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Foodwatch-AnalyseKlimaschäden der EU-Agrarwirtschaft sind enorm

Schwein in einer Stallbox
Ein Schwein sieht dich an: Industrielle Landwirtschaft mit Massentierhaltung und übermäßiger Fleischproduktion, Überdüngung der Böden, zu hohe Nitratbelastung im Wasser – die Umwelt- und Klimabelastungen durch die industrielle Landwirtschaft sind enorm. (Foto: Pixabay)

In der Debatte um mehr Klimaschutz steht die Landwirtschaft viel zu selten im Fokus. Dabei verursacht die industrielle Landwirtschaft in der EU in etwa so viele klimaschädliche Emissionen wie der Straßenverkehr – und damit auch hohe Folgekosten.

24.09.2019 – Eine aktuelle foodwatch-Analyse belegt, dass durch die Agrarbranche in der EU jährlich Klimaschäden in Höhe von 77 Milliarden Euro entstehen. Die Landwirtschaft sei also mit ihrer Überproduktion an Fleisch und klimaschädlichen Anbaumethoden eine riesige Treibhausgas-Schleuder, mahnt foodwatch. Auch in diesem Sektor gelte es daher ganz dringend, verbindliche Vorgaben für die Einsparungen von CO2-Äquivalenten zu formulieren.

Die Verbraucherorganisation foodwatch hatte verschiedene wissenschaftliche Studien ausgewertet, um die von der konventionellen Landwirtschaft verursachten Kosten zu identifizieren. In der daraus folgenden, aktuellen Meta-Studie wird deutlich „wie enorm die externen Effekte der Landwirtschaft“ insbesondere auf das Klima sind – und damit hohe Folgekosten verursachen. Ein entscheidender Fehler liegt im Subventionierungssystem der EU und der einzelnen Länder.

Aktuell hat nach Angaben des deutschen Umweltbundesamts die Landwirtschaft einen Anteil von rund sieben Prozent an klimaschädlichen Emissionen in Deutschland. Im Vergleich zu 1990 soll die Landwirtschaft laut Klimaschutzplan der Bundesregierung bis ins Jahr 2030 mindestens 30 Prozent weniger Treibhausgase verursachen. Wie das Ziel erreicht werden soll, bleibt mit Blick auf die aktuellen Bemühungen jedoch ein Rätsel.

Laut Agrarministerium soll der Sektor Landwirtschaft die Klimaziele mit weniger Treibhausgasemissionen aus Düngung und Tierhaltung sowie mehr CO2-Speicherung erreichen. Land- und Forstwirtschaft könnten Lösungsbringer beim Klimawandel sein, so Bundesagrarministerin Julia Klöckner, da sie im Gegensatz zu allen anderen Sektoren CO2 in den Böden und den Hölzern der Wälder binden könnten. Doch Maßnahmen bleiben aus. Mit einer weitgehenden  Kopplung der Direktzahlungen an die Unternehmensfläche bleibt der Agrarsektor unökologisch und wird auch die Klimaziele nicht erreichen.

Seit 1962 regelt die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) die finanzielle Unterstützung europäischer Landwirte. Betriebe in allen EU-Mitgliedsstaaten werden gefördert und erhalten Direktzahlungen, sog. Basisprämien pro Hektar Land. Zudem existieren Förderprogramme für junge Betriebe sowie die Umsetzung diverser Umweltschutzmaßnahmen – die sind eher bescheiden. Die EU subventioniert vor allem große landwirtschaftliche Betriebe, mit verheerenden Folgen für die kleinen Höfe. Von 80 Prozent der Gelder profitieren laut Agar-Atlas 2019 nur 20 Prozent der Betriebe, die damit weitestgehend ohne Auflagen wirtschaften dürfen.

Das System GAP soll nun für den künftigen Förderzeitraum 2021-2027 reformiert werden. Doch in der aktuellen Debatte werde dabei der Faktor der externen Kosten der EU-Landwirtschaft nur unzureichend berücksichtigt, kritisiert die foodwatch-Studie. Umweltauswirkungen auf Klima, Böden, Grundwasser und Biodiversität seien zwar wissenschaftlich belegt und zu einem gewissen Grad in Geldwerten messbar, „spielen aber kaum eine Rolle im Diskurs zur Ausgestaltung der GAP.“

Verursacherprinzip bleibt außen vor

Industrielle Landwirtschaft mit Massentierhaltung und übermäßiger Fleischproduktion, Monokulturen mit Überdüngung der Böden sowie zu hohe Nitratbelastung im Wasser: Angesichts dessen, dass die EU-Landwirtschaft laut Eurostat im Jahr 2015 etwa 426 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente produziert hat, ergibt sich laut Studie bei einem Preis von 180 Euro pro Tonne CO2 – wie vom Umweltbundesamt empfohlen –ein Betrag in Höhe von 77 Milliarden Euro. Doch diese Umweltkosten spielten in der Agrarpolitik bisher kaum eine Rolle, kritisieren die Studienautoren. Im Vergleich dazu werden  in der EU jährlich 55 Milliarden Steuergelder für Agrarsubventionen ausgeschüttet. „Wer Klima- und Umweltkosten verursacht, muss diese auch bezahlen und darf nicht noch mit Subventionen aus Steuergeldern belohnt werden“, sagt foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. Er fordert daher, das in der Umweltpolitik etablierte Verursacherprinzip auch in der Agrarpolitik geltend zu machen.

Erst vor kurzem hatte der Weltklimarat wieder vor verheerenden Auswirkungen durch die industrielle Landwirtschaft gewarnt. Umweltschutzorganisationen fordern seit langem, die umweltschädliche Agrarindustrie nicht weiter  zu subventionieren. „Mit ihrer Überproduktion an Fleisch und mit unnötig klimaschädlichen Anbaumethoden ist die heutige Landwirtschaft eine riesige CO2-Schleuder – und der Staat fördert das fehlgeleitete Wirtschaften auch noch mit Milliardensubventionen“, warnt foodwatch-Geschäftsführer Rücker. Was der SUV für den Verkehr, sei für die Landwirtschaft die Überproduktion von Fleisch und Massen-Agrarware zu Billigpreisen.

Nicht nur durch hohe CO2-Emissonen entstehen externe Kosten. Auch Grundwasser sowie Flüsse und Seen werden durch Pestizide und Dünger aus der landwirtschaftlichen Produktion belastet, für Wasserbetriebe und Kläranlagen entstehen damit enorme Mehrkosten, heißt es in der Studie. Hauptverursacher solcher Umweltkosten seien Betriebe der hochintensiven konventionellen Landwirtschaft, vor allem im Bereich Tierhaltung. Bei pflanzlichen Produkten seien die negativen externen Effekte deutlich geringer, so ein Studienergebnis. Das gilt laut Foodwatch allerdings auch für die Biolandwirtschaft: Die Klimabilanz in der Bio-Fleischproduktion sei nicht besser als in der konventionellen Produktion.

Echte Zäsur notwendig – und kein Mercosur

Um die großen Einsparmöglichkeiten in der Landwirtschaft zu nutzen, bräuchte es eine große Zäsur in der Agrarpolitk. Für die Landwirtschaft müssten genauso wie für  andere Industriezweige konkrete Reduktionsziele vorgegeben werden. Doch mit dem Freihandelsabkommen Mercosur steuert die EU geradewegs in die entgegengesetzte Richtung. Mit Billigimporten von Fleisch, Soja und Mais aus Südamerika werden die europäischen Landwirte weiterhin im Preis gedrückt, um am Markt mithalten zu können. Dafür verspricht die EU den Landwirten weitere Subventionen, um die Defizite auszugleichen. Ein klimapolitischer Teufelskreis mit teuren Folgen. na