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Deutsche unter EU-SchnittDie öffentlichen Verkehrsmuffel

Schwarz-Weiß Bild einer leeren Straßenbahn.
Für Klima- und Umweltschutz müssen Bus und Bahn mehr Menschen transportieren, die bislang mit dem Auto fahren. (Bild von Retr0_n3rd auf Pixabay)

In Tschechien fahren viele Menschen Bus, in Österreich mit der Bahn. In Deutschland hingegen liegt die Nutzung des öffentlichen Verkehrs unter dem Durchschnitt der Europäischen Union. Die Gründe dafür sind vielfältig. Doch Besserung ist in Sicht.

24.09.2020 – Im Jahr legt der durchschnittliche EU-Bürger 2.170 Kilometer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Deutlich darüber liegen Tschechien und Österreich. In Tschechien fährt jede Person pro Jahr im Durchschnitt 3.670 Kilometer mit den Öffentlichen – vor allem mit Bussen. Die Österreicher kommen auf 3.460 km pro Person und Jahr. Besonders bei der Nutzung der Schiene sind die Österreicher ihren EU-Partnern weit voraus. Mit rund 2.300 Kilometern pro Person und Jahr wird in Österreich mehr als doppelt so viel auf der Schiene gefahren wie im EU-Schnitt, der bei 1.110 km liegt.

Deutschland behauptet sich bei der Nutzung der Schiene immerhin etwas über dem Durchschnitt, mit 1.400 km pro Kopf im Jahr. Doch unter Einbeziehung des gesamten öffentlichen Verkehrs steht Deutschland schlecht da. Mit Bahn und Bus im Fern- wie Nahverkehr ist der deutsche Durchschnittsbürger nur 2.150 km im Jahr unterwegs. Mit dem Auto hingegen werden pro Kopf und Jahr 11.080 km zurückgelegt. Dazu trägt vor allem die autogerechte Umgestaltung der Städte in den 1970er und 80er Jahren bei, sagt Philipp Kosok vom ökologischen Verkehrsclub Deutschland.

Bei einem derart überzeugenden Öffi-Angebot kann keine deutsche Stadt mithalten

In Österreich hingegen sah die Umgestaltung nicht so heftig aus. „Sie haben sich viel von den alten kleinteiligen Städten bewahrt, die man am besten zu Fuß oder per Tram erkundet“, so Kosok. Vor allem die Hauptstadt Wien zeigt, wie grüne Mobilität funktioniert. Für den ÖPNV gibt es ein Jahresticket für 365 Euro. Dazu kommt eine hohe Takt- und Haltestellendichte. „Bei einem derart überzeugenden Öffi-Angebot kann keine deutsche Stadt mithalten“, sagt Kosok.

Auch im Fernverkehr nutzen die Österreicher häufig die Bahn. Und das soll ab kommendem Jahr richtig günstig werden. Ein Jahresticket für das gesamte Bundesgebiet wird dann 1.095 Euro kosten, also umgerechnet drei Euro am Tag. In Deutschland sind für die Bahncard 100 mindestens 3.878 Euro im Jahr fällig. Mit einem immer größer werdenden Angebot an Nachtzügen sorgen die Österreicher auch für grüne Mobilitätsangebote zwischen europäischen Metropolen.

Deutschland hält da nicht mit. Im letzten Jahr fielen die Investitionen des Staates in die Schiene sogar geringfügig von 77 auf 76 Euro pro Kopf. Österreich hingegen steigerte sein Investitionsvolumen von 218 auf 404 Euro pro Kopf. Ein Masterplan Schiene von Bund und Bahn in Deutschland soll das ändern. In den kommenden zehn Jahren sollen 170 Milliarden Euro in Modernisierung und Kapazitätssteigerung investiert werden. Bis 2030 wollen Staat und Deutsche Bahn die Fahrgastzahlen verdoppeln.

Auch in den Städten tut sich etwas. Der Berliner Senat etwa will bis 3035 den Nahverkehr massiv ausbauen und modernisieren. Dafür sind Mittel von 28 Milliarden Euro vorgesehen. Vorgesehen ist unter anderem der Ausbau des Straßenbahnnetzes um 85 Kilometer. Dann sollen 477 Trams im Einsatz sein – etwa 40 Prozent mehr als heute. Das Angebot an Bus- und U-Bahnlinien wird ebenfalls ausgebaut. Das soll unter anderem zu einer dichteren Taktung führen.

Dass die autogerechte Umgestaltung im letzten Jahrhundert ein Fehler war, würde auch hierzulande immer mehr Menschen bewusst, meint Kosok. „Daher bin ich zuversichtlich, dass Deutschland in den nächsten Jahren zu Österreich aufschließen wird“, so Kosok weiter. mf 


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