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SchwerindustrieMilliarden durch Dekarbonisierung

Schwerindustrie
Für eine Transformation der Industrie braucht es Unterstützung des öffentlichen Sektors. (Foto: Jörg Möller auf Pixabay)

Eine Umstellung der europäischen Schwerindustrie auf Klimaneutralität könnte jedes Jahr viele Milliarden Euro generieren. Wasserstoff entwickelt sich dabei zum wichtigsten Treiber der Dekarbonisierung. Zurzeit fehlt jedoch noch der politische Rahmen.

17.03.2021 – Für den Klimaschutz wird dem Industriesektor eine entscheidende Rolle zugesprochen. Sein Anteil an den gesamten Treibhausgasemissionen betrug in Deutschland im vergangenen Jahr immerhin noch knapp ein Viertel. Am meisten CO2 wird zwar im Energiesektor ausgestoßen – jedoch sinken die Emissionen hier deutlich. Die Industrie landete 2020 wie in den Vorjahren auf dem zweiten Platz, der Verkehrssektor auf dem Dritten.

Mit einer Dekarbonisierung der europäischen Schwerindustrie könnte sich der jährliche Nettowert bis 2030 von 100 auf knapp über 200 Milliarden Euro verdoppeln. Dieses starke Potenzial zeigt die Studie „Energizing Industry“ des Beratungsunternehmens Accenture. Analysiert wurden dabei bestehende und neue Technologien. Zwischen den Jahren 2030 und 2040 werde sich die Zahl wohl weitgehend stabilisieren.

In der Modellrechnung hat Accenture das Potenzial zur Kostensenkung durch neue Energietechnologien in der europäischen Schwerindustrie analysiert. Hier spielen nicht nur Auswirkungen auf den Energieverbrauch hinein, sondern auch die prognostizierten Veränderungen von Angebot und Nachfrage. Das Beratungsunternehmen vergleicht außerdem unterschiedliche Technologien anhand ihrer Kosten für Produktion, Energie und Emissionen.

Die errechneten 200 Milliarden Euro Netto-Wertsteigerung resultieren dabei aus dem verstärkten Einsatz neuer Technologien wie Wasserstoff, Erneuerbare Energien und Gas. Jedoch spielt auch der Bezug von Strom für bestehende elektrische Prozesse aus erneuerbaren Quellen, zum Beispiel über industrielle Power Purchase Agreements, sowie weitere Effizienzsteigerung existierender Technologien hinein.

Konzerne legen den Fokus auf Effizienzsteigerung

Die Entwicklung neuer innovativer Technologien könnte die gesamte Entwicklung in der Schwerindustrie deutlich vorantreiben, so die Erwartung der Accenture-Experten. Jedoch seien viele transformative Lösungen – wie etwa Technologien zur Elektrifizierung oder zur CO2-Abscheidung und -Speicherung – verglichen mit dem Einsatz von Erdgas finanziell unattraktiv. Deshalb könnten viele Konzerne eher den Fokus auf eine Effizienzsteigerungen in ihren industriellen Prozessen setzen.

„Das lückenhafte regulatorische Umfeld, infrastrukturelle Herausforderungen, die Entwicklung von Schlüsseltechnologien und deren Preisgestaltung sind Faktoren, die Industrieunternehmen in ganz Europa verunsichern“, sagt Götz Erhardt, Senior Managing Director bei Accenture. Diese Verunsicherung bremse die Dekarbonisierung trotz ihres Potenzials für Innovation und Wertschöpfung aus, obwohl die öffentliche und finanzielle Unterstützung so hoch wie nie sei.

Schon jetzt stehen 40 Prozent der Investitionen der vergangenen fünf Jahre mit der Dekarbonisierung im Zusammenhang, zeigt die Studie. Damit wurde nicht nur in Erneuerbare Energien und Wasserstoff viel Geld investiert, sondern auch in intelligente Cloud-Technologien und Energieversorgung. Dennoch verlangsamt sich die Entwicklung neuer Technologien und Lösungen zur Eindämmung des Klimawandels seit 2013. Die Anmeldungen von Patenten, die im Zusammenhang mit Kohlenstoff stehen, sind demnach auf der ganzen Welt rückläufig.

Hohe Investitionen in Wasserstoff

Trotzdem tätigen europäische Industrieunternehmen weiterhin hohe Investitionen in Wasserstoff, Biokraftstoffe und Batterietechnologien. Betriebe aus der Energiebranche konzentrieren sich dagegen auf Cloud-Technologien und Erneuerbare Energien, Unternehmen aus den Sektoren Bergbau, Metalle und Baustoffe vermehrt auf die Energieversorgung und Chemikalien.

Ein riesiges Potenzial sprechen die Accenture-Experten demnach dem Energieträger Wasserstoff zu. Er könne fossile Kraftstoffe teilweise ersetzen und dadurch die Emissionen der Schwerindustrie deutlich reduzieren. Der Nettogesamtwert bei der Implementierung von Wasserstoff könnte in den nächsten zwanzig Jahren von derzeit 20 auf bis zu 100 Milliarden Euro jährlich ansteigen. Dieser Wert würde hingegen deutlich sinken, wenn eine Umstellung auf Erdgas erfolgt.

Für eine Dekarbonisierung der Schwerindustrie braucht es jedoch die Zusammenarbeit mit den Regierungsverantwortlichen, heißt es in der Studie. Der öffentliche Sektor müsse konsequente Maßnahmen umsetzen, da die Industrien ansonsten einem Wettbewerbsrisiko ausgesetzt sind. Durch eine Kooperation von privatem und öffentlichem Sektor könne der Prozess zum Erreichen von Klimaneutralität beschleunigt werden.

Maßnahmen der europäischen Industrie

  1. Konzentration auf Effizienzsteigerungen und die Identifizierung neuer Geschäftsmodelle
  2. Einführung neuer Technologien und Maßnahmen zur Preisgestaltung von CO2, Investitionen und Allianzen über die gesamte Wertschöpfungskette, Lieferanten auf Basis ihres CO2-Fußabdrucks vorauswählen
  3. Eine innovative Unternehmenskultur fördern

Maßnahmen des Öffentlichen Sektors

  1. Rahmenbedingungen, die den Unternehmen ermöglichen, versteckte Kosten von Treibhausgasen leichter zu erkennen
  2. Festlegung eines konkreten und zuverlässigen Mechanismus für den CO2-Preis inklusive eines im Laufe der Zeit ansteigenden Grundpreises
  3. Förderung der Wasserstoffwirtschaft durch eine Reihe von Maßnahmen, einschließlich Quoten und Steuervergünstigungen.

Die industrielle Dekarbonisierung in Europa ist eine große Chance„Die industrielle Dekarbonisierung in Europa ist eine große Chance – sowohl für Energieerzeuger als auch für industrielle Energieverbraucher“, fasst Erhardt zusammen. „Doch auch wenn die Unternehmen in der Lage sind, eine grundlegende Transformation voranzutreiben und Geschäftsmodelle neu zu definieren, benötigen sie die Unterstützung des öffentlichen Sektors.“ Nur gemeinsam könne sichergestellt werden, dass Europa seinen aktuellen Wettbewerbsvorteil behält. jk


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