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Negative EmissionenWie sinnvoll und wichtig sind CO2-Speicher unter dem Meer?

Gischt spritzt an einem Pier an der Nordsee meterhoch auf
Die von einigen europäischen Ländern geplanten CO2-Speicher unter der Nordsee würden mehrere Milliarden Euro kosten. (Bild von Peter Ahrend auf Pixabay)

Einige europäische Länder bereiten die Verpressung von Kohlendioxid im Meeresboden vor. Die Bundesregierung will diese Möglichkeit mitnutzen. Doch welche CO2-Emissionen sind auch langfristig nicht vermeidbar und welche Alternativen gibt es?

16.06.2021 – Carbon Capture and Storage – kurz CCS – beschreibt Technologien zur Abscheidung von klimaschädlichem CO2, unter anderem aus der Luft und Industrieanlagen, und anschließenden Speicherung. Sowohl bei der Abscheidung als auch Speicherung gibt es vielfältige Technologien und Möglichkeiten. Nordseeanrainer wie Norwegen, Belgien, die Niederlande und Großbritannien bereiten aktuell die Verpressung großer Mengen Kohlendioxid im Meeresboden vor. Und Deutschland will diese Möglichkeit mitnutzen.

Wie die Welt am Sonntag zuerst berichtete, bereiten Bundesumwelt- und Bundeswirtschaftsministerium die rechtlichen Rahmenbedingungen vor, um Export und Speicherung von CO2 im Meeresboden zu ermöglichen. Dafür seien Gesetzesänderungen nötig, erklärte das Umweltministerium. Das sogenannte London-Protokoll von 1972 verbietet die Meeresverschmutzung durch das Einbringen von Abfällen und anderen Stoffen. Für die CO2-Deponierung müsste eine Ausnahme geschaffen werden. Auch der grenzüberschreitende Transport von CO2 müsste neu geregelt werden.

Klimaneutralität bedarf negativer Emissionen

Mit den kürzlich nachgeschärften Klimazielen sieht die Bundesregierung vor, bis 2045 Klimaneutral zu sein. Das heißt: Durch Industrie, Verkehr, Landwirtschaft oder Wohnraum darf nicht mehr CO2 in die Luft entweichen, als durch die Natur oder anderen Möglichkeiten der CO2-Abscheidung wieder gebunden werden kann – man spricht auch von negativen Emissionen. Zwar sind die Bestrebungen klar, Emissionen weitestgehend zu vermeiden, doch auch nach 2045 wird es weiterhin unvermeidbare Emissionen geben.

Professorin Daniela Thrän, Leiterin des Departments Bioenergie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), zählt dazu Emissionen aus der Landwirtschaft, die durch Düngung und Viehhaltung entstehen, aus dem Industriesektor, zum Beispiel bei der Produktion von Stahl und Zement und in der Chemieindustrie, als auch aus dem Verkehrssektor, wie bei der Luftfahrt.

Professor Andreas Oschlies, Leiter der Forschungseinheit Marine Biogeochemische Modellierung am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR), verweist auf optimistische Szenarien, wonach nach 2045 immer noch knapp 100 Megatonnen CO2 jährlich emittiert werden. „Dieselbe Menge muss dann jährlich aus der Luft geholt werden“, so Oschlies gegenüber dem Science Media Center.

Dabei gehe es aber nicht nur um negative Emissionen nach 2045, so Thrän: „Es gilt der Budgetansatz: Es kann noch eine bestimmte Menge emittiert werden, dann sind die mit dem Pariser Ziel verbundenen Emissionen emittiert.“ Deutschlands Budget reiche beim aktuellen Ausstoß noch zehn Jahre.

Begrenztes Potenzial natürlicher Kohlenstoffsenken

Naturbasierte Verfahren zur CO2-Abscheidung und Speicherung, wie Aufforstung und der Erhalt von Wäldern und Mooren, sind die bevorzugten Mittel, für negative Emissionen zu sorgen. Doch Oschlies verweist darauf, dass in Deutschland nur begrenztes Potenzial für natürliche Kohlenstoffsenken bestehe. Neben der Förderung natürlicher Kohlenstoffsenken in anderen Ländern geraten für Deutschland daher auch CCS-Verfahren in den Blickpunkt. Eine Möglichkeit sieht die Bundesregierung im Export und der Speicherung von CO2 im Meeresboden.

Doch das Umweltbundesamt warnt vor einem enormen zusätzlichen Energieaufwand und weiterer Risiken, die CCS-Technologien mit sich bringen können. Neben Abscheidung und Speicherung benötige auch der Transport zusätzlich Energie. Wenn CCS zum Einsatz komme, sollten sich Speicher vorrangig in der Nähe von Abscheidungsanlagen befinden, das habe laut Umweltbundesamt auch wirtschaftliche Vorteile.

Bezüglich der Risiken verweist das Umweltbundesamt auf mögliche Leckagen von Speicheranlagen. Bei unterirdischen Anlagen, wie im Falle der Verpressung von CO2 im Meeresboden, könnten durch Leckagen neben CO2 weitere Schadstoffe freigesetzt werden. Das Umweltbundesamt erklärt, dass es weiterer Forschung bedarf, um Vor- und Nachteile verschiedener CCS-Technologien abzuwägen. mf

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