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Weniger Eis, mehr Meer

Allein das Abschmelzen des grönländischen Eises würde zu einer Erhöhung der Meeresspiegel von 7 Meter führen.(Foto: <a href="https://flic.kr/p/oQDMWE" target="_blank">Greenland Travel/flickr.com</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-s
Allein das Abschmelzen des grönländischen Eises würde zu einer Erhöhung der Meeresspiegel von 7 Meter führen.(Foto: Greenland Travel/flickr.com, CC BY-SA 2.0)

Ein folgenschwerer Rechenfehler ist der Wissenschaft bei der Berechnung des Rückgangs des Grönländischen Eisschelfs unterlaufen. Rund 200 Milliarden Tonnen Eis zusätzlich hat die Arktis jedes Jahr seit 2004 bis 2015 verloren, zeigen nun neue Daten.

23.09.2016 – Die beschleunigte und andauernde Schmelze der arktischen Gletscher ist seit langem belegt und wird seit etwa 20 Jahren auch per Satellitenüberwachung regelmäßig festgestellt. Doch bei der Auswertung der grönländischen Daten unterlief den Wissenschaftlern bisher ein Rechenfehler, der die ermittelten Werte um etwa 20 Gigatonnen in die Höhe schnellen ließ. Die Forscher um Shfaqat A. Khan von der Technischen Universität Dänemark fanden dies heraus, indem sie den Satelliten GRACE (Gravity Recovery And Climate Experiment) sowie eine Vielzahl neuer GPS-Messpunkte nutzten. Das Team stellte fest, dass die bisherige Annahme, das grönländische Eis habe seit dem Eiszeitlichen Höchststand um 3,2 Meter Dicke abgenommen, falsch ist. Nach der von Khan veröffentlichten Studie kann man nun von rund 4,6 Metern ausgehen.

Landsenkung durch Eismassen

Die grönländische Eismasse hatte zum Höhepunkt seiner Vereisung ein weitaus größeres Volumen als heute und war damit auch viel schwerer. In der Hochphase der letzten Eiszeit, dem sogenannten Weichsel-Glazial, waren ganz Skandinavien, die Ostsee und Teile Norddeutschlands von Eis bedeckt. Aufgrund des immens hohen Gewichts, welches der extrem komprimierte Schnee auf den Untergrund auswirkte, senkte sich das Land ab. Seit dem Rückgang des Eisschildes durch die natürliche Erwärmung der Erde heben sich die Landmassen wieder nach oben. Diesen Vorgang bezeichnet man als postglaziale Landhebung, oder in der Fachsprache als Isostasie.

Bis zu diesem Punkt waren die Berechnungen bisher einwandfrei. Der Fehler schlich sich erst dadurch ein, dass lediglich der Umstand vergessen worden ist, dass die großen Plattenbewegungen vor ca. 40 Millionen Jahren dafür sorgten, dass die grönländische Landmasse über einen thermischen „Hot-Spot“ in der Erdkruste hinweg geschoben wurde. Dies ist ein sehr wichtiger Punkt in der Betrachtung der Gesamtsituation, da die Stauchung wie auch die Hebung der Landmassen durch das Eis von zwei Faktoren abhängig ist: Vom Gewicht des Eisschilds sowie der Mächtigkeit der Lithosphäre, also der äußersten Schicht des Erdmantels. Der besonders heiße Punkt im tieferen Erdmantel, über dem heute Island liegt, hat während der Plattentektonik dafür gesorgt, dass die Lithosphäre Grönlands deutlich dünner ist als die Skandinaviens.

7 Meter Meeresspiegelerhöhung

Für den Klimadialog bedeuten die neuen Erkenntnisse eine wichtige Zäsur. Noch haben nicht alle großen CO2-Verursacher der Welt das Pariser Klimaabkommen ratifiziert, darunter Deutschland und die anderen Länder der EU. Denn die Abschmelzung des grönländischen Eises hat sich nach neuen Erkenntnissen seit 2009 verdoppelt. Schmilzt der gesamte Eisschelf vollständig ab hätte dies eine Meeresspiegelerhöhung um gut 7 Meter zur Folge.

Die Klimaakteure der Welt täten gut daran, eine derartige Entwicklung zu verhindern. Dann wären nicht nur die kleinen Inselstaaten in großer Gefahr, sondern auch Metropolregionen wie New York, Amsterdam und Manila. bm