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GebäudeenergiewendeAktionsplan für klimaneutrale Bestandsgebäude

Die Uhlandschule im Stuttgarter Stadtteil Rot ist landesweit die erste Schule, die nach der Sanierung einen Plusenergiestandard aufweist.
Die Uhlandschule im Stuttgarter Stadtteil Rot ist landesweit die erste Schule, die nach der Sanierung einen Plusenergiestandard aufweist. Der Gebäudekomplex erzeugt inzwischen mehr Energie, als er verbraucht. (Ausschnitt-Foto: © Saint Gobain / OlafRohl)

Um den Klimaschutz im Gebäudebereich voranzubringen, fordert ein Aktionsbündnis aus Architekten, Bauexperten und Umweltschützern eine ambitionierte Sanierungswelle von Bestandsgebäuden mit jährlichen Investitionen von 150 bis 250 Milliarden Euro.

27.04.2021 – Bau- und Immobilienwirtschaft können viel zum Erreichen der Klimaziele beitragen. Mehr als ein Drittel der CO2-Emissionen werden durch den Betrieb von Gebäuden verursacht. Um mindestens 66 Prozent möchte die Bundesregierung die Emissionen der Gebäude bis 2030 im Vergleich zu 1990 senken. Bis 2050 soll in Deutschland der Bestand von derzeit 22 Millionen Gebäuden, davon 19 Millionen Wohnhäuser, nahezu klimaneutral sein. Dazu müssten jährlich mindestens zwei bis drei Prozent der Gebäude energetisch auf Vordermann gebracht werden. Doch die jährliche Sanierungsrate stagniert seit Jahren bei etwa einem Prozent.

Formel 1-1-100-100

Angesichts dieses „katastrophal langsamen“ Sanierungstempos drohe die Lücke beim Klimaschutz im Gebäudebereich so groß zu werden, dass sie nicht mehr geschlossen werden könne, warnen die Bundesarchitektenkammer (BAK), die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und die Deutsche Umwelthilfe (DUH). In einem Positionspapier skizzieren sie unter der Formel 1-1-100-100 ein Sofortprogramm für die künftige Bundesregierung.

Eine Million klimaneutral sanierte Gebäude jährlich

Ziel müsse sein, den richtigen Rahmen zu schaffen, um ab 2025 mindestens eine Million Bestandsgebäude jährlich klimaneutral zu sanieren und damit die Sanierungsrate um das Vierfache zu steigern. Das Bündnis fordert eine Sanierungswelle von Bestandsgebäuden mit jährlichen Investitionen in Höhe von 150 bis 250 Milliarden Euro.

Unter klimaneutral versteht das Aktionsbündnis, dass die sanierten Gebäude übers Jahr gerechnet Null Treibhausgase emittieren und hierbei der gesamte Lebenszyklus des Gebäudes, einschließlich der Grauen Energie der eingesetzten Baustoffe betrachtet wird.

1 Mio. individuelle Sanierungsfahrpläne – 100 Prozent Transparenz

Eine Million individuelle Sanierungsfahrpläne soll die Bundesregierung bis 2025 an Gebäudeeigentümer verschenken, um ihnen konkrete Handlungsschritte aufzuzeigen, fordern BAK, DGNB und DUH. Nötig sei auch, 100 Prozent Transparenz zu schaffen. Hierzu müsse die Bundesregierung den energetischen Zustand des gesamten Gebäudebereichs in vergleichbaren Bedarfsausweisen erfassen.

100 Tage Zeit für die neue Bundesregierung

Direkt nach der Bundestagswahl soll die künftige Regierung innerhalb von 100 Tagen die Novellierung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) sowie der Bundesförderung Effiziente Gebäude (BEG) starten, um den Klimaschutz im Gebäudebereich zeitnah nach vorne zu bringen, mahnt das Aktionsbündnis an.

150 bis 250 Milliarden Euro jährlich seien an Investitionen nötig, um entsprechende Maßnahmen auf den Weg zu bringen, so die Autoren des Positionspapiers. Um Eigentümer nicht zu überlasten, sei eine deutliche Erhöhung der staatlichen Zuschüsse und Förderkredite nötig. Hierdurch würden sich auch zusätzliche Impulse für die Konjunkturbelebung ergeben, konstatieren BAK, DGNB und DUH.

Bauwirtschaft pro Lebenszyklusansatz und Klimaneutralität

„Wir bewerten die Maßnahmen alle als zielführend“, sagt Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer des Verbands Bauwirtschaft Baden-Württemberg. So begrüße man ausdrücklich eine umfassende Nachhaltigkeitsbewertung über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes mit dem Ziel der Klimaneutralität bzw. klimapositiven Gebäuden. Allerdings sollten bei Sanierungen auch die Barrierefreiheit, altersgerechtes Wohnen und der Umgang mit schadstoffbelasteten Materialien mitgeplant werden, um über eine Verlängerung der Lebenszeiten die Nachhaltigkeit zu optimieren, fordert Möller.

Soziale Verwerfungen verhindern

„Die Vorschläge gehen in die richtige Richtung“, sagt auch Franz Pöter, Geschäftsführer der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg. Wichtig sei jedoch, dass die Umsetzung durch finanzielle staatliche Anreize unterstützt werde und Regeln getroffen würden, um bei Mieterhöhungen soziale Verwerfungen zu verhindern.

Unterstützung signalisiert auch Ralf Heineken, Sprecher des baden-württembergischen Umweltministeriums. Doch seien die Forderungen nicht so einfach umzusetzen, beispielsweise eine grundlegende Neuausrichtung des Ordnungsrechts innerhalb der ersten 100 Tage der neuen Legislaturperiode. Entscheidend sei auch eine kluge und faire Verteilung der zusätzlichen Kosten auf Eigentümer, Mieter und den Fiskus.  Zudem müsse die Sanierung des Gebäudebestands in die Planung und Realisierung einer klimaneutralen Wärmeversorgung eingebettet sein.

Bauwirtschaft fordert Kreislaufwirtschaft

Ergänzend zu dem Aktionsprogramm von BAK, DGNB und DUH fordert die Bauwirtschaft Baden-Württemberg den Aufbau einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft, bei welcher die Wiederverwertungsmöglichkeiten von Baustoffen von Beginn an mitgedacht werden. Zudem könnten durch den vorrangigen Einsatz regional vorhandener Rohstoffe Transportwege verringert, CO2-Emissionen reduziert und die heimische Wirtschaft unterstützt werden. Auch sollten über eine Innovationsförderung entsprechende Forschungs- und Leuchtturmprojekte gefördert und politische Anreize für nachhaltige Produktion, Produkte und Bauweisen geschaffen werden. Wichtig sei auch die Unterstützung des Wissenstransfers und von Schulungsangeboten.

Dena: Flankierend serielles Sanieren fördern

Den Ansatz des Aktionsprogramms und eine deutliche Erhöhung der Sanierungsrate begrüßt auch Christian Stolte, Bereichsleiter Energieeffiziente Gebäude bei der Deutschen Energie-Agentur (Dena). Allerdings hält er eine energetische Sanierungsrate von fünf Prozent des Gebäudebestands schon ab 2025 für unrealistisch, unter anderem wegen Engpässen im Handwerk und bei der Planung. Für wichtig hält auch er, flankierend Innovationen wie das serielle Sanieren zu fördern und Beratungs- und Informationsangebote auszubauen.

Auch der Bundesverband Verbraucherzentralen macht sich für einen klimaneutralen Gebäudebestand stark. Gemeinsam mit mehreren Hauseigentümerverbänden stellte er jüngst auf den Berliner Energietagen ein eigenes Positionspapier mit Eckpunkten für den Weg dorthin vor.

Gas gibt auch die EU. Derzeit bereitet Brüssel eine breit angelegte Initiative Renovation Wave vor, welche im Juni im Rahmen des Gesetzespakets „Fit for 55“ konkretisiert und gestartet werden soll. Hans-Christoph Neidlein


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