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Greenpeace warnt vor Stickstoffbelastung

In deutschen Städten zu leben ist nicht gesund: Jede zweite Luftmessstation überschreitet den zulässigen Wert für Stickoxid. Erhöhte Stickoxidbelastungen können nachweislich krank machen. In Deutschland ist der Verkehr die mit Abstand größte Quelle.

05.10.2015 – Die Bevölkerung in deutschen Städten muss auch in den ersten neun Monaten dieses Jahres unter Stickoxid-Belastungen leiden, die deutlich über den zugelassenen Grenzwerten liegen. Jede zweite der bislang ausgewerteten 137 Luftmessstationen in Städten überschreitet im Neun-Monats-Mittel den erlaubten Jahreswert von 40 Mikrogramm. Dies ergab die Greenpeace-Auswertung der jüngsten Daten des Umweltbundesamts (UBA). Das Gesamtergebnis dürfte sich bis Ende des Jahres deutlich verschlechtern. „Wir haben nicht alleine einen Manipulationsskandal bei VW, sondern einen handfesten Abgasskandal“, sagt Greenpeace-Verkehrsexperte Daniel Moser. „Die massiv überhöhten Innenstadtwerte bedrohen die Gesundheit der Menschen.“ Der Umweltschutzverband forderte Verkehrsminister Dobrindt zum Handeln auf. Seine Aufgabe sei es, die Bürger besser vor den Abgaslügen der Autoindustrie zu schützen.

Obwohl der NOx-Ausstoß von PKW in den vergangenen Jahren schrittweise gesenkt wurde, werden die innerstädtischen Luftgrenzwerte seit Jahren massiv überschritten. Im Jahr 2014 meldeten etwa zwei Drittel der innerstädtischen Messstationen höhere Durchschnittswerte als zugelassen. Im Gesamtjahr 2015 drohen ähnlich schlechte Ergebnisse. Zum einen liegen in den Wintermonaten die Werte der Stickoxide (NOx) aus dem Verkehr erfahrungsgemäß höher. Zum anderen haben die noch ausstehenden Messstationen in der Vergangenheit zu fast drei Viertel überschrittene Grenzwerte gemeldet.

Realistischere Abgastests gefordert

Erhöhte Stickoxidbelastungen können zu Lungenerkrankungen wie Asthma und Herzinfarkten und vorzeitigen Todesfällen führen. Verkehr ist die mit Abstand größte Stickoxid-Quelle in Deutschland. „Das Verursacherprinzip muss auch für die Autoindustrie gelten. Die Hersteller müssen künftig für die massiven Gesundheitsfolgen insbesondere von schmutzigen Dieselwagen aufkommen“, so die Meinung von Greenpeace-Verkehrsexperten Moser.

Derzeit wird der Abgasausstoß von PKW im Labor getestet, unter Bedingungen, die mit dem alltäglichen Gebrauch von Autos nur wenig zu tun haben. Entsprechend klaffen die offiziellen Werte der Hersteller und die tatsächlichen weit auseinander. Ab 2016 soll der Abgasausstoß in so genannten RDE-Tests („Real Driving Emissions“) gemessen werden, also im Straßenverkehr – allerdings nur zu Informationszwecken. Neuzugelassene Fahrzeuge sollen die RDE-Testwerte erst ab 2018 einhalten müssen. Um die seit Jahren bekannte legalisierte Manipulation der Hersteller zu unterbinden, fordert Greenpeace realistischere Tests, und zwar bereits vor 2018. Auch von Seiten der Politik kam Kritik an den Autoherstellern. So sprach Bärbel Höhn (Grüne) etwa von „einem Skandal mit gesundheitlicher Dimension“.  

Der jüngste Skandal über manipulierte Stickoxidwerte in Millionen von VW-Dieselwagen hat das Thema in den Fokus gerückt. VW hat in den USA Abgaswerte von Diesel-Fahrzeugen mit einer Software manipuliert. Das Programm sorgt dafür, dass bei den Tests deutlich weniger gesundheitsschädliche Stickoxide gemessen werden als im regulären Betrieb. Dass Automobilhersteller Werte manipulieren und die Politik bei der Festlegung von Grenzwerten maßgeblich beeinflussen, ist indes keine neue Erkenntnis. Durch interne Akten aus dem Bundeswirtschaftsministerium, die der Deutschen Umwelthilfe (DUH) erst nach der Bundestagswahl zugänglich gemacht wurden, kam beispielsweise zutage, dass die Autokonzerne und ihre Lobby eine Klimaschutz­verordnung zu ihren Gunsten weitestgehend selbst schrieben hatten. rr

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