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Krieg in der UkraineAtomkraftwerke sind eine Gefahr für ganz Europa

Das größte Atomkraftwerk Europas Saporischschja
Das größte Atomkraftwerk Europas Saporischschja ist unter russischer Kontrolle. (Bild: Ralf1969, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Politiker verurteilen den russischen Angriff auf Europas größtes Atomkraftwerk Saporischschja. Die Stromversorgung in der Ukraine bleibt kritisch. Die Gefahr von Cyberattacken erschwert den Anschluss der Ukraine an das europäische Verbundnetz.

08.03.2022 – Russland hat Ende der vergangenen Woche das größte Atomkraftwerk (AKW) Europas Saporischschja angegriffen und eingenommen. Die Internationale Atombehörde (IAEA) fordert ein Ende der militärischen Kämpfe in und um kerntechnische Anlagen in der Ukraine. Die Atomkraftwerke sind eine strukturelle Gefahr für ganz Europa.

Größtes Atomkraftwerk Europas eingenommen

Ende vergangener Woche nahmen russische Truppen das größte Atomkraftwerk Europas Saporischschja in der Ukraine ein. Ein Brand auf dem Gelände des AKW wurde laut IAEA inzwischen gelöscht und kein Reaktor getroffen. Erhöhte Strahlenwerte wurden bisher nicht gemessen. Inzwischen sind laut Bundesamt für Strahlenschutz zwei Reaktoren in wieder in Betrieb und die übrigen abgeschaltet. Zuvor waren zeitweise fünf der sechs Reaktoren vom Netz genommen worden. Berichten zufolge ist ein Gebäude am Reaktorblock 1 beschädigt und die Radioaktivitätsüberwachung des Reaktors ausgefallen, schreibt das Bundesamt für Strahlenschutz. Der IAEA zufolge betreiben die ukrainischen Angestellten des AKW dieses zurzeit weiter. Sie stünden jedoch wie die Beschäftigten der Reaktorruine Tschernobyl unter der Kontrolle des russischen Militärs.

Die IAEA zeigt sich besorgt über die Entwicklung der Lage im AKW Saporischschja. Nachdem die ukrainische Atomaufsichtsbehörde zunächst eine weitreichend normale Kommunikation meldete, scheint das russische Militär die Kommunikationswege des Kraftwerks inzwischen systematisch einzuschränken. Falls es einen Unfall geben sollte, so IAEA-Generaldirektor Grossi, sei dieser „das Ergebnis eines menschlichen Versagens zu handeln, obwohl wir wussten, dass wir es könnten und sollten“. Grossi hatte bereits am Wochenende angeboten, die Reaktoren in Saporischschja selbst zu inspizieren. Außerdem bot die IAEA Russland und der Ukraine an, in Tschernobyl über die Sicherheit der Atomkraftwerke im Land zu verhandeln. Diesbezüglich werde weiterverhandelt, so Grossi.

Angriffe auf die Stromversorgung

Der Angriff auf das Atomkraftwerk wurde politisch von Seiten der UN, der Nato sowie der G7 scharf verurteilt. In separaten Erklärungen wurde betont, dass der Angriff auf ein nicht zu militärischen Zwecken genutztes Atomkraftwerk einen Verstoß gegen das Völkerrecht und die Charta der UN-darstellt. Es ist das erste Mal, dass ein Staat ein funktionsfähiges und mit nuklearem Brennstoff bestücktes Atomkraftwerk angegriffen hat. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte vor einer möglichen nuklearen Katastrophe und appellierte besonders an die russische Bevölkerung, sich an Tschernobyl zu erinnern. Wäre einer der Reaktoren getroffen worden, wäre ein Vielfaches der damaligen Menge an Strahlung ausgetreten. Russland dementierte für den Brand verantwortlich zu sein und beschuldigte die Ukraine.

Bereits 2015 griff Russland gezielt das ukrainische Stromnetz an, um das Land zu destabilisieren. In der Ukraine kam es daraufhin zu einem Stromausfall, von dem hunderttausende Bürger betroffen waren. Der Stromausfall gilt als weltweit erstes großes Blackout, das durch einen Hackerangriff verursacht wurde. 2017 kam es erneut zu Malware-Angriffen auf die ukrainische Infrastruktur, darunter die Stromversorgung, die sich auch auf andere Länder ausbreitete. Bereits seit Beginn des russischen Angriffs berichtet die Ukraine immer wieder von Cyberattacken.

Die Ukraine im Inselnetzbetrieb

Die Stromversorgung in der Ukraine ist in vielfacher Hinsicht von kritischer Bedeutung. Die 15 Reaktoren mit einer Gesamtleistung von 13,8 Gigawatt stellen über 50 Prozent des ukrainischen Stroms für über 40 Millionen Verbraucher. Normalerweise ist die Ukraine an ein von Russland kontrolliertes Verbundnetz angeschlossen. Da bereits seit längerem ein Anschluss an das europäische Verbundnetz Entso-E geplant war, wollte die Ukraine eine Reihe von Netztests durchführen. Für einen geplanten Zeitraum von zwei Tagen koppelte sich die Ukraine deshalb am 24. Februar von den Netzen Russland, Belarus und der EU ab. An diesem Tag griff Russland die Ukraine an. Das Stromnetz der Ukraine operiert seitdem in einer Art Inselmodus und funktioniert autonom, wie die Tagesschau berichtet.

Der Krieg macht es nun immer wahrscheinlicher, dass irgendwann die nationale Stromversorgung beabsichtigt oder unbeabsichtigt unterbrochen wird. Die AKW benötigen jedoch das nationale Stromnetz, um die Reaktoren im Falle einer Abschaltung zu kühlen. Ist das Stromnetz unterbrochen, können sie nur noch mit Notstromversorgung weiter gekühl werden, warnte James Acton, Co-Direktor des Nuklearpolitik-Programms der Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden bereits zu Beginn des russischen Angriffs.

Die Vereinigung der europäischen Netzbetreiber und Aufsichtsbehörden in der Europäischen Union prüfen seit Beginn der russischen Angriffe, ob es möglich ist, die Ukraine sofort an das Europäische Verbundnetz anzuschließen. Dies könnte die Stromversorgung sichern, ist jedoch technisch kompliziert und birgt potenziell viele Risiken. Bisher ist zum Beispiel noch unklar, inwieweit die Kontrolle über Kraftwerke in der Ukraine die Cybersicherheit von Kraftwerken und der Stromversorgung in Europa gefährden könnte, wenn sie verbunden sind. Längere Stromausfälle in europäischen Ländern hätten katastrophale Folgen für alle kritischen Infrastrukturen.

Energiepolitik ist Sicherheitspolitik

Trotz der Vorgänge in und um die Kernkraftwerke in der Ukraine gibt es in Deutschland wieder Stimmen, die den Atomausstieg rückgängig machen wollen. CSU-Chef Markus Söder forderte am Mittwoch, deutsche AKW über das laufende Jahr hinaus zu betreiben. Er behauptete, ein Weiterbetrieb sei technisch möglich und eine Frage des politischen Willens. Olaf Bandt, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) findet Söders Forderung absurd. „Nur eine zügige Energiewende schafft sicherheits- und friedenspolitische Voraussetzungen für ein zukunftsfähiges Europa“, so Band. Politiker müssten sich gerade jetzt dafür einsetzen, das fossil-atomare Energiezeitalter so schnell wie möglich zu beenden.

Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz Robert Habeck wies am Donnerstag erneut darauf hin, dass der Atomausstieg der letzten Reaktoren bereits zu weit fortgeschritten sei, um einen sicheren Weiterbetrieb zu ermöglichen. Eine Laufzeitverlängerung werde aus diesem Grund nicht in Betracht gezogen. Dies bestätigte auch Stefan Wenzel, Sprecher für Umwelt und nukleare Sicherheit der grünen Bundestagsfraktion. Die Prüfung des BMWK habe ergeben, dass der Weiterbetrieb der verbleibenden AKW in Deutschland ein technisches Sicherheitsrisiko darstellen würde. Zudem verwies Wenzel darauf, dass in einem zugespitzten Konflikt jedes nukleare Kraftwerk und jedes Nasslager mit radioaktiven Abfällen eine strategische Schwäche sei. Dem schließt sich auch Bundesumweltministerin Steffi Lemke an: "Die große weltweite Sorge um die AKW-Sicherheit in der Ukraine führt uns allen gerade das potenzielle Schadensausmaß von Atomkraftwerken dramatisch vor Augen." Atomenergie sei offensichtlich kein Weg, um die Energieversorgung krisenfest zu machen, so das Ministerium. Habeck betonte zuvor bereits beim Sonder-Energieministerrat in Brüssel: „Energiepolitik ist Sicherheitspolitik. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist eine Frage der nationalen und europäischen Sicherheit.“ Julia Broich


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