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Infrastruktur für ElektroautosWarum in den Niederlanden so viele Ladesäulen stehen

Ein Elektroauto läd im niederländischen Den Haag an einer Ladestation
Alltag in den Niederlanden: Ein Elektroauto läd an einer öffentlichen Ladestation in Den Haag. (Foto: Bas Stoffelsen, www.livinglabsmartcharging.nl)

Die Niederlande belegen bei Ladesäulen für E-Fahrzeuge in Europa hinter Norwegen den zweiten Platz, ihre Hersteller zählen weltweit zu den Marktführern. Staatliche Zuschüsse zum Start dienen dem Ziel, die Grundlage für eine Weiterentwicklung ohne öffentliche Förderung zu schaffen.

30.08.2018 – „Deutschland ist bei Ladestationen für Elektroautos ein Entwicklungsland!“ behauptet das Handelsblatt in seiner Ausgabe vom 14. Juni dieses Jahres. Zwar seien schon viele Energieversorgungsunternehmen im Bereich Elektromobilität aktiv, schreibt Redakteurin Witsch. Bei den bisher installierten Ladesäulen handele es sich aber häufig nur um vereinzelte Stationen, die in erster Linie aus Imagegründen aufgestellt würden. Die Bereitschaft für weitere Investitionen sei eher gering.

Niederlande Vize-Europameister bei Ladeinfrastruktur

Viel besser sieht es in den Niederlanden aus, wie die Germany Trade & Invest (GTAI), die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing, herausgefunden hat. Das Land der Grachten und Kanäle verfüge nach Norwegen über die zweitdichteste Ladeinfrastruktur Europas, so die GTAI. Dabei beschränkten sich die Niederländer nicht nur auf die Herstellung und Installation von Ladesäulen, sondern beschäftigten sich zunehmend auch mit den dazugehörigen Dienstleistungen. Damit seien sie auf dem richtigen Weg, denn so viel sei klar: „Innovative Lösungen zum Aufladen von Elektroautos gewinnen an Bedeutung. Niederländische Unternehmen gehören zu den Marktführern auf diesem Gebiet.“

Diese führende Position ergibt sich aus der Dichte der Ladeinfrastruktur. Eine auf den Tag genaue Anzahl von Ladesäulen beziehungsweise Ladepunkten ist naturgemäß nicht zu finden. Bei der Internationalen Energie Agentur (IEA) waren für die Niederlande laut GTAI-Recherchen Ende Januar dieses Jahres 15.382 öffentliche und 17.594 halböffentliche, insgesamt also 32.976 Säulen registriert. Zu den genannten öffentlichen und halböffentlichen Installationen sind noch geschätzte 55.000 private hinzuzufügen. Nach Angaben der IEA sind rund 12 Prozent aller öffentlichen Ladesäulen weltweit in den Niederlanden zu Hause.

Hersteller sind Marktführer

Ferner liegt die Spitzenposition darin begründet, dass niederländische Unternehmen in den vergangenen Jahren nicht nur im eigenen Land, sondern auch europa- und weltweit zu Marktführern im Sektor Ladeinfrastruktur herangewachsen sind.

So sieht sich zum Beispiel die NewMotion als größter Partner für Elektromobilität. Pünktlich zur Urlaubszeit habe man sein öffentliches Ladenetz auf über 50.000 Ladesäulen erweitert, 2.700 neue Ladesäulen in Frankreich inklusive, heißt es auf der Firmen-Website. Somit betreibe NewMotion das weltweit größte öffentliche Ladenetzwerk für Elektroautos. Insgesamt könnten jetzt Inhaber einer NewMotion-Ladekarte in 22 Ländern weltweit einfach, intelligent und kostengünstig ihre Elektrofahrzeuge aufladen.

Neue Technologien erforschen

Nicht als Betreiber, sondern als „weltweit führender Hersteller von Elektrofahrzeug-Ladesäulen und Anbieter von Lade-Management-Software“ agiert die Firma EVBox aus Amsterdam. Sie hat nach Recherchen von GTAI bislang 48.000 Ladesäulen in etwa 980 Städten installiert. EVBox ist zum Beispiel für die gesamte Ladeinfrastruktur in Amsterdam und Rotterdam verantwortlich. Mittlerweile spielt das Unternehmen, so ist in der Firmen-Website zu lesen, eine aktive Rolle bei der Entwicklung von intelligenten „Smart Charging“-Lösungen. Der Begriff Smart Charging steht für Ladetechnologien, die Lade- und Entladevorgänge auf das schwankende Angebot von Stromnetzen, die von Erneuerbaren Energien gespeist werden, abstimmen können.

Solche Technologien zu erforschen und zu entwickeln, hat sich das neue Wissens- und Innovationszentrum ElaadNL in Arnheim zur Aufgabe gemacht. Sein Testlabor besteht aus AC-Ladesäulen aller Art, bereitgestellt von niederländischen Anbietern aus dem öffentlichen Sektor. Hier können Hersteller, Netzbetreiber und ElaadNL intelligente Ladeoptionen und Power-Quality-Effekte untersuchen.

Vollständig integrierte Lösungen

Im Testlabor steht ein Energiespeichersystem mit einer Kapazität von 138 kWh, geliefert von der Firma Alfen aus Almere in der Nähe von Amsterdam. Damit sind wir beim dritten niederländische Unternehmen, das wir hier vorstellen wollen. Alfen stellt nicht nur Energiespeicher her, sondern auch Ladesäulen, die man in der Regel aber nicht selbst als CPO (charging point operator) betreibt, wie Marketingleiter Johan de Vries auf Anfrage mitteilte.

Inzwischen habe man mehr als 45.000 Ladesäulen innerhalb und teilweise auch außerhalb Europas geliefert. Der Auftrag von ElaadNL sei ein schönes Beispiel für die Fähigkeit von Alfen, Kunden vollständig integrierte Lösungen anzubieten, so Commercial Director Richard Jongsma. Man habe neben dem Energiespeicher eine Load Balancing Platform, den Netzanschluss und Ladesäulen geliefert.

Ein Lob für den Auftraggeber fällt auch noch ab: „Als Partner im Living Lab Smart Charging bereiten ElaadNL und Alfen das Netz für die Zukunft einer dezentraleren Erzeugung und Nutzung erneuerbarer Energien durch eine höhere Verbreitung von Elektrofahrzeuge vor. Die Verbreitung von Elektrofahrzeugen in den Niederlanden gehört zu den höchsten in Europa und als solche können wir wertvolle Erfahrungen sammeln, die sowohl im ganzen Land als auch international genutzt werden können.”

Weiterentwicklung ohne Hilfe vom Staat

An der beachtlichen Erfolgsstory war anfangs zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch die niederländische Regierung beteiligt. Sie hat nämlich bis zum Jahr 2018 rund 7,2 Millionen Euro für einen schnellen Ausbau der öffentlich zugänglichen Ladeinfrastruktur beigesteuert; dieses Budget wurde Mitte 2017 um 1,5 Millionen Euro aufgestockt. Die Förderung diente ausdrücklich dem Ziel, die Grundlage für eine Weiterentwicklung ohne staatliche Zuschüsse zu schaffen. Das Ziel wurde jetzt offenbar erreicht: Die ersten öffentlichen Ladesäulenprojekte, die ausgeschrieben wurden, konnten bereits ohne jegliche Förderung realisiert werden.

Starthilfe gab es im Jahr 2014 auch für den Aufbau einer Online-Plattform, die Wissen zum Thema bereitstellt. Die „Nationaal Kennisplatform voor Laadinfrastructuur (NKL)“, so der Name der Initiative, soll Lösungen zum Aufladen von Elektrofahrzeugen anregen. Beteiligt sind Regierungen sowie Institutionen aus den Bereichen Wissenschaft und Entwicklung sowie Unternehmen. Sie haben sich zusammengefunden mit dem Ziel, eine bezahlbare öffentliche Ladeinfrastruktur zu realisieren. Dies geschieht durch die Förderung innovativer Projekte und durch den Austausch von Wissen. Darüber hinaus soll die NKL zur Stärkung der internationalen Position der Niederlande beitragen, wie es auf der Website heißt.

Nachahmenswertes Projekt im niederländischen Den Helder

Die NKL-Wissensplattform zeigt als Beispiel ein Projekt der Gemeinde Den Helder, die früh einen stark steigenden Bedarf an öffentlichen Ladesäulen festgestellt hat. Sie geht gleichzeitig richtigerweise davon aus, dass viele Bürger, Unternehmen und Organisationen an ihrem Wohn- oder Standort keinen Platz für eigene Ladesäulen haben und sich deshalb auf den öffentlichen Bereich verlassen. Diesen potenziellen Kunden bietet die niederländische Hafenstadt die Möglichkeit, Ladesäulen zu nutzen, die verschiedene Hersteller beziehungsweise Betreiber auf Anregung der Verwaltung auf kommunalen Plätzen installiert haben.

Den Helder setzt damit auf ein Marktmodell, das den Kunden die Wahl zwischen den Anbietern überlässt, was sich wie gewünscht auf den Wettbewerb um Qualität und Preis auswirkt. Die Gemeinde übernimmt dabei die Kosten für die Umgestaltung der Parkplätze, die für die Installation der Ladesäulen vorgesehen sind. Wilhelm Wilming


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