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Land- und ForstwirtschaftAgroforst als Teil der Landwende

Mähdrescher fährt auf Feldstreifen, der von kleinen Bäumen begrenzt wird.
Moderne Agroforstwirtschaft passt sich landwirtschaftlichen Anbaumethoden an und könnte zur neuen Normalität werden. (Foto: DeFAF/C.Böhm)

Bäume auf Ackerflächen sichern Erträge, unterstützen Artenvielfalt und werten Böden auf. Wissenschaftler befürworten das Konzept. In der Praxis wird es erprobt. Doch für die Agroforstwirtschaft passen die Rahmenbedingungen noch nicht so recht.

14.11.2020 – Die Landwirtschaft kann viel für den Umweltschutz tun. Gleichzeitig hat sie mit den Auswirkungen des Klimawandels zu kämpfen – weltweit, aber auch in Europa und Deutschland. Eine Landwende steht an, ein grundsätzlicher Strukturwandel bei der Lebensmittelproduktion. Wie bei der Energiewende geht es ums große Ganze: neue Strukturen, aber auch um viele Tausend Akteure und vielgestaltige Wertschöpfungsketten.

Für das facettenreiche Thema gibt es viele Handlungsvorschläge. Einer davon wurde kürzlich im Sondergutachten des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung (WBGU) aufgeführt. Neben anderen Empfehlungen wird die Agroforstwirtschaft als geeignete Maßnahme zur Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre mit gleichzeitig vielen Vorteilen für Erträge und Bodenqualität gesehen.

Agroforstwirtschaft ist der kombinierte Anbau von Gehölzen und Ackerfrüchten. Die Vorteile sind schnell zu verstehen: Gehölzstreifen wie Hecken an Feldrändern oder Baumstreifen, die große Ackerflächen unterteilen, mindern die Windgeschwindigkeit und verhindern Bodenerosion. An Gewässergrenzen sind sie ein wichtiger Schutzstreifen.

Da die Gehölzflächen nicht gedüngt oder mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden, gelingen weniger dieser Stoffe in den Boden und damit ins Grundwasser, weniger klimaschädliche Gase in die Atmosphäre. Außerdem profitieren viele Vogel- und Insektenarten von den Bäumen oder Sträuchern. Die Gehölze beeinflussen das Mikroklima am Standort und damit das Wachstum der angrenzenden Ackerkulturen positiv.

Trennung zwischen Land- und Forstwirtschaft überwinden

Doch die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen benachteiligen diese Nutzungsmethoden. Es gilt administrative Hürden zu überwinden. Obwohl Land- und Forstwirtschaft in einem Atemzug genannt werden, demselben Ministerium unterstehen und beide stark mit den sich ändernden Umweltbedingungen zu kämpfen haben, agieren die Akteure in getrennten Welten. Das hat auch historische Gründe. Die Bauern trieben früher ganz selbstverständlich ihre Tiere zur Futtersuche in die Wälder.

„Mit der Trennung der Nutzungsrechte zwischen Obrigkeit und Landbevölkerung änderte sich das. Die Landwirtschaft wurde aus dem Wald verbannt. Das setzte sich fort bei der Bildung der forstlichen Einrichtungen, Ämter und Gesetze – bis irgendwann die Trennung perfekt war“, schildert Rico Hübner die Entwicklung. Hübner ist Agrarökonom und engagiert sich im deutschen und europäischen Fachverband zur Entwicklung der Agroforstwirtschaft. Der Deutsche Fachverband Agroforstwirtschaft (DeFAF) hat sich erst im letzten Jahr gegründet und tritt nun für die Anerkennung des agroforstlichen Systems ein. „Wir wollen erreichen, dass Agroforst zur Normalität in den Landwirtschaftsbetrieben wird“, fasst Hübner die Zielstellung zusammen.

Die institutionelle Trennung der beiden Landnutzungen spiegelt sich in den heute geltenden Landnutzungskategorien wider: Ackerland, Grünland, Wald. Das wiederum hat unmittelbare Auswirkungen auf den Bodenwert. Es gelten verschiedene Gesetze und Fördermechanismen. Die Umwandlung von Ackerboden in Waldboden wird von Landwirten als Enteignung angesehen. Umgekehrt kämpfen die Forstleute um jeden Quadratmeter Waldfläche.

Anerkennung der Flächen ist Voraussetzung

Soll Agroforstwirtschaft wirtschaftlich funktionieren, ist die Anerkennung der Gehölzstreifen die Voraussetzung. Ein Agroforstsystem muss als landwirtschaftlicher Produktionszweig gelten. Laut Hübner hat die EU hat dafür den rechtlichen Rahmen schon vor etlichen Jahren geschaffen. Nur hat Deutschland ihn nie in nationales Recht umgesetzt. „Jetzt arbeiten wir daran, dass das geschieht.“ Ein wichtiger Schritt wird sein, Agroforste in den deutschen GAK-Rahmenplan aufzunehmen. So wird die Ko-Finanzierung durch den Bund bei Maßnahmen der Bundesländer gesichert.

Frankreich ist in diesem Punkt sehr viel weiter. In etlichen Departments und Regionen kommen Agroforsttypen zum Einsatz. Auch in Italien gibt es bereits nennenswerte Anfänge. In mehreren europäischen Ländern, in denen die Agroforstwirtschaft wie in Deutschland bisher noch nicht ins Agrarecht aufgenommen wurde, wird im Zuge der jetzt stattfindenden Agareform intensiv daran gearbeitet.

EU bereitet den Weg für Agroforst – Deutschland muss ihn beschreiten

Die Vorschläge der Europäischen Kommission und des Parlaments zur GAP-Reform gehen sehr weit. Beispielsweise könnte Agroforst eine eigene Flächenkategorie werden, wie Grünland, Acker, Dauerkultur oder Wald. Dann wären die Flächen für Windschutz- oder Gehölzstreifen erfasst und Bestandteil der betrachteten Landfläche. Der Trilog für die GAP-Reform und damit die notwendige Weichenstellung stehen noch aus. Und dann muss die Bundesregierung Vorschläge machen, wie sie diese in nationales Recht umsetzen will. Doch Hübner ist optimistisch: „Wir gehen davon aus, dass das Thema in der nächsten Agrarperiode deutlich an Fahrt aufnimmt.“

Agroforstbetriebe aus Deutschland sind über die vom DeFAF veröffentlichte Landkarte zu finden. Erfahrungsaustausch sollte also leicht möglich sein.

Zum Hintergrund: Anfang November übergab der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung (WBGU) ein Sondergutachten mit dem Titel „Landwende im Anthropozän – Von der Konkurrenz zur Integration“. Darin geht es um den Wandel in der Landnutzung.

Mit den richtigen Maßnahmen für eine nachhaltige Landnutzung lassen sich Klimawandel, Ernährungskrise und Biodiversitätsverlust gemeinsam bekämpfen, sagen die Autoren des Gutachtens. Eine integrierte Sicht auf diese drei großen Themen ist die zentrale Empfehlung. Der Beirat benennt beispielhaft fünf Mehrgewinnstrategien, damit eine Landwende gelingt: die Ausweitung von Schutzgebieten, die Renaturierung von Ökosystemen, eine vielfältigere Landwirtschaft, die Anpassung von Ernährungsstilen und den sinnvollen Einsatz von Bioökonomie, etwa das Bauen mit Holz. pf


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