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RohstoffwendeBauxit-Abbau in Guinea belastet Menschen und Umwelt

Staubige rotorange Fläche, Güterzug, der mit Bauxit beladen wird
Bauxit wird in offenen Güterwagons durch das Land transportiert. Der feine Staub verteilt sich dadurch auf umliegende Dörfer, Pflanzen und Flüsse. (Foto: PowerShift e.V. / Benjamin Moscovici)

Der Rohstoffreichtum in Guinea hat mehr als nur eine Schattenseite. Wälder werden gerodet, Menschenrechte verletzt, Luft und Wasser sind durch metallhaltigen Staub verschmutzt. Minen erhalten dennoch Nachhaltigkeitssiegel.

22.04.2024 –Die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation PowerShift hatte 2019 zusammen mit der Menschenrechtsorganisation FIAN Deutschland auf einen besonders krassen Fall von Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung beim Bauxitabbau im westafrikanischem Guinea aufmerksam gemacht.

Damals unterstützte die Bundesregierung den Ausbau einer umstrittenen Bauxitmine mit einer Kreditbürgschaft in Höhe von 250 Millionen Euro – obwohl es im Zusammenhang mit der Mine in der Vergangenheit zu Landraub, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen gekommen war. Auch nach der Erweiterung gingen diese Missstände weiter - ohne Konsequenzen und trotz gegenteiliger Versprechungen. Deutschland trage eine besondere Verantwortung, betont ein Experte von PowerShift. Schließlich werden über 90 Prozent des hier verarbeiteten Bauxits aus Guinea bezogen, um daraus Aluminiumbauteile, vor allem für die deutsche Automobilindustrie, aber auch für die Bau- und Energiebranche zu fertigen.

Vertreter:innen der Autoindustrie waren persönlich vor Ort

Eine gemeinsame Petition mit FIAN und Rettet den Regenwald mobilisierte über 90.000 Unterzeichner:innen. Die Organisationen konnten sich Gehör bei Entscheidungsträger:innen verschaffen. Gesprächskanäle zwischen Betroffenen und Verantwortlichen wurden aufgebaut. Vertreter verschiedener Industriezweige, darunter Mercedes, haben die Zustände vor Ort persönlich begutachtet. Im Auftrag der Bundesregierung haben zudem Mitarbeitende der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) die Situation untersucht.

Anfang Februar 2024 fand eine Konferenz mit Vertreter:innen der Zivilgesellschaft sowie der betroffenen Dörfer statt, an der auch ein Vertreter von PowerShift teilnahm.

Große Bergbaukonzerne omnipräsent

Bei der Ankunft am Flughafen fallen zuerst große Werbeplakate der internationalen Minenkonzerne auf. Rio Tinto, Alcoa und Dadco aber auch Unternehmen mit chinesischer Beteiligung versprechen dem Land eine goldene Zukunft und nachhaltige Entwicklung durch neue Bergbauprojekte. Flankiert werden die Plakate durch Porträts des Übergangspräsidenten Mamady Doumbouya, ein Militärgeneral, der 2021 durch einen Putsch die Macht übernommen hat.

Unter internationalem Druck versprach er demokratische Neuwahlen für Ende 2024. Nachdem er Mitte Februar die Auflösung und Neubesetzung der Interimsregierung veranlasste, ist allerdings offen, ob er dieses Versprechen einhält.  Zumindest das Internet, das während der Reise noch landesweit blockiert war, wurde seitdem zeitweise wieder freigegeben.

Die Wohlstandsversprechen der Bergbauunternehmen, die auch auf dem Rest der Reise aus dem Autoradio schallten, stehen im krassen Widerspruch zur Lebensrealität der Bevölkerung.

Dörfer von Minen umzingelt, Brunnen sind versiegt

In der bauxitreichen Boké Region sind internationale Bergbauunternehmen, unter anderem aus Europa, Australien, den USA, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig. Manche Dörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten, etwa Boundou Wandè. Umzingelt von fünf Gruben der Compagnie des Bauxites de Guinée (CBG) ist der Ort nur noch über einen Trampelpfad erreichbar.

Mindestens zwölf weitere Gemeinden in Sangaredi beklagen Landraub und die Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen: Brunnen und Quellen sind versiegt oder durch Dreck und Sedimente unbrauchbar geworden. Frauen müssen immer weitere Wege zurücklegen, um Wasser zu holen. Die Artenvielfalt schwindet und mit ihr Arzneipflanzen, seltene Tier- und Vogelarten. Nutztiere haben kaum Überlebenschancen.

Roter Staub, der durch die Bergbauaktivitäten entsteht, macht Äcker und Gärten unbrauchbar, dringt in Häuser und macht Menschen krank. Wenn tieferliegende Bauxit-Schichten mit Dynamit aufgesprengt werden, vertreiben Lärm und herumfliegende Steine Wildtiere und verletzen Menschen.

Mine mit Nachhaltigkeitssiegel zertifiziert

Seit langem fordern die landwirtschaftlich geprägten Dorfgemeinschaften angemessene Entschädigungen, Zugang zu sauberem Trinkwasser und ein Ende der gesundheitsschädlichen Staubbelastung. 2019 reichten deshalb 13 Dörfer eine Beschwerde bei der Weltbank ein, die eine Erweiterung der CBG-Mine durch einen Kredit mitfinanziert hat. Für die gleiche Minenerweiterung hat sich die Bundesregierung in Form einer ungebundenen Finanzkreditgarantie verbürgt. Aus Sicht der Betroffenen hat sich nach vier Jahren Verhandlung nur wenig verbessert. Trotzdem wurde die Mine kürzlich durch die Aluminium Stewardship Initiative, einem Branchensiegel für nachhaltige Beschaffung, zertifiziert.

„ASI behauptet, verantwortungsvolle Beschaffung zu fördern, aber die Zertifizierung der CBG-Mine zum jetzigen Zeitpunkt bewirkt das Gegenteil – es ist Greenwashing. Sie sendet ein Signal an den Markt, einschließlich der Autohersteller, dass CBG die jahrzehntelange Landnahme wiedergutgemacht hat. CBG hat zwar Schritte unternommen, um sich zu verbessern, und wir hoffen, dass sich diese Fortschritte fortsetzen, aber der Großteil des Schadens, den sie verursacht hat, ist noch nicht behoben", sagte Mohamed Lamine Diaby, Direktor der guineischen NRO ADREMGUI.

Deutschland trägt Verantwortung

Die notwendigen Maßnahmen sind seit langem klar, werden aber von den Bergbauunternehmen nur schleppend oder gar nicht umgesetzt. Die guineische Zivilgesellschaft und Bergbaubetroffene fordern vor allem Entschädigungen für Landraub und Umweltzerstörung sowie eine maßgebliche Rolle bei der Planung von Abhilfe- und Präventionsmaßnahmen. Deutsche Unternehmen, die Bauxit aus Guinea beziehen, und die Bundesregierung müssen endlich ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen und sich für eine Verbesserung der Situation vor Ort einsetzen. Automobilhersteller wie Mercedes, BMW und Audi, aber auch Kreditgeber wie die ING DiBA tragen hier eine besondere Verantwortung.

Sowohl Unternehmen als auch Bundesregierung wissen mittlerweile um die Menschenrechts- und Umweltsituation vor Ort. Jetzt geht es darum zu handeln. Deutsche Unternehmen sollten die Minenbetreiber auffordern, Abhilfe- und Präventionsmaßnahmen für die Probleme endlich umzusetzen. Betroffenen Gemeinden sollte sowohl in der Ausgestaltung der Maßnahmen als auch in der Überprüfung der Umsetzung eine zentrale Rolle zukommen.

Parallel dazu braucht es Maßnahmen, um den deutschen bzw. europäischen Rohstoffverbrauch zu senken und dadurch die Gemeinden in Bergbauregionen zu entlasten. Weniger und kleinere Autos, ressourcensparendes Bauen und verstärkte Kreislaufführung können einen Beitrag dazu leisten.

Zudem müssen Kreditgeber wie die ING DiBa sowie die Bundesregierung, die sich für den Kredit verbürgt hat, Vergabekriterien nachschärfen und deren Einhaltung überprüfen, um zu verhindern das mit dem Geld Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen ermöglicht werden. Banken sollten außerdem für die durch ihre Kredite entstandenen Schäden haftbar gemacht werden.

Zentral für alle diese Schritte ist, die Einbindung der betroffenen Gemeinden und ihrer Vertreter:innen. Denn ob und welche Maßnahmen wirksam sind, kann niemand besser beurteilen als die Menschen vor Ort.

Gastbeitrag von Hendrik Schnittker, Referent für Energie- und Rohstoffwende bei PowerShift e.V.

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