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Die Meinung
02. November 2020

Systemwechsel verpasst – Der nächste Knall kommt bald.

EU-Agrarpolitik muss man sich wie einen schwerfälligen alten Tanker vorstellen. Während Klimaziele vereinbart werden und erneuerbare Energien-Ziele (mit mäßigem Erfolg) vorangetrieben werden, liegt der schwere rostige Tanker der EU-Agrarpolitik davon unberührt im Hafen.

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Fraktion Grüne/EFA im Europäischen Parlament

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Fraktion Grüne/EFA im Europäischen Parlament
Bild: Martin Häusling

02.11.2020 – Auch in diesen Wochen wurde es verpasst, das Schiff der Agrarpolitik zu modernisieren, um eine verlässliche Überfahrt in stürmischen Zeiten zu gewährleisten. Stattdessen wurde mit großer Ignoranz gegenüber den Herausforderungen der Zeit von den Konservativen, Liberalen und der Mehrheit der Sozialisten im Europaparlament dem Schiff ein grüner Anstrich verpasst – wird schon halten, bis zum nächsten Knall.

Artenerosion

Was bedeutet ein solcher Knall, wenn man im übertragenen Sinne von der Landwirtschaft und den damit verbundenen Öko- und Klimasystemwirkungen redet? Bisher waren die Schäden an unseren Ökosystemen wie Bodendegradation, Wasserverschmutzung und schleichende Erosion der Arten auf den Feldern und Wiesen vom Großteil der regierenden Politik ignoriert worden. Bei Boden- und Wasserschutz gibt es die Diskussion schon länger. Doch der erste Bericht der Krefelder Artenschützer löste dann den Knall aus und lenkte die Aufmerksamkeit auf das Artensterben.

Das Massensterben von Insekten, das wiederum Vogelpopulationen dezimiert und Ökosystemleistungen zunichtemacht, wird vor allem von der Chemie-basierten Landwirtschaft verursacht. Das ist wissenschaftlich inzwischen unstrittig. Es ist aber gleichzeitig auch ein Riesenproblem für die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit. Denn ein falsches Management bringt unsere Agrarökosysteme aus dem Gleichgewicht. Wo eigentlich Nützlinge zum Einsatz kämen, muss nun Chemie her. Damit schaffen wir ein krankes System, das nur mit hohen externen Inputs künstlich am Leben erhalten wird.

Ein Beispiel: Dominieren Monokulturen, ohne Raum und Nahrung für Insekten, Vögel, Feldhamster und Co., so sind die Felder anfälliger für Schädlingsbefall. Denn Schadinsekten können in einem gesunden Ökosystem von genau diesen Spezies im Schach gehalten werden, die wir in diesen Jahren kaum noch auf unseren Feldern antreffen. Fehlen Sie, so wird die Chemiekeule ausgepackt – oft auch prophylaktisch. Insektizide werden versprüht, weniger Insekten, weniger Nahrung für Vögel sind die Folge – Ein Teufelskreis der Artendezimierung.

Nitratmisere

Noch ein Beispiel: Fehlen Mikroorganismen im Boden, weil diese u.a. durch einseitigen Gebrauch von mineralischem Stickstoffdünger abgestorben sind, wird der Boden weniger fruchtbar, die Folge ist umso mehr Düngung – der Boden verkommt zum toten Substrat. Die Inputs aus energieintensiv hergestellten Düngemitteln und Pestiziden müssen immer weiter erhöht werden, das ist Arten- Klima- und Wasserschädlich.

Das führt uns zum nächsten Knall, dem 2018 von der EU-Kommission eingeleiteten Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland wegen Verstößen gegen die Nitratrichtlinie. Deutschland hat ein Problem mit zu viel Nitrat im Grundwasser. Dies ist vor allem auf den intensiven Gebrauch der genannten mineralischen Stickstoffdünger sowie die hohen Besatzdichten in der Tierhaltung zurückzuführen. Zu viele Tiere auf zu wenig Fläche produzieren große Mengen an Gülle, die wiederum auf den Feldern landen. In vielen sogenannten roten Gebieten sind die Grenzen der Gülleflut seit Jahren erreicht.

Enthält Trinkwasser über 50 mg/l Nitrat, so ist es für den Menschen schädlich. Für Trinkwasserbrunnen in betroffenen Gebieten bedeutet dies einen aufwändigen und für den Steuerzahler teuren Aufbereitungsprozess. Das ist ein seit Jahrzehnten bekanntes Problem, doch statt darauf mit politischen Leitlinien zu reagieren und eine extensivere landwirtschaftliche Produktion zu begünstigen, wurde der Wandel bewusst blockiert und vertagt, bis zur Androhung von rund 900.000€ Strafe pro Tag durch die EU-Kommission.

Die Klimakrise

Der Großteil unserer landwirtschaftlichen Systeme ist ohne Pestizide und mineralische Dünger nicht mehr funktionsfähig und darüber hinaus extrem krisenanfällig. Diese Systeme sind gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels, wie Trockenheit, Starkregen, invasiven Arten schlecht gewappnet, der nächste große Knall steht uns daher kurz bevor.

Ein Ausweg aus diesen Problemfeldern kann nur eine flächendeckende Ökologisierung der Landwirtschaft bedeuten. Eine Landwirtschaft, die auf die ausgleichende Wirkung funktionierender Ökosysteme mit artenreichen Agrarlandschaften und lebendigen, fruchtbaren humusreichen Böden setzt. Auf Eigenproduktion von Futtermitteln, statt Sojaimporte aus Südamerika. Und eine Landwirtschaft die nicht auf Output-maximierung getrimmt ist, weil sie in einem preisgetriebenen Markt wettbewerbsfähig sein muss.

Ein gutes Beispiel wie das funktionieren kann, ist der ökologische Landbau, der auf natürliche Kreisläufe ohne externe Inputs setzt und fruchtbare, humusreiche Böden pflegt, die Wasser speichern und so besser für Wetterextreme gewappnet sind. Der Ökolandbau wirtschaftet mit Respekt vor dem Tier, mit niedrigen Besatzdichten und einer konsequenten Flächenbindung der Tierhaltung. Damit werden übermäßige Nitrateinträge verhindert. Des Weiteren kommt Bio ohne synthetische Pestizide aus, die sich negativ auf Insekten, Mikroorganismen und Co. auswirken.

Diese Best-Practice der Landwirtschaft wäre also ein guter Wegweiser für den Tanker der EU-Agrarpolitik, um eine krisensichere Landwirtschaft zu fördern. Die Förderpolitik muss daher gezielt solche nachhaltigen, krisensichereren Agrarsysteme auf den Feldern fördern, statt wie bisher das Geld blind auf der Fläche zu verteilen. Mit einer regionalen Qualitätsproduktion hätten auch kleine und mittlere Betriebe Zukunftsperspektiven.

Mit einem Fördervolumen von 387 Milliarden könnte man locker eine Ökologisierung der Landwirtschaft einleiten. Erschreckend ist daher, dass bei den wichtigen Entscheidungen in Brüssel letzte Woche keine Änderungen geschaffen wurden, stattdessen wird wie bisher einfach weitergefahren, ohne Rücksicht auf Verluste. Green Deal, Farm-to-Fork, Klimaziele der EU, Biodiversitätsziele, all das scheint auf einmal keine Rolle mehr in dem von Konservativen, Liberalen und Sozialdemokraten getroffenen Kompromiss zu spielen.

Die Stellungnahme des Europäischen Rates unter dem Vorsitz von Julia Klöckner geht in eine noch verheerendere Richtung, von „Systemwechsel“ kann nicht die Rede sein. Die wenigen, aber mächtigen Profiteure dieser Art von Landwirtschaft haben mal wieder gewonnen: Diejenigen, die an Intensivproduktion, Exportorientierung und industrieller Landwirtschaft gut verdienen setzen sich durch.

Ausgetragen wird das auf dem Rücken der Steuerzahler, die dieses anfällige System weiter finanzieren müssen und der Landwirt*innen, die seit Jahren im System Wachse oder Weiche unter die Räder kommen. Jeder weitere Knall, der den stetigen Verfall unserer Lebensgrundlage ankündigt, wird uns teuer zu stehen kommen, wenn wir nicht möglichst schnell einen Wandel und eine grundlegende Sanierung unseres Agrarsystems einleiten.

Der Ball liegt nun bei der Kommission. Steht sie zu Green Deal und Farm-to-Fork, dann muss sie ihre Ziele einbringen. Gelingt ihr das nicht, sollte sie den GAP-Vorschlag zurückziehen.

Martin Häusling ist agrarpolitischer Sprecher der Fraktion Grüne/EFA im Europäischen Parlament und seit 40 Jahren Bio-Landwirt.




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