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Hochwasser in NiedersachsenTalsperren im Harz unter Stress

Gewaltige Mengen Wasser schießen aus einer Staumauer heraus
Am 2. Weihnachtstag musste die Hochwasserentlastungsanlage an der Okertalsperre in Betrieb genommen werden. Über 29 Kubikmeter pro Sekunde wurden zeitweise abgegeben (Bild: Abruzzenhund, Wikimedia Commons, CC BY 4.0, Ausschnitt)

Dürre auf der einen, Hochwasser auf der anderen Seite. Die Talsperren im West-Harz – entscheidend für das Wasserdargebot in Niedersachsen – stehen mehr denn je unter Stress. Bessere Schutzmaßnahmen liegen auf dem Tisch.

06.01.2023 – Die Pegelstände vieler Flüsse in Niedersachsen sind weiterhin hoch. Das Wasser- und Schifffahrtsamt rechnet am Wochenende mit einem steigenden Pegel der Weser in Hann.Münden auf bis zu 5,20 Meter. Der bisherige Höchststand lag um die Weihnachtstage herum bei 5,58 Meter. Ab 5,10 Meter beginnt die zweithöchste Hochwassermeldestufe 3. An den Zuflüssen zur Weser wird indes ein wenig Entspannung gemeldet. Im Bereich der Oker etwa werden mobile Schutzdeiche wieder abgebaut. Die Wetterprognosen sagen in den kommenden Tagen im Harz kaltes und trockenes Wetter voraus.

Der Harz ist der wichtigste Wasserversorger Niedersachsens. Sechs Talsperren im Westharz regulieren den Lauf vieler Flüsse im gesamten Bundesland. So fließt Wasser aus der Okertalsperre in die Oker, die nördlich von Braunschweig in die Aller fließt, die wiederum bei Verden in die Weser übergeht. Die Talsperren und ihr Betreiber die Harzwasserwerke fungieren dabei als Vorversorger der Trinkwasserversorgung von rund 70 Städten und Gemeinden, als auch zur Niedrigwasseraufhöhung in Trockenzeiten und Hochwasserschutz in regenreichen Perioden.

Insbesondere die Okertalsperre, die größte im Harz, war in den vergangenen Tagen im Zentrum des Geschehens. Die Staumauer wurde bereits Mitte des letzten Jahrhunderts errichtet. Am 20. Dezember vermeldeten die zuständigen Harzwasserwerke, man habe die Wasserabgabe an der Okertalsperre frühzeitig erhöht, um zusätzlichen Stauraum für die hohen Zuflüsse zu schaffen, die für Weihnachten erwartet wurden. In den sozialen Medien wurden in den vergangenen Tagen Vorwürfe erhoben, man habe mit der kurzfristig erhöhten Abgabe kurz vor Weihnachten aus der Oker- und weiterer Talsperren, die Hochwasserproblematik zusätzlich verschärft. Warum man nicht bereits früher die Abgabe aus den Talsperren erhöht habe, so die Kritik.

Schlimmere Hochwasserlage verhindert?

Wie der Pressesprecher der Harzwasserwerke Norman Droste gegenüber der energiezukunft mitteilte, habe man bereits am 15 Dezember begonnen zusätzlich Wasser aus den Talsperren abzugeben. Dies sei in Abstimmung mit der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), geschehen und auf Grundlage meteorologischer und hydrologischer Vorhersagen. Der Stauraum für besonders starkes Hochwasser sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht erreicht.

Über Weihnachten hinweg wurde dann eine angespannte Lage in der Talsperre vermeldet, sodass weiter Wasser abgelassen werden musste und am 26.12 die Hochwasserentlastungsanlage in Betrieb gehen musste. 29 Kubikmeter Wasser pro Sekunde wurden zeitweise in die Oker abgegeben. Eine unter ungünstigen Bedingungen befürchtete Abgabe von bis zu 60 Kubikmeter pro Sekunde aber trat nicht ein. Am gestrigen Freitag waren es noch rund 12 Kubikmeter Pro Sekunde.

Droste betont, dass die Talsperren grundsätzlich schlimmere Hochwasserlagen verhindert hätten. „Schon bevor die Hochwasserrückhalteräume vollgelaufen und unsere Hochwasserentlastungsanlage angesprungen ist, haben wir zusätzlich Wasser aus unseren Talsperren abgegeben und konnten so die Problematik entschärfen.“ Droste verweist zudem auf die Lage in den vergangenen Jahren. „Wir hatten insbesondere in den Jahren 2018 bis 2022 längere Dürreperioden, mit unterdurchschnittlich gefüllten Talsperren. Im Dezember 2022 waren diese sogar nur zu 42 Prozent gefüllt, die Okertalsperre zu diesem Zeitpunkt sogar gerade einmal zu 20 Prozent.“ Mitte Dezember 2023 hingegen, also zum Zeitpunkt als der Abfluss erhöht wurde, waren die Talsperren zu 88 Prozent gefüllt. Das ist 18 Prozent mehr als der Durchschnitt der letzten 30 Jahre.

Aufgaben in Konkurrenz zueinander

„Wir als Betreiber der Talsperren haben hier multifunktionale Aufgaben, die zum Teil in Konkurrenz zueinanderstehen und die wir ausgleichen müssen“, so Droste. In den vergangenen trockenen Jahren sei es die Herausforderung gewesen, die Trinkwasserversorgung zu gewährleisten und die Pegelstände der Flüsse ausreichend hochzuhalten, um auch die Kühlprozesse von Industrieanlagen sicherzustellen. In diesen Tagen war es das Hochwassermanagement. Nach einem bereits regenreichen Jahr – allein im November fiel die doppelte Menge des durchschnittlichen Niederschlags – sorgte eine besondere Jetstream-Lage, warme Meere und sogenannte atmosphärische Flüsse, für den Dauerregen in den vergangenen Tagen.

Dürre auf der einen, Hochwasser auf der anderen Seite – wie die Talsperren besser mit den Extremwetterlagen umgehen und damit einen noch besseren Schutz für die nachfolgenden Flussläufe bieten können, hat ein Verbund mehrerer Universitäten in dem Projekt „Energie- und Wasserspeicher Harz" in den vergangenen Jahren untersucht. Der Abschlussbericht wurde im September 2023 vorgestellt.

Im Zuge eines Ausbaus der Harzer Talsperren, wie etwa einer neuen Talsperre im oberen Innerstetal und Ausbau der Granetalsperre, könnten insgesamt vier neue Pumpspeicherkraftwerke (auch an der Okertalsperre) das derzeitige Speichervolumen von 60 Millionen Kubikmeter für Trinkwasser um 50 Prozent erhöhen. So könnten auch Hochwasserschutz und Niedrigwassererhöhung in Trockenzeiten gestärkt werden. Eine Realisierung der Projekte wird aktuell geprüft. Manuel Grisard

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