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WärmewendeKlimaschutz durch Wärmenetze – sozialer, schneller und wirksamer

Fernwärmetunnel in Köln
Fernwärmetunnel in Köln (Foto: A.Savin / wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im deutschen Wärmemarkt dominieren viele verschiedene Heizsysteme, für einzelne Häuser oder kleine Wohnblöcke. Werden Gas- oder Ölkessel ausgetauscht, dann meist gegen neuere Modelle. Leider geht die Dekarbonisierung des Wärmemarktes so nur im Schneckentempo voran. Eine Lösung: grüne Fernwärme.

27.05.2019 – Am Rande bemerkt: Es besteht ein interessanter Widerspruch zwischen dem Bedürfnis zu einem individuellen Heizsystem und der geringen Aufmerksamkeit, die ihre Besitzer ihrem Betrieb widmen. Nur selten kommt es vor, dass man regelmäßig den Gaszähler abliest oder den Füllstand des Ölkessels beobachtet, um Aufschlüsse über den Verbrauch und damit Rückschlüsse auf die Effizienz der Nutzung ziehen zu können.

Wenn es um die Herausforderung der möglichst zügigen Dekarbonisierung der Gebäudewärmeversorgung geht stellt sich Frage, ob nicht leitungsgebundene Wärme die einfachste Methode bietet, große Wohnungsbestände sozusagen auf einen Streich auf erneuerbare Wärme umzustellen.

Eingeschränkte Wahlmöglichkeit des Heizsystems

Wärmeangebote, die über Leitungen ins Haus kommen, sind historisch vor allem auf größere Siedlungen und damit dichte Bebauungen in Städten beschränkt. Sie werden oft noch als „Fernwärme“ bezeichnet, weil sie ihren historischen Ursprung in der Diskussion über die Abwärmenutzung von großen, meist kohlebefeuerten Dampfkraftwerken haben. Von den oft außerhalb von Städten errichteten Kraftwerken mussten erst längere Leitungen gebaut werden, um die entsprechenden Kunden in den Städten zu erreichen.

Die Kosten für die Nutzung dieser preiswerten Abwärme bestimmen sich vielfach durch die Refinanzierung dieser Leitungsnetze und setzen möglichst hohe Anschlussgrade voraus, die sich aufgrund von oft selbst geschaffenen Wettbewerbssituationen mit Erdgasleitungen nicht immer realisieren lassen. Der sog. Anschluss- und Benutzungszwang wurde deshalb gerne als Instrument genutzt, um beispielsweise aus Gesichtspunkten des Immissionsschutzes möglichst viele Nutzer in einem bestimmten Siedlungsschwerpunkt an das Wärmenetz anschließen zu können.

Fernwärme besser nutzen

Oft herrscht deshalb eine gewisse Skepsis gerade bei den Besitzern großer Immobilien gegenüber der Fernwärme vor, anstatt die Gemeinschaftslösung zu feiern, die ein solches kommunales Angebot bedeutet. Die Wärmelieferung stellt jedoch eine komplexe Dienstleistung dar, die Erzeugung und Verteilung mit Beschaffung und Vertrieb umfasst. Oft wird das nicht gesehen und fälschlicherweise ein einfacher Preisvergleich zum Einkauf von Öl- oder besonders Erdgas für den Betrieb der eigenen Kesselanlage gezogen. Die eigenen Kosten für Anschaffung, Betrieb und Wartung werden dabei „vergessen“.

Die Berliner Beuth Hochschule hat in einem Projekt mit dem Heidelberger ifeu-Institut 2016 ermittelt, dass in stark verdichteten Wohngebieten Deutschlands mit einem Wärmebedarf von insgesamt 131 Terawattstunden (TWh) nur 31 Prozent über Wärmenetze geliefert werden. Über die Zusammensetzung der Erzeugungsquellen kann ermittelt werden, dass damit rund 11 Mio. Tonnen CO2-Emissionen aus der Fernwärme verbunden sind. Weitere 24 Mio. Tonnen CO2 entstehen in diesen Gebieten durch die anderen verwendeten Energieträger. Die Fernwärmeversorgung in Deutschland verursacht laut Umweltbundesamt nach der nationalen Klimaberichterstattung insgesamt 33 Mio. Tonnen Treibhausgase und bildet damit einen kleinen Teilbereich des Quellsektors der gesamten Energiewirtschaft in der Systematik für die internationale Klimaberichterstattung. Im gesamten Gebäudesektor werden aktuell 119 Mio. Tonnen emittiert.

Im Nationalen Aktionsplan Klimaschutz von 2017 wurde festgelegt, dass der Gebäudesektor bis 2030 noch 40 Prozent CO2-Minderung zum deutschen Gesamtziel von 55 Prozent gegenüber 1990 beitragen soll und der Bereich der Energiewirtschaft weitere 50 Prozent. Dekarbonisierte Wärmelieferungen können hier zweierlei erreichen: die Emissionsbilanz der Energiewirtschaft verbessern und die fossilen Energieträger des Gebäudesektors ersetzen.

Zusammenhang von Einkommen und Emissionen

Hier ist es wichtig, auch die sozialen Aspekte dieser Ziele im Blick zu behalten. Wie die folgende Grafik zeigt, führen die unterschiedlichen Einkommen und Lebenssituationen zu unterschiedlicher Inanspruchnahme von Wohnfläche und Wohnformen.

Einfamilienhäuser verbrauchen durchschnittlich etwas mehr Energie je Quadratmeter Wohnfläche als Mehrfamilienhäuser und werden auch insbesondere durch Öl klimaschädigender versorgt. Im Ergebnis belasten die 6,5 Mio. Haushalte mit Einfamilienhäusern in den beiden oberen Einkommensgruppen das Klima mit 37 Mio. Tonnen CO2. Die 15,2 Mio. Haushalte der unteren Einkommensgruppen bis 2.600 Euro monatliches Nettoeinkommen emittieren dagegen nur 32 Mio. Tonnen. Je Haushalt unterscheiden sich die Emissionen um das 2-3-fache zwischen den beiden Gruppen. Wer am unteren Ende der Einkommensskala lebt, wendet monatlich rund 400 Euro für die Miete auf und muss zusätzlich je nach Energieträger zwischen 70 und 90 Euro pro Monat für Wärme bezahlen.

Klimaschutzmaßnahmen müssen sich lohnen

Der Klimaschutz der einzelnen Bürger findet damit bereits mit der Wohnungsgröße statt und kann kaum durch Mietsteigerungen für die Refinanzierung von Sanierungsaufwendungen forciert werden. Hier sind eindeutig der Staat und der Vermieter gefordert, um klimaschonende Investitionen steuerlich günstiger zu stellen und im Sinne der Zukunftssicherung und Wertsteigerung zu finanzieren. Die Unterstützung der Dekarbonisierung von Fernwärme kann dabei auch noch die geringen Emissionen vermeiden. Wer auf größerem Raum und mit höherem Einkommen lebt, sollte auch in der Lage sein, einen höheren Anteil der Aufwendungen zu finanzieren, braucht dafür aber auch staatliche Anreize zur Beschleunigung seiner Entscheidung.

Strategien für dekarbonisierte Wärme

Im Beispiel einer durchschnittlichen Wohnung mit 69 m² in einem Mehrfamilienhaus aus den 50er Jahren (häufigster Gebäudetyp), das mit einem Ölkessel (HEL) versorgt wird, entstehen jährlich 4,2 t THG-Emissionen. Die Zielsetzung von 40 Prozent Emissionsverminderung bis 2030 muss den Eigentümer veranlassen, Möglichkeiten zur Vermeidung von rund 1,7 Tonnen zu finden und dabei auch im Blick zu haben, dass dieses Objekt 2050, also 20 Jahre später, quasi klimaneutral entsprechend der Europäischen Klimaschutzziele versorgt werden soll. Der Wechsel zu einer möglicherweise verfügbaren Erdgasversorgung (EG) reicht dafür nicht aus (nur 26 Prozent), müsste also mit Energiesparmaßnahmen kombiniert werden.

Ein Wärmelieferant in der Nähe, der die Wärme aus erneuerbaren Quellen liefern kann, würde jedoch auch ohne Sanierung zur Klimaneutralität führen. Im Falle einer typischen Fernwärmeversorgung auf der Basis eines kohlebefeuerten Heizkraftwerks (SkDK) könnte der Lieferant ihm kein Angebot machen, das die CO2-Bilanz verbessert; im Gegenteil, sie würde sich nach der genannten Berechnungsmethode des nat. Emissionsinventars sogar noch verschlechtern (+16 Prozent).

Die Fernwärmeanbieter, die begonnen haben, ihre Quellen auf hocheffiziente erdgasbefeuerte Kraftwerke (EGGuD) umzustellen, können demgegenüber jedoch Vorteile bieten (-52 Prozent). Eine moderate Sanierung mit einfacher Wärmedämmung schafft dem Immobilienbesitzer leider keine Langfristperspektive, die sich auf die Lebenszeit seiner Investitionsmaßnahme bezieht. Wenn er das Jahr 2050 ohne zusätzliche Investitionen erreichen will, sollte er von vornherein eine wirtschaftlich optimale Einsparung und eine möglichst weit dekarbonisierte Wärmelieferung miteinander verbinden. Georg Wagener-Lohse