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Meinung 24.04.2024

Diversität als Imperativ für die Energiewende

Grüne Energie und Diversität: Das ist ein Imperativ für die dezentrale Bürger:innen-Energiewende. Mentoring, Trainings und Qualifizierung zu Diversitätsthemen gehören deshalb auf die Tagesordnung der Bürgerenergiegemeinschaften.

Katharina Habersbrunner ist Vorständin beim Bündnis Bürgerenergie und Projektmanagerin für geschlechtergerechte Energiepolitik bei Women Engage for a Common Future (WECF)


Meinung 24.04.2024

Diversität als Imperativ für die Energiewende

Grüne Energie und Diversität: Das ist ein Imperativ für die dezentrale Bürger:innen-Energiewende. Mentoring, Trainings und Qualifizierung zu Diversitätsthemen gehören deshalb auf die Tagesordnung der Bürgerenergiegemeinschaften.

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Katharina Habersbrunner ist Vorständin beim Bündnis Bürgerenergie und Projektmanagerin für geschlechtergerechte Energiepolitik bei Women Engage for a Common Future (WECF)



Die Energiewende braucht eine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Das Vertrauen und die Akzeptanz von Bürger:innen beim anstehenden Transformationsprozess sind von entscheidender Bedeutung. Wenn sich die Menschen vor Ort bei Veränderungen nicht mitgenommen fühlen, ihnen die Möglichkeiten zur Mitsprache und Mitbestimmung fehlen, entsteht eher eine ablehnende Haltung. Bürgerenergie ist das richtige Format sein, eine breite Bürgerschaft zu mobilisieren und ihnen Teilhabe und Partizipation zu ermöglichen.  

Bürgerenergie setzt sich für ein erneuerbares und dezentrales Energiesystem ein, bei dem die lokale Bevölkerung aktiv durch Engagement und Mitgliedschaften bei Energiegemeinschaften teilnimmt. Dabei werden sowohl soziale Ziele (wie Partizipation und Akteursvielfalt), ökologische Ziele (Ausbau Erneuerbarer Energie, Reduktion Energiebedarf, optimale Nutzung dezentraler Potenziale und Klimaschutz) und wirtschaftliche Ziele (gemeinsame Finanzierung, lokale Wertschöpfung, bezahlbare Energiepreise) verfolgt.

Die mehr als 2.000 Bürgerenergiegesellschaften in Deutschland sind in ihrer Entwicklung, ihren Geschäftsmodellen und ihrer gelebten Kultur sehr vielfältig. Aber wir sehen, dass die Breite unserer Gesellschaft in der Bürgerenergie nicht repräsentativ vertreten ist und die Akteure sehr homogen sind was Geschlecht, Alter, Bildung und Einkommen betrifft, d.h. mehrheitlich ältere Männer sind mit akademischem Hintergrund und verfügbaren finanziellen Mitteln.

War unsere Hoffnung, dass die Umstellung auf eine erneuerbare und dezentrale Energieversorgung automatisch ein soziales, geschlechtergerechtes und inklusives System mit sich bringt? Denn dafür setzen sich Bürgerenergiegemeinschaften ein, für ein dezentrales, demokratisches und erneuerbares Energiesystem, gerecht und erschwinglich für alle.

Doch was sehen wir auch in der Bürgerenergiebewegung? Die Überrepräsentanz von Männern, älteren Menschen und Akademiker:innen  in Bürgerenergieprojekten führt zu einer Unterrepräsentation der Perspektiven und Präferenzen jüngerer Menschen, Frauen, nicht-binärer Personen, Menschen mit geringerem Einkommen, mit Migrationsgeschichte und auch Menschen mit Behinderung. Damit wird das Potenzial einer demokratischen, inklusiven und gerechten Bürgerenergie-Wende nicht genutzt.

Obwohl das Bewusstsein bei den Bürgerenergie-Akteur:innen hierfür wächst, kommen wir nur sehr schleppend ins Handeln. Bei einer Befragung von 60 europäischen Energiegemeinschaften, wie wichtig, Gendergerechtigkeit für die Energiewende ist, gaben 76 Prozent der Befragten an, dass Gender ein wichtiges bzw. sehr wichtiges Thema ist. Gleichzeitig antworteten 67 Prozent der Befragten, aufgrund anderer Prioritäten Gendermaßnahmen nicht umzusetzen.

Beim Bündnis Bürgerenergie setzen wir uns seit Jahren für eine gerechte Energiewende ein. Wir sind Mitautor:innen bei der Publikation „Frauen.Energie.Wende“, die wir gemeinsam mit Women Engage for a Common Future herausgegeben haben. In Webinaren und Workshops greifen wir das Thema auf, wie mehr junge Menschen, Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte angesprochen, erreicht und mobilisiert werden können.

Was gewinnen wir mit mehr Diversität in der Bürgerenergie?

Homogene Akteure und mangelnde Akteurs-Vielfalt erreichen bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht, da sie deren Interessen und Einstellungen nicht kennen und entsprechend nicht vertreten. Wir müssen aktiv Rahmenbedingungen schaffen, damit sich alle Menschen an Bürgerenergieprojekten beteiligen können.

Wenn wir einer Kultur der Diversität und konkreten Angeboten der Bürgerenergie breitere Bevölkerungsschichten erreichen, erhöht dies weiterhin Akzeptanz und Identifikation. Dies stärkt die Sichtbarkeit und Relevanz von Bürgerenergiekonzepten. Die Energiewende ermöglicht kleine und große finanzielle Investitionen und viele neue Jobs, auch hierzu müssen alle Zugang haben. Laut einem Bericht der IRENA könnte die Zahl der Arbeitsplätze im Sektor erneuerbare Energien bis 2050 von 13 Millionen auf 42 Millionen steigen steigen. Die Prognose verdeutlicht die großen wirtschaftlichen Chancen der Energiewende, die auch immer mehr Frauen ergreifen, aber immer noch unterrepräsentiert sind, vor allem in Managementpositionen und technischen Funktionen. Das ist besonders kritisch, da Talente im Bereich der erneuerbaren Energien knapp sind und Diversität ein wesentlicher wirtschaftlicher Erfolgsfaktor und Innovationstreiber ist.

Auch wissen wir, dass gendergerechte und diverse Energieprojekte wirksamer sind und eine größere Reichweite haben. Eine gendergerechte Klima- und Energiepolitik führt insgesamt zu nachhaltigeren Maßnahmen. Diversität in Unternehmen steigert nachweisbar die Profitabilität, reduziert das Risikoverhalten und die Umweltbelastung und begünstigt nachhaltige und innovationsfreundliche Strukturen.

Wir wissen, was zu tun ist

Die gute Nachricht ist, wir kennen die Methoden und Instrumente, wie wir den Energiesektor und insbesondere die Bürgerenergie diverser gestalten können. Einige Energiegemeinschaften haben hier schon konkrete Maßnahmen umgesetzt. Die BEGENO aus Bremen hat ein Qualifizierungsprogramm für Aufsichtsrätinnen organisiert, interessierte Frauen zu vier Modulen eingeladen, die über die Arbeit des Aufsichtsrats in Energiegenossenschaften informieren. Daraus hatten dann 5 Frauen Interesse und sind jetzt im Aufsichtsrat der Genossenschaft und gestalten mit. Die BENG eG aus München hat Trainings zu Balkonmodulen für Frauen, Nicht-binäre Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte und queere Menschen organisiert, die Veranstaltungen in den entsprechenden Netzwerken in inklusiver Sprache verbreitet und die Veranstaltung auch zweisprachig organisiert in Deutsch und Englisch, um möglichst vielen Menschen die Teilnahme zu ermöglichen.

Kommunikation und Rekrutierungsprozesse

Nicht zuletzt ist es die Kommunikation, die geschlechtergerechte oder -ungerechte Vorstellungen und damit Realitäten schafft. Gerade weil sprachliche Diskriminierung meist unbewusst geschieht, ist es wichtig, bewusst und mit Hilfsmitteln auf inklusive Sprache zu achten. Durch eine inklusive interne und externe Kommunikation können Stereotype reduziert werden. Wenn wir auf Webseiten, sozialen Medien und Werbematerialien verschiedene Menschen in aktiver Rolle darstellen, ist es ein wichtiger Beitrag zum dringend benötigten Wandel hin zu sozialer und Geschlechtergerechtigkeit. Die Sichtbarkeit und Repräsentanz von Frauen, jungen Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund kann mit Kampagnen und Veranstaltungen erhöht werden. Role Models machen es vor und zeigen, dass es möglich ist, sich zu engagieren.

Da auch Energiegemeinschaften ein Nachwuchsthema haben, ist es umso wichtiger, Jobausschreibungen inklusiv und interessant zu gestalten. Dies beinhaltet die Vermeidung von geschlechtsspezifischen Stereotypen in Jobausschreibungen und die Sicherstellung, dass Rekrutierungsverfahren gerecht und frei von unbewussten Vorurteilen sind.

Weitere Maßnahmen sind Trainings zu Diversität und Gendergerechtigkeit für das Management, um die Relevanz aufzuzeigen und eine Willkommenskultur und Kultur für Diversität und Respekt für Vielfalt zu etablieren und diese wirklich zu leben.

Mentoring- und Qualifizierungsprogramme für Frauen, junge Menschen und Menschen ohne und mit akademischem Hintergrund, etc. bieten konkrete Informationen zu Energiewende, Klimaschutz, etc. Energiegenossenschaften brauchen Unterstützung in der Kommunikation, Mitgliederansprache, Betreuung der Anlagen, Netzwerkpflege. Hier sind viele verschiedene Fähigkeiten gefragt. Wichtig ist daher, dass Wissenshierarchien zwischen Menschen mit oder ohne akademischen Hintergrund bzw. zwischen technischen und sozialen Fähigkeiten kritisch reflektiert werden und kein Hindernis für die gemeinschaftliche Atmosphäre darstellen. Die unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten wie Community-Management, Kommunikation, technische Planung, Finanzierung werden alle gebraucht.

Unterstützung durch Politik und Verbände

Die Politik kann durch die Schaffung von Rahmenbedingungen und Anreizen Diversität Geschlechtergerechtigkeit in der Energiewende fördern. Dies beinhaltet die Einführung von Quoten, die Bereitstellung von Fördermitteln für Projekte, die definierte Zielgruppen in der Energiewende unterstützen, und die Entwicklung von Gleichstellungsplänen. Eine gerechte Finanzierung, das heißt geschlechtergerechte Verteilung staatlicher Fördermittel im Energiebereich, ist unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche und geschlechtergerechte Energiewende. Es müssten Mittel für den Aufbau von Genderexpertise in den Energieunternehmen und Energiegemeinschaften und deren Dachverbänden bereitgestellt werden. Eine geschlechterparitätische und diverse Besetzung in klima- und energiepolitischen Gremien unter Einbeziehung von Genderexpertise muss berücksichtigt werden. Dies garantiert, dass Erkenntnisse aus der diversitätsbezogenen Klima- und Energieforschung in die Diskussionen, Studien und Stellungnahmen der Gremien einfließen.

Durch die Kombination dieser Maßnahmen können Jobs im Bereich der Energiewende in Deutschland geschlechtergerecht organisiert werden, um eine inklusive und diverse Arbeitsumgebung zu schaffen, die Innovation und Nachhaltigkeit fördert.

Eine diverse Bürgerenergielandschaft stärkt die gesamte Gesellschaft

Die gegenwärtigen multiplen Herausforderungen erfordern eine Transformation des Energiesystems hin zu gerechteren Strukturen, die ein Recht auf nachhaltige Energie sicherstellen und eine Energiewende, an der alle teilnehmen können. Bürgerenergie kann hier einen wesentlichen Beitrag leisten hin zu einer dezentralen und erneuerbaren Energieversorgung. Je vielfältiger die Akteure, umso robuster, nachhaltiger und erfolgreicher sind wir in der Lage, den Herausforderungen effektiv zu begegnen. Einen Großteil der Menschen nicht mitgestalten zu lassen, wäre fatal.

Die Bürgerenergiebewegung hat das Potenzial für Diversität und Demokratie und kann die beschriebenen Möglichkeiten nutzen, den Sektor und die Projekte diverser und inklusiver zu gestalten. Einige Energiegenossenschaften machen es vor. In Anbetracht der Langfristigkeit der Energieinfrastruktur, wird die Nichtberücksichtigung von Diversität und Geschlechterperspektive die Ungleichheiten über Jahrzehnte hinweg verstärken, begrenzte finanzielle, soziale und menschliche Ressourcen vergeuden und ökologische Chancen verpassen. Lasst uns diese Chancen nutzen.

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