TOP-THEMA
Solarpaket





Natürliche KohlenstoffspeicherWälder und Böden in den Klimaschutz einpreisen

Blühende Wiese, im Hintergrund Wald bei Jena
Das Naturschutzgebiet Windknollen bei Jena wird als wertvolles Ökosystem erhalten. Jeder Hektar Land, der Kohlenstoff speichert, anstatt ihn freizusetzen, hilft beim Kampf gegen den Klimawandel. (Foto: Frauke Hennek / NABU)

Böden und Vegetation können Kohlenstoff speichern und freisetzen. Die EU will diese Prozesse beim Klimaschutz berücksichtigen. Wie genau ist noch offen, denn die Rechnung ist kompliziert. Das Öko-Institut hat mögliche Ziele und Konflikte erörtert.

22.03.2021 – Wälder, Böden und Vegetation speichern Kohlenstoff und sind deshalb in der großen Rechnung zur Emissionsminderung spätestens seit letztem Jahr auf europäischer Ebene ins Blickfeld gerückt. Wie Wälder, Äcker und Grünflächen bewirtschaftet werden, hat Auswirkungen auf die Treibhausgase in der Atmosphäre. Wird die Landnutzung geändert, etwa durch Abholzen von Wäldern, Trockenlegung von Mooren oder intensiver Landwirtschaft, wird CO2 freigesetzt. Deshalb betrachtet die EU diese Aktivitäten im Rahmen der Erreichung der Klimaschutzziele. Der Sektor wird Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft (Land Use, Land Use Change and Forestry, LULUCF) genannt.

Wie genau die Berücksichtigung erfolgt, wird noch diskutiert. Denn die CO2-Minderung von Kohlenstoffsenken – Flächen, die Kohlenstoff speichern – könnte per Rechentrick auch zu höheren Emissionen an anderer Stelle führen. Außerdem können die Werte nur geschätzt und nicht gemessen werden, was die Betrachtung zusätzlich erschwert.

Da die Kohlenstoffsenken bisher nicht vollständig und auch nicht einheitlich in die Betrachtung zur Erreichung der Klimaziele einbezogen wurden, wird vorgeschlagen, die Minderungsziele der Europäischen Union noch einmal zu erhöhen. Denn wenn die angestrebten Emissionsreduktionen auf dem gerade beschlossenen Niveau bleiben, die Kohlenstoffspeichermengen in Wäldern und Böden aber als Minusbetrag in die Rechnung einfließen, führt das am Ende zu einem weniger ambitionierten Klimaschutzziel.

In einer Kurzanalyse für Greenpeace Deutschland hat das Ökoinstitut mögliche Ziele für die Kohlenstoffsenken erörtert. Die Studie analysiert neben der potenziellen CO2-Speicherung aber auch Konflikte, die ein Ausbau der Senken für die EU-Strategien zum Ausbau der Erneuerbaren Energien, zur Anpassung an den Klimawandel sowie den Schutz der Biodiversität hat.

Bereits bis zum Jahr 2030 könnten natürliche Senken in der EU jährlich 400 bis 600 Millionen Tonnen klimaschädliche Treibhausgasemissionen speichern. Als Rahmen dafür muss die EU rechtlich verbindliche, durchsetzbare und quantitative nationale Ziele für den Aufbau und Schutz von Senken definieren. Nicht zuletzt braucht es genaue Regeln zur Bilanzierung und Berichterstattung sowie soziale und ökologische Nachhaltigkeitskriterien für die Senken.

„Wenn wir alte Wälder schützen, Moore renaturieren oder küstennahe Ökosysteme wie Salzwiesen unter Schutz stellen, sorgen wir dafür, dass sie weniger stark von Schädlingen befallen oder widerstandsfähiger gegen extreme Klimaphänomene wie Stürme werden“, erklärt Judith Reise, Mitarbeiterin im Projekt am Öko-Institut. „Damit erhalten sie gleichzeitig mehr Raum und Kapazität, um mehr Kohlenstoff aufzunehmen und zu speichern. Eine Win-win-Situation für den Arten- und Klimaschutz.“

Der Weg führt durch die Wälder

Die Studie gibt auch einen Überblick über die Situation der schützenswerten Ökosysteme in der EU. So umfassen etwa die Wälder der 27 EU-Mitgliedsstaaten und in Großbritannien heute eine Fläche von 167 Millionen Hektar. Sie enthalten Biomasse, die insgesamt 9,8 Gigatonnen (9,8 Milliarden Tonnen) Kohlendioxid speichert. Doch gerade der Wald ist Störungen in Folge des Klimawandels stark ausgesetzt. So führen Stürme und Trockenheit dazu, dass Bäume absterben, Schädlinge sich leichter ausbreiten und noch mehr Pflanzen vernichten. Schätzungen gehen davon aus, dass solche Störungen dazu führen, dass die europäischen Wälder von 2021 bis 2030 jährlich 180 Megatonnen (180 Millionen Tonnen) weniger CO2 speichern. Die Netto-Waldsenke schrumpft damit um mehr als 50 Prozent.

Aber auch Waldbrände setzen große Mengen gespeichertes Kohlendioxid frei. So sind etwa durch die Brände in Portugal und Italien im Jahr 2017 insgesamt rund 23 Megatonnen CO2 freigesetzt worden – das waren rund 40 Prozent der Wald-Kohlenstoffsenken in beiden Ländern in den Vorjahren.

Jeder gerettete Hektar zählt

Ein gelungenes Beispiel für den konkreten Schutz und Erhalt von Ökosystemen auf regionaler Ebene stellten kürzlich NATURSTROM und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) vor. Die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe konnte unter anderem durch eine Kooperation mit NATURSTROM eine Naturschutzfläche erwerben. Das 195 Hektar große Naturschutzgebiet Windknollen ist eine Hügellandschaft bei Jena, die mit ihren blütenreichen Wiesen wertvollen Lebensraum für gefährdete Wildbienen, Wiesenvögel und Schmetterlinge bietet.

NATURSTROM bewarb das Projekt in einer Kundenportal-Aktion, bei der für jeden Umstieg von Papierrechnungen auf das Digitalangebot des Öko-Energieversorgers weitere vier Quadratmeter finanziert wurden. Insgesamt acht der 195 Hektar wurden so finanziert. Damit trug die Aktion nicht nur zum Erhalt des Windknollens bei, sondern senkt zudem den Papierverbrauch im Unternehmen.

„Wir haben diese Aktion ins Leben gerufen, um einerseits den NABU zu unterstützen und andererseits unsere Kundenkommunikation noch nachhaltiger zu gestalten. Und das hat sehr gut geklappt: Mit rund 21.000 Kundenportal-Registrierungen sparen wir künftig etwa 84.000 Seiten Papier im Jahr“, sagt Oliver Hummel, Vorstand der NATURSTROM AG.

„Im Sommer flattern Segelfalter, die Goldene Acht, der Himmelblaue Bläuling und zahlreiche andere Tagfalter über die blühenden Wiesen und zeichnen den Windknollen als Naturparadies aus“, berichtet Frauke Hennek von der NABU-Stiftung. Diese Arten seien besonders schützenswert. Der frühere Truppenübungsplatz bleibt nun sichere Heimat für viele seltene Vogel-, Insekten- und Pflanzenarten und wird zukünftig durch traditionelle Schafbeweidung besonders naturnah und nachhaltig gepflegt. pf

Neuen Kommentar schreiben


Name: *
E-Mail: *
(wird nicht veröffentlicht)
Nicht ausfüllen!


Kommentar: *

max 2.000 Zeichen