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KlimaplanRussland setzt auf wirtschaftliche Vorteile des Klimawandels

Seit Ende 2019 versorgt die Gaspipeline „Power of Siberia“ China mit russischem Erdgas aus Sibirien. In Zukunft könnten tauende Permafrostböden den Zugang zu Rohstoffen erleichtern.
Seit Ende 2019 versorgt die Gaspipeline „Power of Siberia“ China mit russischem Erdgas aus Sibirien. In Zukunft könnten tauende Permafrostböden den Zugang zu Rohstoffen erleichtern. (Foto: © Gazprom)

Die russische Regierung legt einen Klimaplan vor – und setzt auf Anpassung statt Klimaschutz. Obwohl sich das Land zweimal schneller als der Rest des Planeten erwärmt, sieht die Regierung wirtschaftliche Vorteile und vernachlässigt eine große Gefahr.

07.01.2020 – Die Haltung Wladimir Putins ist eindeutig, er leugnet weiter die Verantwortung der Menschheit für die Klimakrise. Daran ändert auch ein neuer Klimaplan nichts, den die russische Regierung Ende Dezember beschlossen hatte. Dort heißt es, das Territorium der Russischen Föderation habe sich zweieinhalb mal schneller erwärmt als der globale Durchschnitt, der Klimawandel und seine Folgen habe „erhebliche und zunehmende Auswirkungen“ auf die sozioökonomische Entwicklung, Lebensbedingungen und die Gesundheit der Menschen sowie den Zustand der Wirtschaft.

Anpassung statt Klimaschutz

Eine Anpassung sei notwendig, um Verluste zu reduzieren und Vorteile zu nutzen. Dass der Mensch Schuld ist an der globalen Erwärmung unseres Planeten, schreiben die russischen Behörden nicht. Begriffe wie Treibhausgase, CO2 oder Klimaschutz kommen in dem Plan nicht vor. Es geht der Regierung nicht um die Eindämmung der Klimakrise, sondern um die Anpassung an deren Folgen.

Als negative Auswirkungen erwartet Russlands Regierung unter anderem:

  • erhöhtes Risiko für die öffentliche Gesundheit
  • erhöhte Intensität und Dauer von Dürren
  • extreme Niederschläge und Überschwemmungen
  • erhöhte Waldbrandgefahr
  • tauende Permafrostböden im Norden des Landes
  • Störung des ökologischen Gleichgewichts, Verdrängung von Arten
  • Ausbreitung von infektiösen und parasitären Krankheiten
  • erhöhter Energieverbrauch durch Klimaanlagen

Dagegen definiert der Klimaplan mögliche positive Auswirkungen für Russland durch den Klimawandel:

  • geringerer Energieverbrauch während der Heizperiode
  • weniger Eis und damit leichterer Zugang zu Rohstoffen und neue Transportwege in der Arktis, besonders mehr Schiffsverkehr im Arktischen Ozean
  • mehr landwirtschaftlich nutzbare Flächen durch wärmere Temperaturen
  • bessere Nutzbarkeit der Wälder für Forstwirtschaft

Insgesamt 29 Maßnahmen listet der Klimaplan auf, darunter konkrete Anpassungen wie den Bau von Dämmen oder die Möglichkeit, auf hitzeresistente landwirtschaftliche Flächen auszuweichen.

Megathema tauende Permafrostböden

In Bezug auf Russland bereiten Wissenschaftlern besonders die auftauenden Permafrostböden große Sorgen. Steigende Temperaturen in Sibirien führen zu längeren Tauperioden im Sommer und kürzeren Perioden im Winter, in denen die obere Schicht der Permafrostböden wieder zufrieren kann.

Die Folge sind auftauende Böden und ein Prozess, der sich selbst verstärkt. Immer wieder sacken Böden ab, Gebäude stürzen ein. Wo einst Landwirtschaft betrieben wurde, bilden sich durch das Schmelzwasser Seen, die sich stetig ausbreiten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Hälfte der Landfläche Russlands vom Permafrost unterlagert wird. Für Städte und Infrastruktur ein gewaltiges Problem.

Unterschätzte CO2-Gefahr Permafrostböden

Noch größere Sorgen bereitet Klimaexperten allerdings, was im Permafrost schlummert: Jede Menge Treibhausgase. Alle Permafrostböden des Planeten halten schätzungsweise 1.300 Gigatonnen Kohlenstoff unter Verschluss, etwa doppelt so viel wie in unserer Atmosphäre enthalten ist. Tauen diese Böden auf, zersetzen Mikroben die im Eis eingeschlossenen Pflanzenreste und verwandeln Kohlenstoff in Kohlendioxid. Und diese Mengen könnten nach einhelliger Meinung des Weltklima zum Kippen bringen.

„Bis zu einer Gigatonne Methan und 37 Gigatonnen Kohlendioxid könnten im Permafrost Nordeuropas, Nordasiens und Nordamerikas bis zum Jahr 2100 entstehen“, schätzt Christian Knoblauch vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg. Vor zwei Jahren fand er mit Kollegen heraus, dass deutlich mehr Methan in tauenden Permafrostböden gebildet werden kann als bisher angenommen.

Besonders gefürchtet ist der Rückkopplungseffekt: Das Auftauen des Dauerfrosts führt dazu, dass Treibhausgase freigesetzt werden, die wiederum die Erderwärmung beschleunigen. Je wärmer es wird, desto schneller tauen die Permafrostböden, womit sich der Kreis schließt. Ein Grund, warum die Vereinten Nationen im vergangenen Jahr tauende Permafrostböden als eine der fünf unterschätzten Umweltgefahren benannte. Dennoch betreibt die russische Regierung keinen Klimaschutz, sondern passt sich lediglich den neuen Verhältnissen an. cw


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