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COP29Aserbaidschan macht Spagat im Klimaschutz

230 MW Solarpark Garadagh
Der Solarpark Garadagh in Aserbaidschan: Der Anfang des grünen Wandels im fossilen Gastgeberland der COP29? (Quelle: H.C. Neidlein)

Aserbaidschan richtet die diesjährige COP29 aus. Die Wirtschaft des Landes fußt zu großen Teilen auf fossilem Gas. Eine Rundreise zeigt ein Land zwischen fossilen Exporten und dem eigenen Ausbau Erneuerbarer Energien, Emissionen und Klimaschutz.

02.05.2024 – Aserbaidschan macht einen Spagat zwischen mehr Gas für Europa und mehr Erneuerbaren Energien. Zumindest allmählich bewegt sich etwas für mehr Klimaschutz in dem Land, das im November Gastgeber der Weltklimakonferenz sein wird, wie eine Rundreise zeigte.

Das moderne Wahrzeichen der pulsierenden Metropole Baku sind die drei Flame Towers. Abends züngeln ihre in LED-Projektionen getauchten Glasfassaden wie lodernde Flammen über die Skyline der aserbaidschanischen Hauptstadt. Die markanten Wolkenkratzer sind in doppelter Hinsicht symbolträchtig. Zum einen erinnern sie an das uralte Erbe des „Landes des Feuers“ (so die wörtliche Übersetzung von Aserbaidschan), zum anderen an die wirtschaftlich dominierende Öl- und Gaswirtschaft.

Öl, Gas und Ölprodukte machen 90 Prozent der Exporte und 60 Prozent des Staatshaushalts des 10-Millionen-Einwohner-Landes am Kaspischen Meer aus. 70 Jahre lang war Aserbaidschan Teil der Sowjetunion, bevor es 1991 seine Unabhängigkeit wiedererlangte.

Gas vom Kaspischen Meer statt aus Sibirien

Durch die westlichen Boykottmaßnahmen gegen Russland wegen des Angriffs auf die Ukraine ist Aserbaidschan vor allem als Gaslieferant für Europa stärker in den Fokus gerückt. Gas aus dem Kaspischen Meer soll Gas aus Sibirien ersetzen. So stiegen die Erdgaslieferungen in die Europäische Union von rund 8 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2022 auf rund 12 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2023. Bis 2027 sollen die Erdgasimporte in die EU gemäß einem bilateralen Abkommen von 2022 auf rund 20 Milliarden Kubikmeter steigen.

Darüber hinaus verhandelt Bulgarien derzeit mit Aserbaidschan über zusätzliche Gaslieferungen nach Rumänien, Moldawien und in die Ukraine über den künftigen Balkan-Gas-Korridor. Seit anderthalb Jahren ist Bulgarien über eine neue Gasleitung nach Griechenland an die Trans Adriatic Pipeline (Tap) angeschlossen. Diese transportiert Erdgas von Aserbaidschan über die Türkei nach Griechenland und weiter nach Italien.

„Wir werden viel Gas einsparen, das Europa braucht“

Aserbaidschans starker Mann, Präsident Ilham Aliyev, sieht in den steigenden Gasexporten nach Europa und dem parallelen Ausbau Erneuerbarer Energien eine „Win-Win-Situation“, wie er am vergangenen Freitag (26.4.) beim Petersberger Klimadialog in Berlin betonte. Minister aus 40 Staaten waren in Berlin zusammengekommen, um den nächsten Weltklimagipfel (COP29) vorzubereiten, den Aserbaidschan im November dieses Jahres ausrichten wird.

Denn durch mehr Erneuerbare Energien in Aserbaidschan wird weniger Gas in Kraftwerken für die eigene Versorgung verbrannt. „Wir werden viel Gas einsparen, das Europa braucht“, sagte Aliyev. Aserbaidschan wolle die installierte Erneuerbare Stromerzeugung aus Solar- und Windparks bis 2030 auf 5 Gigawatt (GW) ausbauen, derzeit seien es 1,3 GW.

„Das Recht verteidigen“, weiterhin fossile Brennstoffe zu produzieren

Außerdem befinde man sich in der Endphase einer Machbarkeitsstudie zum Bau von Übertragungsleitungen für Offshore-Windstrom vom Kaspischen Meer nach Europa, einschließlich eines Unterseekabels unter dem Schwarzen Meer, berichtete Aliyev. Auf diese Weise könne Aserbaidschan künftig in größerem Umfang Ökostrom nach Europa exportieren. „Als Regierungschef eines Landes, das reich an fossilen Brennstoffen ist, werden wir das Recht dieser Länder verteidigen, weiter zu produzieren und weiter zu investieren, denn beides ist notwendig. Gleichzeitig sollten die Länder mit fossilen Brennstoffen aber auch zu jenen gehören, die sich in Fragen des Klimawandels solidarisch zeigen“, stellte Aliyev allerdings klar.

35 Prozent weniger CO2 bis 2030

Aserbaidschan hat 2017 das Pariser Klimaabkommen ratifiziert. Bis 2030 will das Land seine CO2-Emissionen um 35 Prozent reduzieren, bis 2050 um 40 Prozent (im Vergleich zu 1990). „Von der Weltklimakonferenz erhoffe ich mir wichtige Impulse. Ich glaube, dass wir Vorreiter bei der grünen Transformation sein können“, betonte Elnur Soltanov, stellvertretender Energieminister und COP29-Exekutivdirektor, bei einem Pressegespräch mit internationalen Journalisten Mitte April in Baku. Entscheidend sei die praktische Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen.

Ähnlich äußerte sich Teymur Guliyev, stellvertretender Generaldirektor des staatlichen Energieunternehmens SOCAR (State Oil Company of the Republic of Azerbaijan). Die Unternehmensstrategie sei auf Dekarbonisierung und unternehmerische Nachhaltigkeit ausgerichtet. Um Projekte in den Bereichen Erneuerbare Energien, grüner Wasserstoff und CCUS (Carbon Capture, Utilization and Storage) voranzutreiben, sei die Unternehmenstochter SOCAR Green LLC gegründet worden.

Große Pläne für Wind, PV und grünen Wasserstoff

Dazu gehören Vereinbarungen mit dem staatlichen Energieunternehmen Masdar (Abu Dhabi) zur gemeinsamen Entwicklung von 2 GW Photovoltaik- und Onshore-Windprojekten sowie zur Erzeugung von grünem Wasserstoff aus 2 GW Offshore-Windenergie. Ende 2025 soll ein 240 Megawatt (MW) Solarpark ans Netz gehen, der gemeinsam mit AIC und BP entwickelt wird. Auch im Ausland hat SOCAR bereits erste Erneuerbare-Energien-Projekte realisiert, etwa Windparks in der Türkei oder Solarprojekte in Georgien und Rumänien.

Auf der jüngsten Weltklimakonferenz (COP28) in Dubai ist SOCAR der Oil & Gas Decarbonization Charter (OGDC) beigetreten, der sich bisher mehr als 50 Unternehmen weltweit angeschlossen haben. Die Ziele sind Netto-Null-Emissionen bis 2050, kein routinemäßiges Abfackeln von Begleitgas bei der Öl- und Gasförderung bis 2030 und nahezu keine Methanemissionen im Upstream-Bereich.

Bemühungen zur Reduzierung der Methanemissionen

Um die Methanemissionen zu reduzieren, hat das Unternehmen unter der Schirmherrschaft der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) ein Leckerkennungs- und Reparaturprojekt (LDAR) gestartet. In Zusammenarbeit mit Total Energies werden Drohnen eingesetzt, um Methanemissionen bei Offshore-Aktivitäten aufzuspüren und zu quantifizieren, und SOCAR beteiligt sich an einem Satellitenmessprogramm zur genauen Identifizierung von Methanemissionen.

Durch die Teilnahme an der Initiative OGMP 2.0 (Oil and Gas Methane Partnership 2.0), die ebenfalls unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen steht, wolle SOCAR seine Anstrengungen zur Reduzierung der Methanemissionen weiter verstärken, berichtete Guliyev.

Solarstrom aus Garadagh

Konkret begonnen hat eine - zumindest etwas - grünere Energiezukunft Aserbaidschans bereits rund 75 Kilometer südwestlich von Baku. Fast bis zum Horizont der kargen, staubigen Steppenlandschaft erstrecken sich die 570.000 Photovoltaikmodule des 230-MW-Solarparks Garadagh.  Betreiber und Investor der im vergangenen Jahr in Betrieb genommenen Anlage ist Masdar, mehrere internationale Entwicklungsbanken, darunter die EBRD (European Bank for Reconstruction and Development), haben ein Kreditpaket bereitgestellt.

Die rund 500 Millionen Kilowattstunden werden über einen mehrjährigen Abnahmevertrag (PPA) an SOCAR geliefert, Vertragspartner ist das aserbaidschanische Energieministerium, dem auch das Grundstück gehört. Die Anlage ist über eine neue 330-Kilovolt-Umspannstation ans Stromnetz angeschlossen.

Künftig mehr Batteriespeicher

Die Technik des Solarparks ist vom Feinsten: Bifaciale Hochleistungsmodule von Longi, montiert auf einachsigen Trackern, und String-Wechselrichter von Sungrow. Abends und nachts reinigen Reinigungsroboter, die ohne Wasser auskommen, die Module. „Sonst wäre der Ertrag um 20 bis 30 Prozent geringer“, berichtet Kamran Huseynov, stellvertretender Leiter der Aserbaidschanischen Agentur für Erneuerbare Energien (AREA).

Als limitierenden Faktor für den weiteren Ausbau von Solar- und Windprojekten im Land sieht er allerdings - wie vielerorts - die vorhandenen Stromnetzkapazitäten. Deshalb würden neue Projekte zunehmend im Doppelpack mit Batteriespeichern geplant. Vor wenigen Tagen hat das Energieministerium in Baku nun mit Unterstützung der EBRD die erste staatliche Ausschreibung für erneuerbare Energien angekündigt, einen 100-MW-Solarpark in Gobustan, allerdings noch ohne obligatorischen Batteriespeicher.

Smart Village als Blaupause für grüne Energiezone

Das Pilotprojekt Smart Village in Zangilan setzt auf eine dezentrale Versorgung mit Erneuerbaren Energien. Aserbaidschanische Truppen haben die Stadt im fruchtbaren, wasserreichen Bergkarabach im Krieg mit Armenien im Oktober 2020 zurückerobert. Seitdem wurden in dem Smart Village bereits rund 200 Niedrigenergiehäuser mit solarthermischen Anlagen errichtet. Rund 175 aserbaidschanische Familien wurden wieder angesiedelt - auf freiwilliger Basis", wie Vahid Hajiyev, Sonderbeauftragter des Präsidenten für die Region, betont.

Den Strom liefert ein Kleinwasserkraftwerk mit einer Leistung von 636 Kilowatt am Rande der Siedlung, das mit deutscher Technik arbeitet. Darüber hinaus entstehen auf dem Gelände, das mit schnellem Internet ausgestattet ist, unter anderem eine Schule, ein Kindergarten, ein Gesundheitszentrum, Handwerksbetriebe, ein Öko-Hotel, landwirtschaftliche Flächen zur Selbstversorgung sowie ein Bahnanschluss. Leitlinien der Planung seien die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, so Hajiyev.

Das Smart Village soll als Blaupause für den massiv vorangetriebenen Wiederaufbau der so genannten „befreiten Gebiete“ in Bergkarabach als grüne Energiezone dienen.  Hans-Christoph Neidlein

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