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Wärmewende im GebäudesektorMaßnahmenpaket soll Klimaziele beim Bauen beschleunigen

Offener Holzlager-Schuppen mit Photovoltaik-Dach
Der Umstieg auf Erneuerbare Energien kommt im Gebäudesektor nicht richtig voran – die politischen Stellschrauben dafür fehlen. (Foto: Pixabay / Free License)

Die Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz hat ein Maßnahmenpaket erarbeitet, mit dem Deutschland bis 2030 im Wärmesektor CO2-Emissionen im Umfang von 13 Millionen Tonnen zusätzlich einsparen kann. Staatliche Förderung bleibt dabei der größte Hebel.

09.05.2019 – In Deutschland werden rund 35 Prozent der Endenergie für das Heizen, Kühlen und die Warmwasserbereitung von Gebäuden verbraucht. Das verursacht rund ein Drittel des gesamten CO2-Ausstoßes. Die energetische Sanierung von Gebäuden kommt viel zu langsam voran, ebenso der Ausbau der Erneuerbaren Energien für die Wärmeversorgung. Der mehrfach versprochene Steuerbonus für die energetische Sanierung hat es nicht in die Haushaltspläne der Regierung geschafft, obwohl er schon so lange von verschiedenen Seiten und Akteuren gefordert wird. Stattdessen wird der Einbau fossiler Heiztechnik weiterhin subventioniert.

In ihrem Maßnahmenkatalog fordert die Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (geea) daher vor allem Fördermaßnahmen wie die lange angekündigte steuerliche Förderung für private Hausbesitzer, verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten für die Immobilienwirtschaft, mehr Förderung von Einzelmaßnahmen, Effizienzhäusern und Nichtwohngebäuden. Auch das gezielte Vorantreiben neuer Technologien sei notwendig, dazu müsse die Nachfrage dafür gesteigert werden.

Wärmewende muss deshalb besser kommuniziert werden

Große Potenziale liegen in der Beratung, Kommunikation und im Ordnungsrecht, auch das sei stark verbesserungswürdig. Investoren, Hausbesitzer und Mieter sollten verstärkt über die Vorteile von Energieeffizienz informiert werden. „Auch wenn der Gebäudebereich seine Treibhausgasemissionen seit 1990 bereits um mehr als 40 Prozent reduziert hat: Mit Blick auf die Sektorenziele der Bundesregierung bleibt der Handlungsbedarf gewaltig“, sagt Andreas Kuhlmann, geea-Sprecher und Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur (dena). „Die jährlichen Emissionen im Gebäudesektor sollen laut Klimaschutzplan der Bundesregierung auf 72 Millionen Tonnen im Jahr 2030 sinken.“ Das bedeute eine Reduzierung um weitere fast 50 Millionen Tonnen in den nächsten zehn Jahren. „Davon sind wir weit entfernt“, mahnt Kuhlmann.

Die energetische Gebäudesanierung mit Austausch von Heizungen und Fenstern sowie Wärmedämmung etc. bringe erst eine Einsparung von rund 20 Millionen Tonnen. Das geea-Maßnahmenpaket ermögliche nun aber weitere 13 Wir brauchen deutlich mehr Tempo im GebäudesektorMillionen Tonnen. „Das schließt die Lücke noch nicht ganz, aber es bringt uns immerhin in Reichweite zu den Klimazielen und sollte rasch umgesetzt werden“, fordert Kuhlmann. Entscheidend seien die Verhandlungen im Klimakabinett über das Klimaschutzgesetz 2030. „Wir brauchen deutlich mehr Tempo im Gebäudesektor. Wenn wir die Klimaziele verfehlen, kommen hohe Kosten für Ausgleichszahlungen auf Deutschland zu.“ In der Tat: Mit ihrer Blockadestrategie riskiert die Bundesregierung ein EU-Vertragsverletzungsverfahren, weil sie sich bspw. bis heute weigert, einen EU-konformen Niedrigstenergie-Standard (Nearly Zero Energy Building NZEB) für Neubauten zu definieren und nach Brüssel zu melden.

Klimaziellücke schließen

Um die über das geea-Maßnahmenpaket hinaus verbleibende Klimaziellücke von 15 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten im Gebäudesektor zu schließen, schlägt die Allianz weitere Optionen vor: etwa eine beschleunigte Markteinführung von klimaneutralen, synthetischen Brennstoffen über einen CO2-Preis bis hin zum Handel mit Energieeinsparzertifikaten im Gebäudesektor. Auch sollte der Blick auf die energetische Sanierung von Quartieren statt lediglich einzelner Häuser gerichtet und über die Entwicklung neuer Geschäfts- und Investitionsmodelle nachgedacht werden, etwa Energie-Contracting-Modelle o. ä.

Aktionsplan Wärmewende der Grünen liegt vor

Konkrete Vorschläge für eine Energiewende im Gebäudebereich und eine Verbesserung des Gebäudeenergiegesetzes hatten die Grünen bereits im März vorgelegt. Julia Verlinden hat nun gemeinsam mit der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen aktuell eine Anfrage an die Bundesregierung zum Gebäudeenergiegesetz gestellt und nach konkret geplanten Maßnahmen für Energieeinsparung und Klimaschutz im Gebäudesektor gefragt. Das Ergebnis, so Verlinden, sei mehr als ernüchternd: Die Regierung könne weiterhin keine Angaben zum Zeitplan für ein Gebäudeenergiegesetz machen – geschweige denn zu Maßnahmen, wie das CO2-Minderungsziel im Gebäudebereich erreicht werden sollte. Mit dem Aktionsplan Faire Wärme hatte die grüne Bundestagsfraktion einen Maßnahmenkatalog für den Umbau der Wärmeversorgung vorgelegt und in einem Eckpunktepapier eine konkrete Neufassung des Energiesparrechts im Gebäudebereich gefordert.

Schneckentempo beim Umstieg auf Erneuerbare Energien ist fatal

„Schon unter der letzten Regierung scheiterte ein wirksames Gebäudeenergiegesetz am Widerstand der Union“, kritisiert Verlinden. „Mehr als zwei Jahre danach kann die Regierung immer noch keinen Zeitplan für das Gesetz vorlegen, geschweige denn konkrete Maßnahmen benennen, mit denen sie die Energiewende im Gebäudesektor schaffen will. Das ist ein Desaster für den Klimaschutz und eine Klatsche für Unternehmen und Privatleute, die in Effizienz und Erneuerbare investieren wollen“, findet die Grünen-Klimaexpertin. Es sei unverständlich, wie wenig ambitioniert die Regierung bei der Wärmeversorgung agiere. „Wenn sie tatsächlich an ihrem Schneckentempo beim Umstieg auf Erneuerbare festhält, würde der Gebäudebestand erst 2086 vollständig erneuerbar beheizt. Das ist viel zu spät und feuert den Generationenkonflikt um Klimagerechtigkeit weiter an“, warnt Verlinden. na