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Erhebliche SchadstoffbelastungAlte Dieselschiffe verpesten die Hauptstadt

Für Diesel-Fahrgastschiffe gibt es keine Grenzwerte: sie dürfen ihre Schadstoffe völlig ungefiltert entweichen lassen. (Foto: © Joschua Katz)

Seit Jahrzehnten gibt es im Straßenverkehr Abgasvorschriften sowie in vielen Innenstädten Umweltzonen. Diesel-Fahrgastschiffe dürfen ihre Schadstoffe jedoch völlig ungefiltert entweichen lassen. Die Auswirkungen sind erschreckend.

24.08.2018 – Zumindest in der Theorie existieren im Straßenverkehr seit über einem halben Jahrhundert Abgasnormen, die für Kraftfahrzeuge entsprechende Grenzwerte für den Ausstoß von Luftschadstoffen festlegen. Dass viele dieser Vorschriften in der Realität trotzdem nicht eingehalten werden, ist spätestens seit dem Abgasskandal bekannt. Immerhin gibt es aber einen gesetzlichen Rahmen, an dem sich die Autobauer – rein theoretisch – orientieren müssen.

In der Binnenschifffahrt sieht es dagegen ganz anders aus. Hier dürfen Dieselschiffe ihre Abgase einfach so herauspusten – ungefiltert und unbestraft. Dabei sind es gerade die Motoren der Fahrgastschiffe, die erheblich zur Schafstoffbelastung in den Innenstädten beitragen. Insbesondere in flussnahen Städten wie etwa Berlin sind die Schiffe für rund ein Drittel der lokalen Feinstaub- und Stickoxid-Emissionen verantwortlich, so das Umweltbundesamt.

Über 95 Prozent der Schiffe ohne Abgasreinigung

In Berlin existieren rund 100 Fahrgastschiffe. Davon haben zurzeit nur vier ein System zur Abgasnachbehandlung, drei sogar erst seit kurzem. Würden permanent 100 Lkws durch das Zentrum der Bundeshauptstadt fahren und mit keinerlei Schadstofffiltern ausgestattet sein – undenkbar! Die Fahrgastschiffe dürfen ihre Dieselabgase jedoch ungefiltert in die Uferbereiche von Spree und Landwehrkanal emittieren.

Aus diesem Grund hatte der Verband für Elektroschifffahrt Pressevertreter am Donnerstag dazu eingeladen, Emissionsmessungen an stark frequentierten Schiffsrouten entlang der Spree zu begleiten. Das Medieninteresse war groß, vielleicht sogar größer als vom Verband erwartet. Durch Messungen unterschiedlicher Schadstoffe auf der Weidendammer Brücke in Berlin Mitte sowie auf einem fahrenden Schiff wollte man zeigen, welchen Belastungen die Fahrgäste auf den Schiffen sowie die Spaziergänger und Anwohner an der Spree ausgesetzt sind.

Nachdem Umweltexperte Axel Friedrich allen anwesenden Journalisten die unterschiedlichen Gerätschaften zur Messung der Feinstaub- sowie Stickoxidbelastung erklärt hatte, wurden auf der Brücke oberhalb der Spree die ersten Werte aufgenommen. Ohne vorbeifahrende Schiffe zeigte der Partikelzähler für „Ultrafeinstaub“ – der sei noch gefährlicher für die Gesundheit als der „normale“ Feinstaub – durchschnittlich etwa 6.000 bis 7.000 Partikel pro Kubikzentimeter Luft an. Und das trotz der viel von Autos frequentierten Friedrichstraße. Für die Berliner Innenstadt wohl ein normaler Wert.

Feinstaubbelastung durch Dieselschiffe gewaltig

Sobald jedoch eines der zahlreich verkehrenden Fahrgastschiffe unter der Brücke hindurchglitt, änderte sich dieser Wert schlagartig. Schnell zählte das Gerät Spitzenwerte von 60.000 bis 70.000 Ultrafeinstaub-Partikel, eine Verzehnfachung der vorangegangen Werte. Wenn ein Schiff mit Rußpartikelfilter die Brücke passiert hätte, wären keine Veränderungen an dem Gerät erkennbar gewesen, kommentierte der Verkehrsexperte des NABU Dietmar Oeliger. Dieses Ereignis trat jedoch nicht ein.

Ähnlich verhielt es sich bei der Stickstoffdioxid-Belastung. Während der NO2-Wert die meiste Zeit über unterhalb von 25 µg/m3 Luft lag, schnellte er sofort auf Werte von 50 oder gar 100 µg/m3 Luft, sobald eines der Dieselschiffe vorbeifuhr. Dabei liegt der Grenzwert für Stickstoffdioxid für die Außenluft eigentlich bei 40 µg/m3.

Stickstoffdioxid-Grenzwert wird überschritten

Auf dem Wasser selbst verliefen die Messungen ähnlich. Direkt zwischen zwei großen Fahrgastschiffen fahrend wurden sogar Spitzenwerte von rund 400 µg/m3 Stickstoffdioxid gemessen, im Durschnitt waren es etwa 100 µg/m3. Der Grenzwert wurde damit also regelmäßig überschritten. Der Partikelzähler kam durchschnittlich auf etwa 30.000 Ultrafeinstaub-Partikel pro Kubikzentimeter Luft, als Spitzenwerte wurden auch hier bis zu 70.000 Partikel gemessen.

Offensichtlich sehen sich die Reedereien in Berlin nicht dazu verpflichtet, entsprechende Filtersysteme an den Schiffen nachzurüsten – obwohl es dafür sogar ein neues Pilotprogramm gibt, das die Schiffe mit Dieselrußfiltern ausrüsten soll. „Die Hoffnung, dass die Fahrgastreedereien mithilfe der Förderung freiwillig nachrüsten, hat sich leider nicht erfüllt“, so eine Sprecherin der Umweltverwaltung gegenüber der Märkischen Oderzeitung.

Anleger mit Ladeinfrastruktur gefordert

Damit in den nächsten Jahren auch elektrisch betriebe Schiffe auf den Berliner Wasserstraßen unterwegs sein können und zu seiner besseren Luftqualität beitragen, fordert der Verband für Elektroschifffahrt, dass zumindest Nachtliegeplätze vorhanden sein müssen. Ebenso wichtig seien Elektroanleger, die etwa im Humboldthafen platziert werden könnten. Zusätzlich müssten auch an weiteren Orten an der Spree und am Landwehrkanal Anlegemöglichkeiten mit Ladeinfrastruktur entstehen.

Da es in der Hauptstadt zurzeit noch gar keine Ladeplätze für Elektroboote gibt, wurde das gecharterte Hybrid-Boot des Verbands für Elektroschifffahrt gestern auch nur von einem Diesel-Motor angetrieben. Das gab Vorstandssprecher Luis Lindner etwas zerknirscht zu, als der Motor des Boots für die Pressetour in gewöhnter Verbrenner-Lautstärke ansprang. Man habe allerdings auch keine Wahl, denn – so profan es auch klinge – aufladen könne man das Boot hier nirgendwo. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich das nun schnell ändert. jk


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Kommentare

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Rudolf Tarantik 28.08.2018, 10:43:43

+276 Gut Antworten

Genauso unverständlich ist es, dass immer noch 2-Takter Mopeds und stinkende Motorräder fahren dürfen. Der Gestank und die Giftigkeit ist wiederwärtig. Dabei bestünde die Möglichkeit, diese ähnlich wie die Glühbirnen in zeitlicher Abfolge zu verbieten und durch E-Fahrzeuge problemlos zu ersetzen. Kommt natürlich sowieso irgendwann mal, aber jetzt mit einem Verbot mit dem Vorteil, dass schneller Erfahrungen mit der Elektromobilität gesammelt werden können. Die E-Mobilität muß von unten her beginnen, Pedelecs zeigen es, und nicht von der Luxuskarossenseite her.

Andreas Fischer 30.08.2018, 14:28:29

+211 Gut Antworten

Unglaublich was in der Schifffahrt so passiert. Die Binnenschifffahrt ist ja noch das kleinere Übel. Die großen Frachter und auch die Kreuzfahrtschiffe sind unfassbare schlimme Stinker. Die Branche scheint aber vom Gesetzgeber völlig freigestellt zu sein. Warum eigentlich? Wüsste nicht, dass die Lobby der Schiffsdiesel noch stärker wäre, als die der Automobilkonzerne. Jedenfalls könnte sich hier ein Verkehrsminister ein Verdienst zuschreiben lassen, wenn er die Elektroschifffahrt etablieren würde und konsequent gegen alte Stinker vorginge.


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