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Atomkraft: Belgien fährt Pannenreaktoren wieder hoch

Das Atomkraftwerk Tihange liegt etwa 25 Kilometer südwestlich der belgischen Stadt Lüttich. 2025 will Belgien aus der Atomkraft aussteigen, dann sollen die Reaktoren in Tihange und Doel endgültig abgeschaltet werden. (Foto: Michielverbeek, wikimedia.co
Das Atomkraftwerk Tihange liegt etwa 25 Kilometer südwestlich der belgischen Stadt Lüttich. 2025 will Belgien aus der Atomkraft aussteigen, dann sollen die Reaktoren in Tihange und Doel endgültig abgeschaltet werden. (Foto: Michielverbeek, wikimedia.commons, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Huy,_koeltorens_2007-05-01_14.57.JPG)

Die belgische Atomaufsicht hat den Betrieb zweier umstrittener Atomreaktoren überraschend für sicher erklärt. Tihange 2 und Doel 3 waren vor anderthalb Jahren wegen Rissen im Reaktordruckbehälter abgeschaltet worden. Nun hagelt es heftige Kritik.

29.11.2015 – Aufgrund tausender feiner Haarrisse in den Reaktordruckbehältern wurden die beiden Atomreaktoren Tihange 2, ca. 80 Kilometer von Aachen entfernt, und Doel 3 bei Antwerpen im März 2014 still gelegt. Bereits 2012 wurden die Risse bei einer Untersuchung festgestellt und die 30 Jahre alten Reaktoren ohne ordentliche Prüfergebnisse wieder hochgefahren. Ob die Schäden an den Reaktordruckbehältern gefährlich oder ungefährlich für den Weiterbetrieb sind, ist noch immer nicht abschließend geklärt.

Dennoch hat die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC dem Betreiber Electrabel das Anfahren der beiden Pannenreaktoren nun erneut genehmigt. Electrabel habe überzeugend nachgewiesen, dass keine unmittelbare Gefahr ausgehe, so die FANC. Doch daran gibt es erhebliche Zweifel. Die belgischen Behörden gehen davon aus, dass die Risse bereits beim Bau der Druckbehälter entstanden und daher ungefährlich seien. Tests des Studienzentrums für Kernenergie in Mol hatten allerdings „unerwartete Resultate“ ergeben. Durch die Risse sei die mechanische Resistenz bei Bestrahlung stärker beeinträchtigt als erwartet, erklärte sogar die Aufsichtsbehörde im März 2014.

Belgische Medien hatten daraufhin spekuliert, die Reaktoren würden wohl nicht mehr ans Netz gehen, eine komplette Reparatur oder ein Austausch der Druckbehälter sei quasi unmöglich. Was sich nun an den Erkenntnissen der Behörden verändert haben soll, ist unklar. Electrabel hat indes sofort mit Vorbereitungen für ein Hochfahren der Reaktoren begonnen. Bis Tihange 2 und Doel 3 wieder am Netz sind, dürfte es ca. vier Wochen dauern. Die Betriebsgenehmigungen der drei Jahrzehnte alten Reaktoren laufen noch bis 2023 bzw. 2022.

„Belgische Regierung spielt russisches Roulette”

Heftige Kritik am Vorgehen der belgischen Behörden und des Betreibers kommt nicht nur von Umweltverbänden und besorgten Bürgern. Auch der grüne NRW-Umweltminister Johannes Remmel forderte Belgien auf, die Reaktoren für immer abzuschalten. „Die belgische Regierung spielt russisches Roulette, denn Tihange ist ein Bröckel-Reaktor, der nur kaum 100 Kilometer von der Landesgrenze entfernt ist. Seit Jahren nehmen die Probleme zu, zeitweise konnte sogar radioaktives Wasser durch Mikrorisse an einem Abklingbecken entweichen”, sagte er laut WDR.

Eine Petition gegen das Wiederanfahren der beiden Pannenreaktoren vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie haben bereits über 100.000 Menschen aus Belgien, Deutschland und den Niederlanden unterzeichnet. Sie fordern einen sofortigen Stopp der Atomreaktoren, bis alle Vorfälle geklärt sind und Risiken ausgeschlossen werden können. Anfang Dezember wollen sie die Unterschriften dem für die Atomaufsicht zuständigen belgischen Innenminister und stellvertretenden Regierungschef Jan Jambon übergeben und weiter gegen die Reaktoren kämpfen. cw