor, mit denen sich die Stadt bis 2023 unabhängig von Fernwärmelieferungen aus dem Kohlekraftwerk Lippendorf machen kann. Rund 200 Millionen Euro an Investitionen seien dafür nötig.

Leipzig nimmt nun 300 Millionen Euro in die Hand

Etwas mehr als ein halbes Jahr später korrigierte Jung nun die Investitionssumme noch einmal nach oben. Bis zur Kündigung des Fernwärmeliefervertrages mit der LEAG im Jahr 2022 seien Investitionen von 300 Millionen Euro nötig, um Erzeugungskapazitäten von 250 Megawatt aufzubauen, die durch das Braunkohlekraftwerk Lippendorf wegfallen. Davon sollen allein 150 Millionen Euro in den Bau eines Gaskraftwerks fließen, welches kurzfristig mit Erdgas Versorgungssicherheit liefern kann.

Zwar sind die CO2-Emissionen aus Erdgas nur halb so hoch, wie bei Kohlekraftwerken, trotzdem handelt es sich dabei ebenfalls um eine fossile Energiequelle, die langfristig durch Bio- oder synthetisch hergestellte Industriegase ersetzt werden sollen. Darüber hinaus sind weitere 150 Millionen Euro an Investitionen geplant, die unter anderem in den Aufbau einer Solarthermieanlage als auch in ein Biomassekraftwerk fließen sollen. Ebenfalls in Planung: mehrere kleine Blockheizkraftwerke in den Stadtteilen, sowie eine Vervierfachung der Speicherkapazitäten, vor allem durch Heißwasserspeicher. Thema könnte auch die thermische Nutzung von Klärschlamm werden.

Lässt Jung auf Druck der Landesregierung ein Hintertürchen offen?

Für das neue Gaskraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung indes ist die Stadt Leipzig auf Genehmigungen des Freistaats Sachsen angewiesen. Nach Einschätzung von Yelena Zimdahl von Leipzig kohlefrei könnte sich die sächsische Landesregierung jedoch quer stellen, da die Kohleverstromung aus dem Kraftwerk Lippendorf landesweite Interessen tangiert. Auch deswegen könnte Burkhard Jung bei den Verträgen mit der LEAG die Möglichkeit offen gelassen haben, nach 2022 weiter zusammenzuarbeiten.

Zwar schob Jung der Fernwärmelieferung durch Braunkohle einen Riegel vor, bei sonstiger Energiebelieferung hingegen ließ er eine weitere Zusammenarbeit mit der LEAG offen. Zimdahl schließt in dieser Hinsicht "Erpressungsversuche der Landesregierung" nicht aus, die darauf hinauslaufen, dass eine Genehmigung des Gaskraftwerks nur erfolgt, wenn die Zusammenarbeit mit der LEAG nicht komplett beendet wird.     

Energie aus Kohle ist schon jetzt zunehmend unrentabel

Die Abkehr Leipzigs von der Abwärme des Braunkohlekraftwerks Lippendorf indes könnte die dortige Kohleverstromung noch unrentabler machen. Dabei wurde im Juni bereits ein Block des Kraftwerks aus wirtschaftlichen Gründen abgeschaltet. Denn gestiegene Kosten für CO2-Zertifikate zusammen mit gesunkenen Preisen an der Strombörse machen die Braunkohle bereits jetzt zunehmend unrentabel. Auch deswegen sind die Forderungen nach einer schnellen Abkehr und Unabhängigkeit Leipzigs von der Braunkohle laut.

Während jedoch bei der Wärmeversorgung nun detaillierte Pläne für den Ausstieg aus der Kohle vorliegen, besteht bei der Stromversorgung noch Nachholbedarf. Über 20 Prozent Kohlestrom sind aktuell noch im Strommix der Leipziger Stadtwerke enthalten. Doch der Umstieg auf Strom aus Erneuerbaren Energien wird sich in Leipzig nicht so einfach gestalten lassen, wie die Wärmeversorgung. Hier sind neben dezentralen Konzepten auch überregionale Veränderungen gefragt, die auf Landes- und Bundesebene in die Wege geleitet werden müssen. mf