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Energie der ZukunftBundesregierung verabschiedet Nationale Wasserstoffstrategie

Elektrolyseanlage im Kombikraftwerk Prenzlau
Elektrolyseanlage im Kombikraftwerk Prenzlau (Foto: Hanno Böck, CCO)

Nach vielen Monaten des Stillstands wurde gestern die Nationale Wasserstoffstrategie vom Bundeskabinett verabschiedet. Geeinigt hatte sich die Große Koalition darauf im Rahmen des Konjunkturpakets. Von Opposition und Umweltverbänden hagelt es Kritik.

11.06.2020 – Erst passierte viele Monate lang gar nichts, dann ging es auf einmal ganz schnell: Gestern verabschiedete das Bundeskabinett Deutschlands Nationale Wasserstoffstrategie. Geplant war dieser Schritt seit vielen Monaten – jedoch konnte die Große Koalition bisher keine Einigung erzielen. Bereits im letzten Jahr gab Wirtschaftsminister Peter Altmaier bekannt, dass Deutschland bei den Wasserstofftechnologien die Nummer 1 auf der Welt werden soll. Passiert ist seitdem wenig.

Im Zuge der Corona-Krise kam plötzlich wieder Bewegung in der Debatte. Deutschlands Wirtschaft ist angeschlagen, Lösungen zum Ankurbeln der Konjunktur mussten her. Deshalb kündigte die Bundesregierung vor einer Woche ein 130 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket an, in dessen Rahmen eine Einigung bei der Wasserstoffstrategie erzielt wurde.

Fünf Gigawatt bis 2030

Bis zum Jahr 2030 sollen Anlagen zur Herstellung von Wasserstoff mit einer Gesamtleistung von bis zu fünf Gigawatt entstehen, der Finanzbedarf wird auf etwa sieben Milliarden Euro geschätzt. In den darauffolgenden Jahren soll die geplante Kapazität von Elektrolyseuren um weitere fünf Gigawatt aufgestockt werden. Da diese Kapazität für den Wasserstoffbedarf der Bundesrepublik bei weitem nicht ausreicht, sollen große Teile importiert werden.

Der Einsatz von Wasserstoff soll dabei nicht nur in der Stahl- und Chemieindustrie gefördert werden, sondern auch im Verkehr eine größere Rolle spielen. Ein wichtiger Punkt der Nationalen Wasserstoffstrategie ist dabei die Befreiung der Wasserstofferzeugung von der EEG-Umlage. Dieser Punkt war ebenfalls bereits im Konjunkturpaket enthalten.

Strategie ist auf „Grünen Wasserstoff“ ausgerichtet

Gut fürs Klima ist auf Dauer nur Wasserstoff aus 100 Prozent Erneuerbaren Energien.„Die Nationale Wasserstoffstrategie wird Deutschland doppelten Schub verleihen – für den Klimaschutz und für die nachhaltige Erholung unserer Wirtschaft nach der Corona-Krise“, sagt Bundesumweltministerin Svenja Schulze. „Grüner Wasserstoff bietet uns die Chance, Klimaschutz in den Bereichen voranzubringen, wo wir bisher noch keine Lösungen hatten, zum Beispiel in der Stahlindustrie oder im Flugverkehr“. Und das funktioniere deswegen, weil die Strategie vor allem auf die Förderung von „grünem Wasserstoff“ ausgerichtet sei, so Schulze. „Dafür habe ich mich stark gemacht, denn gut fürs Klima ist auf Dauer nur Wasserstoff aus 100 Prozent Erneuerbaren Energien.“

Die Bundesregierung will damit eindeutig den Fokus auf grünen Wasserstoff setzen. Dafür sollen gleichzeitig klimafreundliche Onshore- und Offshore-Windenergieanlagen zur Stromerzeugung für die Elektrolyse aufgebaut werden. Denn: Um tatsächlichen „grünen“ Wasserstoff zu erzeugen, braucht es für die Aufspaltung von Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff Erneuerbare Energie.

Und genau bei diesem Punkt setzt auch die Kritik der Opposition an. Die Bundesregierung setze zwar mit großem Tamtam auf Wasserstoff, ohne dabei jedoch zu erklären, woher der erneuerbare Strom kommen soll, sagt Ingrid Nestle, Sprecherin für Energiewirtschaft der Grünen-Bundestagsfraktion, dem ARD-Hauptstadtstudio.

Hohe Importabhängigkeit, geringe Energieeffizienz

Der Umweltverband BUND kritisiert, dass Deutschland durch seine gestern beschlossene Nationale Wasserstoffstrategie einen hohen Energieverbrauch verstetige und zentrale Anforderungen an Energiesparen und Energieeffizienz außer Acht lasse. Dadurch entstehe eine hohe Importabhängigkeit. Schließlich soll die Nachfrage nach Wasserstoff im Jahr 2030 bereits 90 bis 110 Terawattstunden (TWh) betragen, wovon Deutschland aber selbst nur etwa 14 TWh erzeugt.

„Deutschland wird absehbar und selbst verantwortet vor einer gigantischen Wasserstofflücke stehen“, bemängelt Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik und Kommunikation beim BUND. „Der zusätzliche Ausbau erneuerbaren Stroms muss dringend und drastisch beschleunigt werden, um die Importabhängigkeit zu verringern.“ Eine echte grüne Wasserstoffstrategie sollte einen Ausbau der Erneuerbaren Energien auf einen Anteil von 75 Prozent an der gesamten Stromerzeugung bis 2030 enthalten.

Erneuerbaren-Anteil muss ausgeweitet werden

Der gleichen Meinung ist auch Michael Müller-Görnert, verkehrspolitischer Sprecher des VCD. „Da für die Wasserstoffproduktion enorme Strommengen benötigt werden, muss der Anteil der Erneuerbaren Energien für die inländische Wasserstoffproduktion erheblich ausgeweitet werden“, so Müller-Görnert. Nur so könne Wasserstoff einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Klar sei aber: „Der Großteil wird importiert werden müssen.“

Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer kritisiert gegenüber der dpa, dass es etwa im Luftverkehr oder Erdgasnetz verpflichtende Beimischungsquoten geben müsse. Ansonsten baue man große Kapazitäten bei der Produktion von Wasserstoff auf ohne entsprechende Abnehmer zu haben. Zudem sei das Geld für Wasserstofftankstellen rausgeschmissenes Geld, Elektroautos seien viel günstiger und von der Effizienz nicht mehr einholbar. jk