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IPCC-SonderberichtIndustrielle Landwirtschaft muss Verantwortung übernehmen

Bild einer riesigen Halle, in der tausende Hühner in Massentierhaltung eingepfercht auf dem Boden stehen.
Israel ist mit 64,9 Kilogramm das Land mit dem weltweit größten Pro-Kopf-Verbrauch von Geflügelfleisch. Entsprechend intensiv ist die Aufzucht des Geflügels. (Foto: Shpernik088 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)     

Der Weltklimarat schlägt wieder Alarm und warnt vor verheerenden Auswirkungen durch industrielle Landwirtschaft. Umweltschutzorganisationen fordern deswegen Politiker auf, die Agrarindustrie endlich zu sanktionieren, statt weiter zu subventionieren.

09.08.2019 – Fast ein Viertel der gesamten Treibhausgase folgen aus der Landnutzung. So steht es klar und deutlich im gestern veröffentlichten Sonderbericht des Weltklimarates IPCC mit dem Titel: „Klimawandel und Landsysteme“, den Zeit Online zusammenfasst. Und inzwischen nutzt der Mensch mehr als 70 Prozent der eisfreien Flächen der Erde, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Zwar kann diese Fläche durch immer neue Techniken effektiver genutzt werden, trotzdem expandieren Agrarbetriebe immer weiter. Das liegt zum einen an der wachsenden Weltbevölkerung, zum anderen und in viel höheren Maße jedoch an Fleischkonsum und Lebensmittelverschwendung.

Den nach Auswertung vieler Studien kommt der Weltklimarat zu dem Ergebnis, dass zwischen 25 und 30 Prozent aller produzierten Lebensmittel auf dem Müll landen. Um 40 Prozent ist dieser Anteil seit 1970 gestiegen. Und Essbares wird vor allem in den reichen Industrienationen weggeworfen. Pro-Kopf sind es in Europa und Nordamerika 95 bis 115 Kilogramm, in den afrikanischen Subsahara-Staaten und Asien hingegen nur 6 bis 11 Kilogramm Pro-Kopf. Ähnlich sieht es beim Fleischkonsum aus: Seit den Sechzigerjahren hat sich die weltweite Fleischproduktion Pro-Kopf mehr als verdoppelt. Und auch hier sind reichere Länder weit vorne. Zum Vergleich: Während in den USA 99,3 Kilogramm Fleisch Pro-Kopf und Jahr gegessen wird, sind es in Indien gerade einmal 3,1 Kilogramm. 60 Kilogramm Fleisch Pro-Kopf sind es indes in Deutschland.

Sanktionen statt Subventionen fordern Umweltschützer

Treiber dieser Entwicklungen ist vor allem die industrielle Landwirtschaft, die im Überfluss und mit klima- und umweltschädlichen Methoden produziert. Umweltschutzorganisationen wie BUND, NABU, Deutsche Umwelthilfe und Germanwatch fordern daher Sanktionen für ressourcenintensive Agrarbetriebe statt deren weiterer Subventionierung. Aus deutscher Sicht üben sie dabei vor allem Kritik an Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

Für Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des NABU etwa, trägt Klöckner eine große Mitschuld daran, dass die EU aktuell 58 Milliarden Euro Subventionen pro Jahr in klima- und naturschädliche industrielle Agrarbetriebe fließen lässt. „Es darf künftig kein Cent an Steuergeldern mehr in ein derart schädliches Agrarsystem fließen. Ministerin Klöckner muss den Alarmruf des Weltklimarats ernst nehmen und sich ab sofort dafür einsetzen, dass alle Zahlungen an Agrarbetriebe an klima- und naturschonende Leistungen gekoppelt werden“, fordert Miller stattdessen.

Germanwatch erwartet darüber hinaus, dass die großen Agrarbetriebe die Kosten für die Umweltzerstörung tragen sollten und nicht die Allgemeinheit. Dabei verweist die NGO vor allem auf die Nitratbelastung des Wassers durch Überdüngung und die Zerstörung von Regenwald für den Anbau von Futtermitteln für Nutztiere, auch in Deutschland. Der BUND fordert von Klöckner in diesem Zuge eine deutliche Reduzierung der Nutztierbestände, während die Deutsche Umwelthilfe auf mögliche Klagen der EU-Kommission verweist, die Deutschland aufgrund der hohen Nitratbelastung des Grundwassers drohen.

Die Landwirtschaftsministerin sieht Deutschland und Europa auf einem guten Weg

Eine deutliche Reduzierung der Fleischproduktion und insgesamt eine Hinwendung zu nachhaltiger ökologischer Landwirtschaft gilt für den Weltklimarat und die Umweltorganisationen daher als essenziell, die Klimakrise wirksam zu bekämpfen. Julia Klöckner hingegen sieht Deutschland und Europa auf einem guten Weg und verweist gleichzeitig darauf, dass die Landwirtschaft hierzulande nur auf Platz 5 der Sektoren mit dem höchsten CO2-Ausstoß stehe und wir auf eine produktive Landwirtschaft angewiesen seien, deren Ernten Milliarden ernähren müssen.

Doch bis zu 30 Prozent weggeworfener Lebensmittel in Europa zeigen: In unseren Breitengraden findet eine Überproduktion statt, auf die Menschen gar nicht angewiesen sind. So landen laut Deutscher Umwelthilfe hierzulande 230.000 Rinder jedes Jahr als Lebensmittelabfall im Müll. Und gerade beim Fleisch, würde ein Umschwenken beim Konsumverhalten auf das Niveau von Staaten wie Indien viel bewirken. Die Fläche für den Anbau würde sich drastisch reduzieren und die CO2-Emissionen ließen sich um 80 Prozent senken, wenn die Menschheit bis 2050 ihre Ernährung auf einen Anteil von 15 Prozent tierischer Kalorien umstelle. Zumindest in Europa könnten mit den anstehenden Verhandlungen zu den Agrarsubventionen der nächsten sieben Jahre, die Weichen für eine nachhaltigere Agrarpolitik gestellt werden. mf