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10 Jahre Bündnis BürgerenergieBeteiligung nach dem Kirchturmprinzip

Person bei Grasmahd im Solarpark
Die Mahd im Solarpark übernehmen die Mitglieder der BENG gern selbst. Sie schätzen das gemeinsame Arbeiten. (Foto: BENG eG)

Rund um München und in der Stadt selbst engagiert sich die BENG für die Energiewende. Die Genossenschaft baut Photovoltaikanlagen auf Schulen, Kitas und Mehrfamilienhäusern. Teilhabe und Mitgestaltung der Menschen vor Ort inklusive.

26.03.2024 – Im Solarpark Aschheim sind es die Eigentümer, die Genossinnen und Genossen der Bürgerenergiegenossenschaft BENG, die das aufgewachsene Gras zwischen den Solarmodulreihen mähen und in Containern sammeln. Von einem Gartenbauunternehmen wird das Mähgut zu Biogasanlagen gebracht.  Die letzten Jahre erledigte das ein Dienstleister, aber der Wunsch der Genossenschaftsmitglieder nach mehr Gemeinschaft und Vernetzung ließ diese Idee entstehen. Zudem ist es ein Anliegen, die Fläche ökologisch zu pflegen.

Das abgemähte Gras wird nicht liegengelassen, damit der Rasen magerer wird und dort Pflanzen wachsen, die keinen Dünger brauchen und deshalb auch anderen Insekten Lebensraum bieten. Ein Beitrag für mehr Biodiversität. Die gemeinsame Arbeit verbindet, aber auch die Pausen mit selbstgebackenem Kuchen. Für die Mitglieder, die in der angrenzenden Gemeinde wohnen ist dieser Termin etwas sehr Wertvolles. Sie erleben ihre Gemeinschaft und zeigen großes Engagement.

Freiflächenanlage war erstes Projekt

Die Bürgerenergiegenossenschaft BENG aus München startete ihre Projektgeschichte 2011 mit dieser Freiflächenanlage in Aschheim. Eine Gruppe von Menschen, die sich schon länger für die Energiewende engagierten, war Ursprung für die Genossenschaftsgründung. Sie kamen aus den Landkreisen München, Starnberg und Ebersberg.

Eine zweite Freiflächenanlage folgte zwar nicht, dafür aber eine recht stattliche Anzahl von Photovoltaik-Anlagen auf Schulen, Kindergärten, Sporthallen und einer Kläranlage. Auch in den für die Bürgerenergie schwierigen Jahren – als die Einspeisevergütungen sanken und Projekte nur schwer wirtschaftlich darzustellen waren – wurden jedes Jahr neue Solaranlagen errichtet. Aschheim, Kirchheim, Neuried, weitere Kommunen und das Stadtgebiet von München sind die Wirkungsorte der BENG.

28 Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 3 Megawatt hat die Genossenschaft in den Jahren seit 2011 errichtet und in Betrieb genommen. Bei den meisten Anlagen auf Schulen und Kindergärten wird der Strom im Gebäude selbst genutzt, es wurden Stromlieferverträge mit der Gemeinde geschlossen und der Strom vom Dach liefert ökologischen und günstigeren Strom für die kommunalen Liegenschaften. Auch eine Solaranlage mit Batteriespeicher ist unter den realisierten Anlagen zu finden – bei der Turnhalle in Aschheim.

Ausschüttungen an Mitglieder

Vor allem die Erträge aus der Freiflächenanlage und den Dachanlagen haben es ermöglicht, dass die Genossenschaft über all die Jahre an ihre Mitglieder Ausschüttungen auszahlen konnte. „Aber die Ausschüttungen sind das eine. Wirklich stolz sind wir darauf, auch in den schwierigen Jahren erfolgreiche Projekte realisiert zu haben. Zudem sind wir sehr schlank und effizient organisiert“, betont Doris Kömmling, Aufsichtsrätin der Genossenschaft. Sie ist von Hause aus Geografin und beruflich als Projektleiterin für Wärmeprojekte tätig. „Wir haben unsere Kontakte genutzt und sind auf die Kommunen zugegangen, das war unser Rezept.“

2017 und 2018 wurde jeweils ein Mieterstromprojekt umgesetzt. In Kirchheim hat das besser geklappt als in München, wo nicht so viele Mieter:innen von dem Mieterstromangebot überzeugt werden konnten. Das Mieterstromprojekt in Kirchheim hatte zudem den Vorteil, dass der Kooperationspartner der Genossenschaft zugleich der Grundversorger war, somit für die meisten Mieter kein Anbieterwechsel notwendig wurde. Seitdem wurden weitere Mieterstromprojekte in Neubiberg und Putzbrunn realisiert.

In den letzten beiden Jahren wurden auch größere Dach-Anlagen realisiert. In Kirchseeon wird gemeinsam mit der Arbeiterwohlfahrt eine Anlage mit mehr als 230 Kilowatt Leistung realisiert. „Wenn man so einen Partner gefunden hat, mit dem die Zusammenarbeit gut klappt, dann eröffnen sich neue Projektchancen“, würdigt Kömmling die Partnerschaft mit der AWO. Es gibt viele Kontakte auf Arbeitsebene, die Prozesse sind eingeübt, weitere Anlagen sollen folgen.

Kirchturmprinzip – Anteile bevorzugt an Anwohner:innen

Rund 800 Mitglieder hat die BENG, aus München direkt, dem Landkreis München und einige aus den Nachbarlandkreisen. Wird eine neue Photovoltaikanlage geplant, erfolgt die Vergabe von Beteiligungen nach dem Kirchturmprinzip. Anteile werden zuerst den Anwohner:innen angeboten, die schon Mitglied sind oder es in diesem Fall werden wollen. Erst im zweiten Schritt stehen sie den weiter entfernt wohnenden Mitgliedern der Genossenschaft offen.

Das Thema Energy Sharing brennt auch Kömmling auf der Seele. „Wenn der lokale Verbrauch zwischen verschiedenen Parteien leichter wäre, fände ich das wirklich gut. Ich denke da zum Beispiel an meine 80-jährigen Nachbarn. Sie werden sich keine PV-Anlage mehr aufs Dach bauen, aber ich könnte Ihnen Strom aus meiner Anlage abgeben. Leider muss dieser übers öffentliche Netz fließen und damit wird die Sache kompliziert.“

Vielleicht bald ein Windenergie-Projekt

In naher Zukunft will die Genossenschaft ein ganz neues Kapitel aufschlagen. Eine Beteiligung an einem Windenergieprojekt steht an. Die Genossenschaft wurde von den Standortgemeinden angefragt, ob sie die Bürgerbeteiligung auf die Beine stellen könne.

Kömmling erklärt: „Die Anfrage ist letztlich ein Ergebnis jahrelanger vertrauensvoller Zusammenarbeit.“ Bei dieser Gelegenheit konnte die Gemeinschaft vom Mentoring-Programm des Bündnis Bürgerenergie profitieren. Wertvolles Wissen rund um Grundlagen, Betrieb, Verträge und Management wurden auf diesem Weg transferiert.

Das Finanzierungsvolumen, das nun über die Genossinnen und Genossen von drei Energiegenossenschaften gestemmt werden soll, beträgt cirka 3 bis 4 Millionen, auch unter diesem Aspekt Neuland.

Auch aus diesem Grund beschäftigt die Genossenschaft seit März 2024 ihren ersten hauptamtlichen Mitarbeiter, der die Fäden in der Hand halten soll. Die Vorstände arbeiten weiter wie bisher auf Minijob-Basis.

Vor allem Katharina Habersbrunner, seit dem Beginn als Vorständin aktiv, hat vieles in der BENG vorangebracht. Als Championess der Bürgerenergie und Möglichmacherin, wie sie in einer Laudatio genannt wurde, hat ihr Vorbild immer wieder Frauen in der BENG aktiviert. Von Anfang an war beispielsweise ein Aufsichtsratsmandat von einer Frau besetzt. Als Vorständin des Bündnis Bürgerenergie bringt Katharina Habersbrunner darüber hinaus ihre starke und kompetente Stimme für die Bürgerenergie auf bundespolitischer Ebene ein. Im letzten Jahr wurde sie mit dem Sepp-Daxenberger-Preis der bayerischen Grünen ausgezeichnet.

Dass in der BENG so viele Frauen Mitglied sind und sich engagieren, führt Kömmling auch darauf zurück, dass die finanzielle Einstiegshürde niedrig ist. Bereits ab 100 Euro kann man oder frau Vollmitglied werden, bei konkreten Projekten sich dann über ein Nachrangdarlehen beteiligen. Kömmling kommt noch auf ein anderes Plus der Genossenschaftsarbeit zu sprechen: die gegenseitige Wertschätzung und das teamorientierte Miteinander. „Das hält uns auch bei Problemen oder in schwierigen Zeiten zusammen“, sagt sie. Kömmling formuliert aber auch einen Punkt, den sie bedauert: „Die vielen öffentlichen Dächer in München, auf denen noch keine Solaranlage installiert ist.“ Es sei so wahnsinnig schwer, mit der Stadt München einen Schritt weiterzukommen, um einen Teil der Dächer genossenschaftlich für die Energiewende zu erschließen. „Es gibt so viele Bestandsgebäude, wo das problemlos machbar wäre, das Potenzial sollten wir nicht verschenken.“ Petra Franke

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