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Ökostrom-AusbauDie amerikanische Energiewende nimmt Fahrt auf

US-Präsident Barack Obama und sein Vize Joe Biden besichtigen die Solaranlage auf dem Gebäude des Denver Museum of Nature and Science in Denver, Colorado.
Auch US-Präsident Barack Obama und sein Vize Joe Biden interessieren sich für Solarenergie und besichtigten u.a. die Solaranlage auf dem Gebäude des Denver Museum of Nature and Science in Denver, Colorado. (Foto: The White House)

Ein boomender Solar- und Windmarkt, dazu klare politische Vorgaben, engagierte Bundesstaaten und ein gewaltiges Potenzial für Erneuerbare Energien: Die USA entdecken die Energiewende auf gleich mehreren Ebenen und erkennen auch die wirtschaftlichen Vorteile regenerativer Energieerzeugung.

28.04.2016 – Vielleicht ist es gerade der letzte Punkt, der den Erneuerbaren Energien in den USA nun zum Durchbruch verhilft: Sie machen nicht nur aus ökologischer Sicht Sinn, sind im Kampf gegen Klimawandel und Umweltzerstörung unverzichtbar, sondern überzeugen auch ökonomisch. Durch die starken Kostensenkungen der vergangenen Jahre, sind vor allem Wind- und Solarenergie nicht nur konkurrenzfähig, sondern vielerorts die günstigste Art der Energieerzeugung.

Das zeigt sich besonders deutlich bei einem nüchternen Blick auf die Zahlen: 2015 wurden in den USA 7,3 Gigawatt (GW) Solarstromleistung zugebaut, ein neuer Rekord und mit 16 Prozent deutlich mehr als noch 2014. Die Marke von 25 GW installierter PV-Kapazität wurde geknackt. Photovoltaik auf Wohngebäuden wuchs mit über 2 GW und einer Steigerung von 66 Prozent erneut am schnellsten. Die Windenergie-Kapazität nahm 2015 ebenfalls kräftig um 8,6 GW zu, damit sind nun landesweit fast 74,5 GW installiert. Damit übertrafen sowohl die Wind- als auch die Solarenergie sogar  neue Gaskraftwerke, von denen etwa 6 GW neu gebaut wurden.

Einen Vergleich mit Deutschland, nach eigener Überzeugung Vorreiter in Sachen Energiewende, müssen die USA nicht fürchten – im Gegenteil. Bei der installierten Windleistung haben die Nordamerikaner längst die Führung übernommen. Den 74 GW Windleistung in den USA stehen fast 45 GW in Deutschland gegenüber, der Zubau in 2015 fiel in Deutschland mit 5,8 GW deutlich geringer aus, obwohl es hierzulande das zweitbeste Jahr war. Bei der Solarenergie führt Deutschland den Vergleich zwar mit fast 40 GW installierter Leistung an, der Zubau ist aber auf 1,46 GW abgeschmolzen – nur ein Fünftel des US-amerikanischen Anstrengungen.

Starke Kostensenkungen

Für 2016 erwarten die Analysten von GTM Research sogar 16 GW an neuinstallierter PV-Leistung in den USA. Größter Treiber dieser Entwicklung werden den Prognosen zufolge große Photovoltaik-Freiflächenanlagen sein, die in etwa drei Viertel der Neuinstallationen ausmachen dürften. Auch im Windbereich soll der Aufwärtstrend anhalten: „Das Wachstum der Windbranche wird von einer Kostenreduzierung von Zweidritteln innerhalb der letzten sechs Jahre getrieben“, erklärt Tom Kiernan, Chef des US-Windkraftverbands AWEA (American Wind Energy Association), und schiebt fast beiläufig hinterher: „Die Windenergie ist nun die günstigste Form der Energieerzeugung im Neubaubereich.“

Bei der Solarenergie sind ebenfalls starke Kostensenkungen zu beobachten. Seit der Einführung der Steuervergünstigungen für Solaranlagen (Solar Investment Tax Credit, ITC) im Jahr 2006 sind die Kosten für Solaranlagen um insgesamt gut 73 Prozent gefallen. Große PV-Freiflächenanlagen verkaufen ihren Strom mittlerweile sogar für 0,05 US-Dollar je Kilowattstunde (kWh).

Gewaltiges Potenzial für Erneuerbare Energien

Das Potenzial für Erneuerbare Energien in den USA ist ohnehin gewaltig, wie zwei Studien erst kürzlich bestätigten. So sind der staatlichen Erneuerbaren-Forschungseinrichtung NREL (National Renewable Energy Laboratory) zufolge Solaranlage auf Hausdächern mit einer Kapazität von 1.118 GW möglich. 1.432 Terawattstunden Strom könnten pro Jahr produziert werden, das entspricht sagenhaften 39 Prozent des Strombedarfs der USA. Dabei haben Solardachanlagen verglichen mit anderen regenerativen Energietechnologien noch das geringste Potenzial, wenn man einer anderen Untersuchung glaubt.

Wie das Environment America Research & Policy Center herausgefunden hat, könnten Solar-Freiflächenanlagen in den USA 75 Mal mehr Strom erzeugen als das gesamte Land derzeit verbraucht. 283 Millionen Gigawattstunden (GWh) trauen die Studienautoren dieser Art der Energieerzeugung zu. Zum Vergleich: Der derzeitige Stromverbrauch in den USA beträgt 3,7 Millionen GWh. Solarthermische Kraftwerke haben demnach ein Potenzial von 116 Millionen GWh, gefolgt von Onshore-Windenergie mit 33 Millionen GWh und Offshore-Windenergie mit 17 Millionen GWh. Da wirkt das Potenzial von Solarenergie auf Hausdächern mit 0,8 Millionen GWh in dieser Studie geradezu verschwindend gering.

Bundesstaaten setzen klare Vorgaben

Dem gewaltigen Potenzial und wirtschaftlichen Perspektiven entsprechend boomt der Markt für Erneuerbare Energien. Große Energieversorger wie Pacific Gas & Electric und Southern California Edison in Kalifornien sind mittlerweile stark im Solar-Geschäft engagiert, zusammengerechnet betreiben sie Photovoltaikanlagen mit einer Kapazität von über 2,5 GW. Auch in anderen Bundesstaaten gibt es Vorreiter, vor allem städtische Versorger etwa in Austin (Texas), Chicago oder mit der Long Island Power Authority in New York.

Vorangetrieben wird diese Entwicklung durch klare politische Vorgaben. So verpflichten die sogenannten Renewable Portfolio Standards (RPS) in den meisten Bundessaaten die Energieversorger zu einem bestimmten Anteil von Erneuerbaren Energien in ihrem Strommix. Im besonders ehrgeizigen Kalifornien müssen die Versorger bis 2020 einen Mindestanteil von 33 Prozent regenerativer Energien erreichen, bis 2030 sollen es 50 Prozent sein. In New York musste bereits 2015 der Wert von 29 Prozent erreicht sein, Colorado schreibt 30 Prozent bis 2020 vor.

Obamas ehrgeiziger Klimaplan in Gefahr

Der Clean Power Plan (CPP) der US-Regierung, das ehrgeizigste klima- und energiepolitische Programm der Präsidentschaft Barack Obamas, gibt ebenfalls klare Ziele aus. Der CPP verpflichtet die Bundesstaaten zur Reduktion ihrer CO2-Emissionen, bis September 2016 muss jeder Staat detaillierte Pläne zur Erreichung der Klimaziele vorlegen. Mit diesem Instrument sollen die Emissionen bis 2030 gegenüber 2005 um 32 Prozent gesenkt werden.

So vielversprechend der Klimaplan Obamas klingt, so schwierig scheint auch die tatsächliche Umsetzung zu sein. Aufgrund einer Klage von 27, mehrheitlich republikanischer Bundesstaaten wie Texas und Oklahoma gemeinsam mit Industrieverbänden, setzte der Supreme Court den CPP bis zu einer endgültigen Entscheidung aus. Einige engagierte Staaten wie Kalifornien, Colorado, Virginia und Washington erklärten sogleich, weiterhin an ihren Plänen zu arbeiten und diese pünktlich der zuständigen Umweltbehörde EPA zu übergeben.

Mit dem wachsenden Anteil von Wind- und Solarstrom am Energiemix der USA, wächst die Bedeutung weiterer Erneuerbarer-Themen. Neben der Speicherung der fluktuierenden regenerativen Energien stehen zunehmend die  Marktintegration,  das Energiemanagement und Flexibilisierung im Fokus der Branche. Neue Geschäftsmodelle wie das Leasing von Solarstrom-Speichersystemen entstehen von alleine.

Zudem drängt auch die Wirtschaft außerhalb der Branche auf eine saubere Energieversorgung. Kurz vor den Pariser Klimaverhandlungen unterstützten mit dem American Business Act on Climate Pledge insgesamt 154 amerikanische Unternehmen die Verhandlungen der US-Regierung und befürworteten ambitionierte Klima- und Energiepläne. Darunter waren viele Schwergewichte wie Apple, Coca-Cola, facebook, IBM oder Microsoft. Viele dieser Konzerne sind bereits engagiert, besonders die Internetfirmen aus dem Silicon Valley setzen auf Erneuerbare Energien und bauen etwa zur Versorgung ihrer Serverfarmen riesige Solar-Freiflächenanlagen. Auch wenn der ambitionierte Klima- und Energieplan Obamas vor Gericht scheitern sollte, lässt sich die Erneuerbaren-Bewegung also nicht mehr aufhalten. Die amerikanische Energiewende hat Fahrt aufgenommen. Clemens Weiß

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